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Digitalisierung: “Wer nicht neugierig bleibt, hat schon verloren”

Feature | 25. Oktober 2016 von Stephan Magura 0

Was die Qualität Deiner Mitarbeiter anbelangt, darfst Du keine Kompromisse machen, meint Franck Cohen. Der SAP-EMEA-Präsident im Gespräch über IT-Trends in Europa.

EMEA ist eine sehr heterogene Region. Sind dennoch allgemeine Trends erkennbar?

Wir beobachten eine interessante gegenläufige Entwicklung: Eigentlich sollte man in etablierten Märkten vor allem neue Cloud-Projekte und in Wachstumsmärkten eher On-Premise-Einführungen erwarten. Wir dagegen haben in den vergangenen Monaten etwa in Spanien und Italien viele On-Premise-Geschäfte abgeschlossen, während in Afrika und im Nahen Osten in erster Linie Cloud-Lösungen nachgefragt wurden. Die jüngere Vergangenheit zeigt, dass die neuen Märkte dazu tendieren, mit Hilfe neuer Technologie ganze IT-Entwicklungsstadien zu überspringen: Ich brauche keine fünf Jahre mehr, um meine On-Premise-Installation zu verfeinern, ich führe sofort eine Cloud-Lösung ein.

Wie sieht es mit dem Trend zur Digitalisierung aus? In welchen Branchen nimmt die Entwicklung Fahrt auf?

Banken, Versicherungen, die Medien – gerade finden in vielen Branchen dramatische Veränderungen statt. Das gilt auch für den Handel. Inzwischen setzen selbst Luxusmarken digitale Omni-Channel-Strategien um.

Natürlich gibt es in jeder Branche Unternehmen, die sich der Entwicklung zunächst verweigern. Andere experimentieren mit ersten Lösungen, wieder andere dürfen sich zu Recht schon als „Digital Disruptors“ bezeichnen. Auf jeden Fall wird sich die Zahl derjenigen, die das Experimentierstadium verlassen und auf breiter Front digitalisieren, rasant erhöhen.

Und wie steht es um die Verbreitung von IoT-Lösungen?

IoT ist erst einmal nichts Besonderes. In vielen Bereichen ist es inzwischen ganz normal, mit Sensor-Daten zu arbeiten. Entscheidend ist, was man mit den Daten anfängt. Wie sehen die Algorithmen aus, die auf diesen Daten aufsetzen, um Mehrwert zu generieren?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Tatsache, dass die Temperaturdaten einer Pumpe 10mal pro Sekunde abgegriffen werden, bringt keinen Mehrwert. Wenn ich jedoch darauf hingewiesen werde, dass die Temperatur der Pumpe in zwei Tagen einen kritischen Punkt erreichen wird, kann ich die notwendigen Vorkehrungen treffen. Am besten werden die Maßnahmen gleich automatisch angestoßen. Der Algorithmus „on top“ – Entwicklungen entdecken, analysieren und vorhersagen – macht hier den Unterschied.

Ich glaube, dass die wichtigsten Neuerungen künftig eher aus den Segmenten Machine Learning und Künstliche Intelligenz kommen. Die Zukunft gehört Modellen, die Prozesse automatisieren und ohne menschlichen Eingriff so steuern, dass ein Nutzen erzeugt wird.

Besonders SAP-Bestandskunden gehen oft Schritt für Schritt in die Cloud. Ist das nun Fluch oder Segen für die SAP?

Viele Cloud-Spezialisten bieten nur ein Produkt an und können sich folglich darauf konzentrieren. Deren Fokus ist ein anderer als unserer. Wir konkurrieren mit jedem dieser Wettbewerber auf der Basis von „Best of Breed“. Insofern ist das schon eine Herausforderung für uns.

Auf der anderen Seite gibt es keinen anderen Anbieter, der so viele Cloud-Produkte wie wir für die verschiedensten Geschäftsbereiche und Branchen zu seinem Portfolio zählt – basierend auf einem durchgängigen Datenmodell und mit umfangreicher Funktionalität. Damit haben wir wesentlich mehr zu bieten und vereinfachen das Geschäft unserer Kunden massiv. Gerade unsere Datenkonsistenz ist ein Argument, das immer wieder zieht. Daraus können die SAP-Kunden jede Menge Kapital schlagen.

SAP-Europa-Chef Cohen

SAP-EMEA-Präsident Franck Cohen: “Wenn die Cloud die Zukunft ist, kann Europa nicht riskieren, sich hier abhängen zu lassen.”

Stichwort Cloud: Wie weit sind die Gespräche mit der Europäischen Union über ein Whitepaper für Cloud-Anbieter gediehen? Wird der Brexit zu Verzögerungen führen?

Die EU hat großes Interesse an dieser Vereinbarung, weil sie verhindern will, dass das Cloud-Geschäft in andere Regionen abwandert. Denn wenn die Cloud die Zukunft ist, kann Europa nicht riskieren, sich hier abhängen zu lassen. Damit sind auch jede Menge Arbeitsplätze verbunden. Zudem spielt der Datenschutz in Europa eine große Rolle. Wer, wenn nicht die EU könnte eine Regelung hinbekommen, an die sich die Länder halten? Kein einzelner Staat ist stark genug, ein allgemein gültiges Abkommen durchzusetzen. Der Brexit wird an dieser Situation nichts ändern. (Mehr zum Thema: Was bedeutet der Brexit für Ihr Unternehmen?)

Wird der Brexit negative Folgen für SAPs Umsatz haben?

Ich habe leider keine Glaskugel im Schrank, um die Zukunft vorherzusagen. Die Verhandlungen haben noch gar nicht begonnen, allerdings ist Unsicherheit im Allgemeinen nie gut für das Investitionsklima.

Die Regionen EMEA und MEE haben sich im zweiten Quartal wieder als Wachstumsmaschinen erwiesen. Was sind die Gründe für den Erfolg?

Man kann durchaus von einem großartigen zweiten Vierteljahr sprechen, weil wir auf allen Zylindern liefen: zweistelliges Wachstum beim On-Premise-Business und 41 Prozent Wachstum in der Cloud. Zum einen ist unser Geschäft sehr robust. Zum zweiten haben wir ein stabiles Team mit exzellenten Leuten beisammen. Die Mannschaft versteht es immer wieder zu liefern. Es ist simpel: Was die Qualität Deiner Mitarbeiter anbelangt, darfst Du keine Kompromisse machen.

Einige ihrer Mitarbeiter behaupten, Sie hätten ein Faible für Standards …

Da ist was dran. Früher hat jedes Land in EMEA sein eigenes Ding gemacht. Natürlich lassen sich Prozesse in Deutschland nicht eins zu eins auf beispielsweise Saudi-Arabien übertragen. Ich halte allerdings nichts davon, das Rad immer wieder neu zu erfinden. Meine Leute sollen ihre Kreativität nicht in Excel-Tabellen und Berichten ausleben, sondern vor ihren Kunden. Deshalb war es mir wichtig, Arbeitsschritte zu vereinfachen, um die Mitarbeiter zu entlasten. Wir müssen uns auf unsere eigentliche Arbeit konzentrieren.

Sie und andere SAP-Führungskräfte betonen die Bedeutung der SAP HANA Cloud Platform für den Erfolg der SAP. Was ist daran so besonders?

Kunden verschieben ihre IT-Investitionen zunehmend vom Backend zum Frontend. In der Vergangenheit wurde Geld für IT-Infrastruktur und ERP-Systeme ausgegeben, um das Kerngeschäft zu steuern, gefolgt von Konsolidierungs- sowie Optimierungsprojekten. Nun brauchen Unternehmen neue intelligente Lösungen – etwa Big-Data-Analysen, um das Kundenverhalten besser zu verstehen. Oder IoT-Funktionen, mit denen sich die Produktivität steigern lässt. Im Marketing werden heute Social-Media-Analysen gefahren, damit man beispielsweise die Einführung eines neuen Produkts begleiten und nachvollziehen kann. Solche Einsatzszenarien werden immer wichtiger.

Um dafür Anwendungen zu bauen, die heute alle Arten von Informationen – auch unstrukturierte Daten – integrieren müssen, benötigen Entwickler eine passende Plattform. Das ist SAP Cloud Platform.

Was beschäftigt Sie, wenn Sie an das zweite Halbjahr denken?

Dass wir manchmal nicht innovativ genug sind und Neuem manchmal nicht offen genug gegenüber stehen. Wer nur auf seine Erfahrung und sein einmal erworbenes Wissen baut, wird irgendwann überflüssig sein. In unserem Geschäft muss man neugierig bleiben.

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