Die Zeit drängt

Feature | 29. September 2004 von admin 0

Am 1. Januar 2005 ist es soweit: Die lückenlose Rückverfolgbarkeit von Lebens- und Futtermitteln sowie deren Inhaltsstoffen wird von allen Herstellern und Lieferanten in Europa per Gesetz verlangt. „Die Rückverfolgbarkeit ist dabei in allen Produktions-, Verarbeitungs- und Vertriebsstufen sicherzustellen“, so heißt es in der EU-Rahmenverordnung. Das bedeutet: Jeder Produzent, Verarbeiter oder Händler in der Lebensmittelkette trägt für seine Stufe die Verantwortung. Gleichwohl muss gewährleistet sein, dass man jederzeit zurückverfolgen kann, von welcher Vorstufe ein Produkt gekommen und an welche Nachstufe es gegangen ist. Dadurch soll erreicht werden, dass die Herkunft aller enthaltenen Rohstoffe leicht zu ermitteln ist – sozusagen vom Ladentisch zurück bis auf den Acker. „Die lückenlose Dokumentation und Rückverfolgung sämtlicher Rohstoffe bis zu einem bestimmten Fertigprodukt und dem damit belieferten Kunden wird ein enormer administrativer und logistischer Aufwand sein“, ist sich auch Holger Behrens sicher. Behrens ist Vorstand des Ettlinger SAP Business Partners command, der unter anderem Software für mittelständische Nahrungsmittelproduzenten entwickelt und anbietet.

IT: Stütze der Chargenrückverfolgung

Ohne durchgängige EDV-Systeme, die sämtliche Produktinformationen effizient strukturieren und übersichtlich darstellen, wird es für die Nahrungsmittelindustrie künftig schwierig, die hohen Anforderungen zu erfüllen. Die Händler, erschüttert durch Lebensmittelskandale, BSE-Krise und Etikettenschwindel, vertrauen gewiss eher jenen Food-Herstellern, die auf moderne Technologie statt auf Zettelwirtschaft setzen.
Auf der anderen Seite der Lieferkette stehen die Verbraucher. Viele sind beispielsweise gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln sehr skeptisch. Dem kommt die Kennzeichnungspflicht von Lebens- und Futtermitteln aus gentechnisch veränderten Organismen (GVOs) entgegen, die bereits seit Mai 2004 gilt. Die Verordnung verlangt von Unternehmen, die gentechnisch veränderte Produkte benutzen oder weiterleiten, die Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten. Das bedeutet: Angaben über das Vorhandensein von GVOs müssen über die gesamte Handelskette weitergegeben und für mindestens fünf Jahre aufbewahrt werden.
Eine Kennzeichnungspflicht gilt auch in Bezug auf Stoffe, die Allergien auslösen können. Rechtsanwalt Peter Liesen, Referent beim Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie: „Sobald ein solcher Stoff in einem Lebensmittel enthalten ist, ob als Zusatzstoff oder als Zutat, gleich in welcher Menge, muss der Hersteller ihn ab 2004 in der Zutatenliste deklarieren.“ Die eingesetzte Software sollte also in der Lage sein, dem fertigen Produkt zusätzliche Angaben zu den verwendeten Rohstoffen mitzuliefern. Hinzu kommt, dass Unternehmen künftig binnen weniger Stunden – und nicht innerhalb von wenigen Tagen – Handel und Behörden Auskunft über Warenbewegungen geben können müssen. Eine IT-gestützte Chargenrückverfolgung ist daher unerlässlich.

Die Branche muss sich sputen

Dabei ist die Lebensmittelbranche noch nicht ausreichend für die Umsetzung der neuen Verordnung gerüstet. Das ist auch die Erfahrung von command-Vorstand Holger Behrens, dessen SAP-Branchenlösung Foodsprint die neuen Richtlinien bereits erfüllt: „Die Unternehmen verhalten sich noch immer zögerlich, was die Vorbereitung auf die erweiterten Anforderungen der Gesetzgeber angeht. Dabei unterschätzen sie die Brisanz der Thematik.“
Und die Zeit drängt. Einige große Einzelhandelsunternehmen fordern schon jetzt von ihren Lieferanten im Rahmen des IFS-Zertifikats (International Food Standard) die elektronische Übermittlung der Rechnungen inklusive Chargeninformationen. Die Einführung einer IT-Lösung mit integrierter Chargenrückverfolgung dauert laut Holger Behrens bei seiner Food-Softwarelösung im Schnitt vier bis acht Monate. „Wer also am 1. Januar 2005 nicht ohne IT-Lösung dastehen will, muss sich beeilen“, bekräftigt der command-Vorstand. Außerdem kann es zum Jahresende hin zu Engpässen in Sachen Beratung kommen. Denn auch mit einer maßgeschneiderten ERP-Lösung (Enterprise Resource Planning) speziell für die Nahrungsmittelbranche müssen die Unternehmen die Chargenrückverfolgung organisatorisch umsetzen.

Integrierte Chargenrückverfolgung…

command empfiehlt, bei der Vorbereitung auf die EU-Verordnung 178/2002 eine IT-Lösung zu wählen, die Chargenrückverfolgung als integrierten Bestandteil bietet. Dafür ist eine ERP-Lösung, die alle Produktionsstufen der Herstellung eines Lebensmittels integriert abbildet, die Voraussetzung – Insellösungen werden künftig zu einem Problem. Integrierte Systeme mit einer einheitlichen Datenhaltung haben dagegen einen enormen Vorteil: Alle relevanten Daten des Produktionsprozesses vom Eingang der Rohware über Rezeptur und Verarbeitung bis hin zur Verpackung werden durchgängig in nur einem System gepflegt. So ist zum Beispiel bei der SAP-Branchenlösung Foodsprint das Qualitätsmanagement bereits vollständig integriert: Sämtliche Prüfprotokolle der Rohstoffe im Wareneingang, aus den Inprozesskontrollen während des Herstellungsprozesses bis zur Endkontrolle der Fertigwaren werden im SAP-System erfasst und verwaltet. Zusätzlich kann auch ein Laborinformations- und -Managementsystem (LIMS) angebunden werden.

… sorgt für Schadensbegrenzung bei Rückrufaktionen

Ein integriertes System ermöglicht beispielsweise auch ein effizienteres Vorgehen in Bezug auf die neue Meldepflicht, die in Deutschland bereits heute in Kraft ist. Danach ist ein Unternehmer verpflichtet, den Überwachungsbehörden umgehend eine Meldung zu machen, sobald er Grund zu der Annahme hat, dass ein von ihm in Verkehr gebrachtes Lebensmittel nicht den Vorschriften entspricht, die dem Schutz der Gesundheit dienen. „Ein stiller Rückruf ohne Einschaltung der Behörde wird zukünftig im Hinblick auf das neue Verbraucherinformationsgesetz faktisch nicht mehr möglich sein“, betont Peter Liesen vom Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie. Das Unternehmen muss ein nicht sicheres Futter- bzw. Lebensmittel sofort vom Markt nehmen, die zuständigen Behörden unterrichten und die Verbraucher über die Rücknahme informieren. Im Falle eines Verdachts müssen dem Hersteller also schnellstmöglich alle Informationen über die Charge und die Adressen der Lieferanten und Kunden, an die er die Ware weiterverkauft hat, zur Verfügung stehen. Je genauer er dabei die tatsächlich betroffene Charge eingrenzen kann, umso weniger Ware muss er aus dem Umlauf zurückholen.
command hat eine Checkliste zur Chargenrückverfolgung mit IT-Systemen veröffentlicht. Darin wird erläutert, was eine Software mit integrierter Chargenrückverfolgung nach der neuen EU-Verordnung 178/2002 können muss, was sie können sollte und welche Kriterien für die Zertifizierung nach dem International-Food-Standard (IFS) relevant sind. Die Checkliste steht unter den Web-Adressen http://www.chargenrueckverfolgung.de und http://www.foodsprint.de zum Download bereit.

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