Die Perspektiven von Open Data

Feature | 12. April 2013 von Heather McIlvaine 0

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Stellen Sie sich vor, Sie besichtigen als Tourist New York und möchten nach einem langen Tag irgendwo eine Kleinigkeit essen. Bevor Sie aber einfach in das nächste Schnellrestaurant gehen, möchten Sie auf „NYC Restaurant Scrutinizer“ mehr darüber herausfinden. Diese App ist kein gewöhnlicher Restaurantführer. Hier werden nicht nur die Speisen bewertet. Es können auch die Ergebnisse von Restaurantkontrollen durch das Gesundheitsamt von New York eingesehen werden. Nachdem Sie feststellen, dass das Schnellrestaurant sein Fleisch nicht richtig kühlt, entscheiden Sie sich für das Chinarestaurant an der Ecke mit der Note 1. Außerdem sollen die Frühlingsrollen dort sehr gut sein.

NYC Restaurant Scrutinizer“ wurde 2009 von Michael Boski, einem privaten App-Entwickler, entwickelt. Er kam der Behörde damit um etwa drei Jahre zuvor: „ABCEats“, die eigene App des Gesundheitsamtes mit Restaurantbewertungen erschien erst 2012 auf iTunes.

Private Entwicklung von Apps und offene Daten

Boski nutzt als Privatperson öffentlich verfügbare Daten, um mobile Anwendungen zu entwickeln, von denen die Allgemeinheit profitieren kann. Da die meisten öffentlichen Institutionen bei diesen Informationen eine offene Datenpolitik unterstützen, ist die Entwicklung solcher Apps nicht gesetzeswidrig. Das Gesundheitsamt der Stadt New York zum Beispiel stellt die Ergebnisse seiner Kontrollen bereits seit Mitte der 1990er Jahre für jedermann sichtbar ins Netz. Dabei ist zu beachten, dass „NYC Restaurant Scrutinizer“ ohne diese Öffnung der öffentlichen Verwaltungen nicht möglich wäre. Andererseits war es Boski und nicht die öffentliche Verwaltung, der die Initiative ergriffen hat, um sicherzustellen, dass die Informationen einfacher zu nutzen und den Bürgern von größerem Nutzen sind.

In ihrer derzeitigen Form sind frei verfügbare Daten der öffentlichen Hand aber häufig zu umfangreich und zu komplex. Auch sind sie gewöhnlich nicht für den allgemeinen Gebrauch geeignet, da sie keinen Kontext aufweisen. Aber nicht jeder ist davon überzeugt, dass sich dieses Problem mit der Entwicklung entsprechender Anwendungen durch Privatpersonen lösen lässt. So können Apps von privaten Entwicklern wie „NYC Restaurant Scrutinizer“ nicht die Genauigkeit der bereitgestellten Informationen garantieren. Außerdem berücksichtigen sie häufig  nicht mögliche negative Folgen für die Unternehmen und Behörden.

Die Dynamik offener Daten

Das SAP-Team Public Services Industry Business Solutions wollte mehr darüber erfahren, wie sich diese Initiativen für offene Daten auf den öffentlichen Sektor und die private Wirtschaft auswirken. Das Team beauftragte daher das Center for Technology and Government (CTG) – eine unabhängige Forschungsorganisation an der University at Albany, State University of New York – mit einer Studie in diesem Bereich. Das entstandene White Paper, „The Dynamics of Opening Government Data“, untersucht zwei Beispiele für Open-Government-Projekte und stellt anhand der Forschungsergebnisse von CTG vier Empfehlungen vor.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie sich offene Daten auf Anspruchsgruppen auswirken

Das erste Beispiel mit dem New Yorker Gesundheitsamt wurde bereits oben erwähnt. Das zweite Beispiel betraf das Straßenverkehrsamt der Stadt Edmonton in Kanada und die Veröffentlichung von Daten zu geplanten Straßenbauprojekten. „In beiden Fällen wurde deutlich, dass es nicht einfach darum geht, Verwaltungsdaten öffentlich frei verfügbar und nutzbar zu machen“, sagt Anthony Cresswell, Senior Fellow am CTG. „Es gibt auch um längerfristige Konsequenzen, die schwer vorherzusagen sind. Mit unserer Forschungsarbeit wollten wir Strategien und Richtlinien präsentieren, damit staatliche Stellen bereits im Vorfeld verstehen, wie es sich auf alle betroffenen Anspruchsgruppen auswirkt, wenn Daten frei zugänglich gemacht werden.“

Die Informationsordnung 

Ein wesentlicher Aspekt des White Papers ist es, diese Anspruchsgruppen zu ermitteln und zu verstehen, die gemäß Cresswell und seinen Kollegen in eine „Informationsordnung“ integriert sind. „Diese Informationsordnung umfasst die staatlichen Stellen, die die Daten erstellen, Mitarbeiter, die die Daten nutzen, Bürger, die auf die Daten zugreifen möchten, App-Entwickler, die die Daten verändern, und weitere  Anspruchsgruppen“, erklärt Brian Burke, Senior Program Associate beim CTG. Michael Boski ist also Teil einer Informationsordnung. Genauso wie die Nutzer der App, die kontrollierten Restaurants und vor allem die Behörde, die diese Kontrollen durchführt und die Daten bereitstellt. „Die Zeitnähe, das Format und die Qualität der Daten, die die öffentliche Hand zur Verfügung stellt, wirken sich alle auf die Nutzbarkeit der Daten für Entwickler aus“, sagt Burke. „Die Beziehung zwischen diesen Informationsquellen hat einen entscheidenden Einfluss darauf, welcher Nutzen diese Daten für die Öffentlichkeit haben.“

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Vier Empfehlungen des CTG

Wie sollten Behörden Projekte zur Bereitstellung von Datenbeständen für die Allgemeinheit realisieren und dabei einen größtmöglichen Nutzen und ein möglichst geringes Risiko gewährleisten? Cresswell und Burke erläutern die vier Empfehlungen aus dem White Paper.

1. Verwaltungsdaten veröffentlichen, die für Behörden relevant und von allgemeinem Interesse sind

Im Rahmen der Open Government Initiative, die von der Obama-Regierung 2009 ins Leben gerufen wurde, veröffentlichten Bundesbehörden der USA hochwertige Datensätze im Internet unter data.gov. Jeder kann auf die Website zugreifen und eine riesige Menge von Informationen einsehen, vom Standort jedes Marktes im Land, auf dem Bauern ihre Produkte verkaufen, über den durchschnittlichen Energieverbrauch pro Haushalt bis zum amerikanischen Handelsvolumen von Tomaten. Aber wie viele Bürger möchten wirklich wissen, wie hoch der aktuelle Ertrag der Tomatenernte im Land ist? „Wenn Behörden versuchen, Ressourcen, Zeit und Aufwand aufeinander abzustimmen, sollten sie  sich auf die Daten konzentrieren, die den größten Nutzen für die Allgemeinheit bieten“, sagt Cresswell.

2. In Strategien investieren, die berücksichtigen, wie die Daten von verschiedenen Anspruchsgruppen genutzt werden

„Manche Datensätze wie zum Beispiel ein öffentlicher Haushalt sind für ein Smartphone weniger geeignet. Andere wie die Ergebnisse von Restaurantkontrollen sind dagegen viel sinnvoller, wenn sie mit geografischen Daten verknüpft werden, die unterwegs genutzt werden können. Wenn Sie sich daran orientieren, wie die Nutzer wahrscheinlich mit den Daten umgehen werden, können Sie die technische Lösung auswählen, von denen diese am besten profitieren können“, sagt Burke. Außerdem möchten verschiedene Anspruchsgruppen unter Umständen auf verschiedene Arten von Daten zugreifen. Im Beispiel des Straßenbauprojekts möchte ein Pendler vielleicht wissen, mit welcher Verspätung er auf einer bestimmten Strecke rechnen muss, während der Vorarbeiter einer Baustelle, der in der Nähe einer Straßensperre gräbt, wissen möchte, wo die neue Abwasserleitung genau verlegt wurde. Öffentliche Institutionen müssen daher entscheiden, ob sie zukünftig in die Erfassung neuer Daten investieren sollen, um den verschiedenen Bedürfnissen gerecht zu werden.

3. Datenmanagementmethoden erarbeiten, die den Kontext und den Nutzen von Daten verbessern

„Gute Metadaten steigern den Nutzen der Daten. Das klingt sehr simpel, ist aber durchaus wirkungsvoll“, sagt Burke. Der Entwickler, der die Straßenbau-App für die Bürger von Edmonton erstellte, berichtete, dass die Entwicklung der Anwendung ganz einfach war, da die Stadt bereits Metadaten von hoher Qualität bereitgestellt hatte. Der Datensatz beinhaltete zum Beispiel bereits Geodaten, die GIS-Standards entsprachen, sodass die Informationen viel einfacher und genauer geografisch zugeordnet werden konnten. Ein gutes Datenmanagement ist für Behörden, die ihre Daten besser zugänglich und nutzbar machen möchten, das A und O.

4. Nachhaltigkeit berücksichtigen

Um die Nachhaltigkeit eines bestimmten Datensatzes sicherzustellen, ist es wichtig zu verstehen, welche Vorteile und Risiken die Offenlegung der Daten überhaupt mit sich bringt. Bevor die Noten für Restaurants vom Gesundheitsamt von New York im Internet veröffentlicht wurden, mussten die Restaurants ihre Bewertung im Lokal aushängen. Ein schlechtes Zeugnis fiel dann nicht auf, wenn es an einer schwer einsehbaren Stelle hing. Als die Behörde in den 1990er Jahren begann, ihre Kontrollberichte ins Netz zu stellen, bekamen Restaurants die Auswirkungen einer schlechten Bewertung viel stärker zu spüren.  Sie verlangten daher häufigere Gesundheitskontrollen, um eine bessere Note erlangen zu können. Das Gesundheitsamt reagierte darauf mit der Einstellung weiterer Kontrolleure. „Wenn man den Nutzen und das Risiko kennt, die mit der Veröffentlichung von Informationen verbunden sind, kann man besser abschätzen, welche zusätzlichen Ressourcen in Zukunft benötigt werden“, empfiehlt Burke.

Was bedeutet das für SAP?

Während Behörden ihr Konzept für offene Daten angesichts dieser vier Empfehlungen neu bewerten, prüft auch SAP, was dies für die Softwareindustrie bedeutet: „Die Studie des CTG hilft SAP, besser die Herausforderungen zu verstehen, vor denen der öffentliche Sektor heute steht, um offene Daten und das Leitbild Open Government zu unterstützen“, sagt Elizabeth McGowan, “director of technology & innovation for business solutions in the public services industry” bei SAP. „Um der Allgemeinheit in Zukunft einen Mehrwert bieten zu können, wird es für jede Ebene der öffentlichen Verwaltung unerlässlich sein, in Strategien zu investieren, mit denen Daten den Bürgern, Anspruchsgruppen und anderen Behörden frei zugänglich gemacht werden. Wir sind davon überzeugt, dass Lösungen zur Bewältigung und Analyse großer Datenmengen einen wesentlichen Teil dieser Strategien bilden werden .“

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