Die Zukunft beginnt heute

Feature | 29. Juni 2005 von admin 0

Professor von Ammon, was ist unter einer Service-orientierten Architektur (SOA) zu verstehen?

Der Grundgedanke ist folgender: Im eigenen Unternehmen und vor allem weltweit existieren bereits eine Unmenge von Services, das heißt softwaretechnischen Lösungen für bestimmte Probleme, die in anderen Anwendungen, Geschäftsprozessen oder Kontexten wiederverwendbar sind. Man programmiert also nur eine Art „Rumpfapplikation“, von der aus solche im Unternehmen oder weltweit verteilten Services über standardisierte Schnittstellen angebunden werden.

Das ist zunächst nicht besonders neu, denn es wurde bereits seit Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts von den Software-Herstellern in den so genannten Komponentenplattformen vorgedacht. Dabei konnten sich Komponenten oder Services zwar innerhalb einer Plattform aufrufen und miteinander kommunizieren, Plattform-übergreifend war das allerdings nicht möglich.

Was ist dann das Neue an einer Service-orientierten Architektur?

Viele Firmen stehen auch aufgrund des internationalen Wettbewerbs vor der Herausforderung, verschiedenste Software-Lösungen zu integrieren, sei es im Unternehmen selbst oder in Verbindung mit Zulieferern und Kunden. Solche Service-orientierten Architekturen können heute standardisiert über Webservice-Technologien wie UDDI, WSDL oder SOAP realisiert werden.

Die Aufgabe eines Unternehmens ist es nun, die jeweils geeignete Technologie auszuwählen. Dabei müssen vielerlei Aspekte in Betracht gezogen werden. Neben der Performance, also Leistungsfähigkeit, Reaktionsgeschwindigkeit, Antwortzeitverhalten, und der Skalierbarkeit, das heißt dem Verhalten bei zunehmender Last etwa durch gleichzeitige Nutzung eines Systems im Internet durch mehrere Anwender, geht es auch um Sicherheitsfragen, Transaktionsmanagement und vieles mehr. Hier bietet SAP mit SAP NetWeaver eine offene, skalierbare, sichere und zukunftsfähige Plattform.

Welche Vorteile in puncto Zeit- und Kostenersparnis haben Unternehmen, die eine SOA nutzen?

Einer der wichtigsten Vorteile ist die enorme Flexibilität, die sich mit dieser Architektur erreichen lässt. Das gilt einmal für die so genannte Orchestrierung der Services, das heißt für die Reihenfolge, in der sie aus einem Geschäftsprozess heraus aufgerufen werden. Man kann Geschäftsprozesse zur Laufzeit modifizieren, Services ändern, austauschen oder ergänzen oder sie zwischen einzelnen Geschäftspartnern – lose gekoppelt – miteinander verketten. Das hat zum Beispiel den Vorteil, dass man nicht auf Gedeih und Verderb an einen oder mehrere Geschäftspartner gebunden ist.

Ein weiterer Pluspunkt ist, dass vorgefertigte Services in der Regel bereits ausgetestet sind und ihre Qualität gesichert ist. So können Firmen innerhalb kürzester Zeit aus fertigen Komponenten sehr komplexe Systeme aufbauen, was vor allem unter Kostenaspekten für den Mittelstand in Zukunft relevant sein wird. Der Markt für solche Services wächst zusehends. Die Unternehmen brauchen nur noch beispielsweise in den Gelben Seiten eines UDDI-Knotens nachzusehen, um den für sie passenden Service auszuwählen. Verglichen mit den Aufwendungen, die entstehen, wenn ein Service selbst entwickelt und gewartet werden muss, sind die Kosten für die Beschaffung und Lizenzierung eines Service überschaubar.

Können Sie das anhand eines konkreten Geschäftsprozesses aus einer bestimmten Branche beschreiben?

Ich nenne Ihnen zwei Beispiele, einmal aus dem B2C-Bereich, einmal aus dem B2B-Bereich. Beispiel eins: Auf einem B2C-Portal haben Nutzer die Möglichkeit, einen Kredit zu beantragen. Dabei wird in Wirklichkeit das Online-Portal einer Bank aufgerufen. Im Laufe des Prozesses der Kreditbeantragung wird auch die Bonität des Antragsstellers überprüft, wobei außerdem der Service der Schufa-Auskunft (= Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung; Anm. d. Redaktion) zum Einsatz kommt. Das heißt, der Nutzer ruft eine ganze Kaskade von Services auf mehreren Ebenen auf. Diese laufen jedoch für ihn unsichtbar im Hintergrund des Portals ab. Der Nutzer selbst sieht dann nur das Ergebnis: Er bekommt den Kredit, oder er bekommt ihn nicht.

Beispiel zwei: Ein Fertigungsunternehmen, das beispielsweise eine umfassende SAP-R/3-Landschaft, daneben aber auch Fertigungsleitrechner sowie einen Mainframe und noch diverse andere Systeme einsetzt, kann diese unter dem Dach einer einheitlichen Portalstruktur sinnvoll zusammenführen. Das verringert Schnittstellen und verbessert zudem bereits vorhandene Standardfunktionalitäten, etwa aus dem SAP-R/3-System. So werden einerseits historisch gewachsene IT-Landschaften „saniert“, andererseits wird eine zukunftsfähige IT-Architektur geschaffen, in die dann problemlos neue Systeme etwa von Zulieferern oder von Kunden integriert werden können.

Das klingt reichlich komplex. Werden mittelfristig auch mittelständische Firmen, die weltweit operieren, von der Umstellung auf eine Architektur miteinander kommunizierender Dienste profitieren?

Ja natürlich, denn auch, vielleicht sogar besonders Mittelständler haben das Problem nicht integrierter oder hart „verdrahteter“ Software-Inseln, die dann zu kaum mehr wartbaren Software-Architekturen führen. Es geht also bei SOA nicht nur um die Entwicklung neuer Anwendungen, sondern auch um die Harmonisierung bestehender Software-Landschaften. In diesem Zusammenhang ist es gar nicht wichtig, ob mittelständische Unternehmen weltweit oder regional operieren. Entscheidend ist, dass sie weltweit existierende Services in ihre Prozesse einbinden können und diese Services nicht mehr selbst entwickeln und warten müssen. Gerade der Mittelstand steht ja heute unter einem enormen Kostendruck und kann mit seinen in der Regel begrenzten Budgets und unterbesetzten IT-Abteilungen Eigenentwicklungen inzwischen kaum noch leisten, geschweige denn gleichzeitig mit neuen Entwicklungstendenzen mithalten.

SOA werden gern (und manchmal ausschließlich) mit Web-Services in Verbindung gebracht. Lässt sich eine SOA auch mit anderen Technologien umsetzen?

Das Konzept von SOA ist mehr als „nur“ Web Services. Es ist eine Integrationsarchitektur, die technologieunabhängig und applikationsübergreifend ist. SOA beinhaltet plattformunabhängige Standards. Dabei spielen, etwa wenn es um einfache Interoperabilität geht, Web-Services-Standards wie Web Services Description Language (WSDL) oder SOAP (Simple Object Access Protocol) eine wichtige, aber keine ausschließliche Rolle. Für komplexere Prozesse bietet sich die Business Process Execution Language (BPEL) an. Zudem muss eine SOA in jedem Fall Internetprotokolle wie HTTP, HTTPS und SMTP ebenso wie XML unterstützen.

Man könnte noch eine ganze Reihe weiterer Standards aufzählen. Kernpunkt ist, dass diese Standards den Unternehmen das IT-Leben erheblich erleichtern, denn sie verbinden unterschiedliche Systeme und damit auch Geschäftswelten. Das führt zu effizienteren Prozessen, höherer Produktivität und mehr Flexibilität, und so gestalten mittelständische Firmen bereits heute die Zukunft.

Dr. Andreas Schaffry

Dr. Andreas Schaffry

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