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Schnelles Verändern schafft Erfolg

Feature | 9. Februar 2015 von Andreas Schmitz 0

Unternehmen stecken mitten in der digitalen Transformation: Das wurde einmal mehr klar auf den Hamburger IT-Strategietagen 2015.

Rainer Janßen wundert sich. „Da reisen Menschen in Anzügen nach Übersee und kommen in Jeans als vollbärtige nerdige Freaks zurück“, meint der CIO des weltweiten Rückversicherers Munich Re. Unternehmen schicken Manager ins Silicon Valley, um sich dort inspirieren zu lassen von jungen Unternehmen, neuen Ideen, neuen Herangehensweisen. Doch er unkt: „Ich gönne ihnen das, mal ein halbes Jahr Urlaub in San Francisco zu machen“. Trotzdem: Ob durch Unternehmen aus dem Silicon Valley ausgelöst oder nicht. Immer mehr wird klar, dass Unternehmen ihre Arbeitsweise überdenken, ihren Umgang mit IT und sich das Silicon Valley ein Stück weit zum Vorbild nehmen.

Zalando: Viel Eigenentwicklung, schnelle Projekte

Allen voran der Online-Modehändler Zalando, der von seinen 7.000 Mitarbeitern 700 in der IT beschäftigt und wahrscheinlich für das vergangene Geschäftsjahr erstmals die zwei Milliarden Umsatzgrenze überschreiten wird. Das Shop-System des Berliner Unternehmens ist eine komplette Eigenentwicklung und das Herz der Firma. Das Finanzwesen läuft seit 2012 mit SAP. Zum 1.1.2013 ist das Zalando zudem mit einer Einführungszeit von nur drei Monaten mit dem SAP Vertragskontokorrent, einem Nebenbuch für die Massendatenverarbeitung, live gegangen – „ein Vorhaben, das bei anderen Unternehmen mehr als anderthalb Jahre dauern kann“, schätzt Martina Hilzinger. Die gelernte Volkswirtin, die von SAP kam und nun für Zalando das SAP Competence Center leitet, ist besonders begeistert vom Pragmatismus, der Agilität und Professionalität der Beschäftigten, die im Durchschnitt gerade mal 29 Jahre alt sind.

BMW: Projekte kurzfristig zum „Flimmern“ bringen

Auch der CIO vom Münchner Autohersteller BMW, Klaus Straub, fasst keine „10-Jahres-Projekte“ mehr an: „Das Thema ist durch“. Stattdessen sind es Projekte, die immer mehr „kurzfristig zum Flimmern“ kommen müssten. „Wir müssen den Mut haben, uns zu verändern“, sagt Straub. Viel beachtetes Beispiel ist das Einparken des Hybridsportwagens i8 in eine Parklücke per Smart Watch. Per Sprachbefehl an die Uhr aktivieren Funksignale Motor und Sensoren des Wagens. Alles weitere passiert völlig eigenständig, und ohne Beteiligung des Fahrers. „Disruption und Effizienz bauen aufeinander auf“, ist Straub überzeugt, der bereits darüber nachdenkt, wie der Alltag aussehen würde, in dem der Terminkalender dafür „sorgt“, dass das Auto mit vorgeheizten Sitzen schon vor der Tür steht und man nur noch einsteigen muss. Klar ist, dass zwischen IT und Fahrzeugtechnik viele Daten entstehen, deren Analyse die nötigen intelligenten Entscheidungen erst möglich macht. Eine 20-köpfige neugeschaffene Big-Data-Abteilung bei BMW wird sich ab um Analyse und vorausschauende Analyse kümmern.

Das komplett digitalisierte Elektrofahrzeug

Wie die Zukunft aussehen kann, erfuhr Rolf Schumann am eigenen Leibe. Der Senior Vice President von SAP, seit 2010 überzeugter Elektroautofahrer, war zunächst wenig begeistert, als ihm eine Stimme aus dem Auto darauf hinwies, doch bitte an den Straßenrand zu fahren. Kaum war das geschehen, kam die Mitteilung, dass an ein Weiterfahren nicht zu denken war. Ein selbst initiierter Telematiktest ergab 18 Fehler, 16 davon irrelevant. Zudem sei es dreimal hintereinander gescheitert, den Wagen remote zu starten. Ein Service-Mobil war zu dem Zeitpunkt schon auf dem Weg, kam zehn Minuten später. Die Reparatur dauerte weitere zehn Minuten und schon war das Auto wieder startklar. „Digitalisierung ist cool“, resümiert Schumann.

Dieser Cocktail aus IT, Sensoren, Maschinen und guten Serviceideen umtreibt diverse CIOs, wie die Strategietage zeigten. Und er bringt etablierte Denkmodelle ins Wanken. So stehen Autos beispielsweise aktuell nach Angaben von BMW-CIO Straub zu 95 bis 97 Prozent auf dem Parkplatz oder in der Garage und werden nicht genutzt. Auch daraus können wieder neue Nutzungsmodelle für Fahrzeuge entstehen, die heute noch nicht bekannt sind. Vielleicht ist es den jungen Leuten in einigen Jahren sogar egal, ob sie BMW, Skoda oder Citroen fahren. Fehlt nur noch jene disruptive Idee nach dem Vorbild des Privattaxiservices Uber, der das Taxigeschäft in den USA auf den Kopf gestellt hat.

Je kleiner die Projekte, desto größer der Erfolg

In der Zukunft erfolgreich sein werden Unternehmen, die sich schnell auf Veränderungen einstellen können. Groß dimensionierte Projekte sind dafür Gift. Wie Hans-Werner Feick vom Beratungshaus Kienbaum Consultants bestätigte scheitern Projekte umso mehr je größer sie sind. Sie werden entweder zu teuer, dauern zu lange oder verfehlen ihr Ziel. Die Lösung „Projekte so klein wie möglich in so viele Scheiben wie möglich“ schneiden, sie das Motto der Stunde. Keinen anderen Zweck erfüllt auch die neue Softwaregeneration der SAP S/4HANA, deren Mission darin liegt, Software einfacher zu machen, Analysen zu beschleunigen und somit die Unternehmen letztlich flexibler für plötzliche neue Anforderungen machen – sprich: für neue Projekte, die schnell umgesetzt werden wollen.

Diverse CIOs auf der Bühne der IT-Strategietage haben verstanden: Vom A40-Prinzip spricht etwa Markus Petrak, der beim Konsumgüterhersteller Henkel Microsofts Office 365 in die Cloud gebracht hat: „Statt über drei Jahre nach und nach zu verbessern, sollte man lieber für 3 Monate eine Komplettsperrung machen“. Denn in drei Jahren liegen die Prioritäten im Unternehmen vielleicht schon wieder ganz woanders. BMW setzt heute zu 20 Prozent auf agile Softwareentwicklung, will deren Anteil in den nächsten Jahren jedoch auf 80 Prozent steigern. Schneller werden, in kleinen Schritten vorgehen, mit der ständigen Veränderung umgehen: Das sind schon heute die „Lessons learned“ der angehenden digitalen Transformation. Gute Nebenwirkung: Werden Projekte kleiner, ist auch die in Deutschland so verbreitete Angst vor dem Scheitern kleiner. „Wir müssen eine Kultur des Scheiterns und Lernens schaffen“, meint Kienbaum-Berater Feick – eine Praxis, die in Kalifornien heute sicher eher anzutreffen ist.

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