DSAG-Konzept für die Versorgungsindustrie

Feature | 16. Januar 2008 von Rosa Ortega 0

Für die Verbraucher ist der liberalisierte Energiemarkt eine gute Nachricht. Er gewährleistet einen fairen Wettbewerb und wird durch die erzwungene Trennung von Energielieferung und Netznutzung verwirklicht. In den USA und in den Niederlanden ist er längst schon Realität. In Deutschland dagegen herrschten die Versorgungsunternehmen in ihrer Funktion als Netzbetreiber und Energielieferanten bis 1998 als Gebietsmonopolisten. Seitdem die Europäische Union aber 1996 die erste Richtlinie zur Liberalisierung des Elektrizitätsmarkts veröffentlicht hat, standen und stehen umfassende Veränderungen an.

In Punkto Versorgungsnetze haben die Netzbetreiber zwar weiterhin eine Monopolstellung. Damit sie diese jedoch nicht zu Ungunsten der Verbraucher oder zum Nach- oder Vorteil einzelner Energielieferanten ausnutzen, werden die Entgelte für die Nutzung der Netze staatlich reguliert. Vor allem für die Unternehmens-IT stellt die neue Situation eine enorme Herausforderung dar.

Eine der großen Aufgaben ist beispielsweise die Entflechtung (Unbundling) auf zwei Ebenen: informatorisch und buchhalterisch. Eine weitere Herausforderung ist die Anreizregulierung – die ab Januar 2009 die Netzentgelte bestimmt – und die damit verbundenen Effizienzziele. Besonders kleinere Versorger und Stadtwerke fürchten, die Vorgaben nicht erfüllen zu können, wenn sie sich am effizientesten Unternehmen messen müssen.

Erfahrungswerte aus dem Ausland

Aus Anlass dieser Veränderungen hat der Arbeitskreis (AK) Utilities – erstmalig in der Geschichte der DSAG-Arbeitskreise – ein strategisches Konzept entwickelt. Die “Handlungsempfehlung Strategie SAP ERP 6.0 for Utilities” zeigt auf, wie auf die Situation zu reagieren ist. Dabei hat sich gezeigt, dass die Unternehmen in Deutschland und anderen EU-Staaten von den Erfahrungswerten des Auslands profitieren.

Und auch SAP fängt nicht bei null mit der Arbeit an. “Einige wesentliche Funktionen, die wir jetzt brauchen, hat SAP durch das internationale Geschäft bereits hinterlegt und so die Grundlage für die erforderliche IT-Umsetzung heutiger und zukünftiger Anforderungen geschaffen”, stellt DSAG-Vorstand Willy Maertins fest. Zur Verfügung stehen diese Funktionalitäten in SAP ERP 6.0, der Lösung, mit der sich die Handlungsempfehlungen intensiv befassen.

Die Vorteile der SAP-Lösung liegen für Maertins und den Sprecher des AK Utilities, Stefan Helnerus, auf der Hand: Die Auflagen zum standardisierten Lieferantenwechsel sowie die Anforderungen an harmonisierte Kunden- oder Kommunikationsprozesse sind in SAP ERP 6.0 bereits enthalten. Die Software schafft sowohl die technologischen als auch die funktionalen Voraussetzungen um den künftigen Anforderungen gerecht zu werden. Dies betrifft beispielsweise Bereiche des Service Enabling.

So war die Zählerablesung traditionell eine unternehmensinterne Funktion. Nun wird die Aufgabe von einem Serviceanbieter übernommen, der Anfragen von verschiedenen Lieferanten entgegennimmt, in vereinbarter Zeit bearbeitet und plausibilisierte Werte zurück liefert.

Der Serviceanbieter hat also seinen “eigenen Markt” und muss dementsprechend handeln. Bedient wird dieser Markt beispielsweise durch erweiterte Funktionen: So genannte “intelligente Zähler” erbringen nicht nur Ablesungsservices. Es sind durch sie auch neue Eigenschaften vorhanden, wie etwa Leistungsbegrenzung und unterschiedlichte Tarife mit frei wählbarer Zeit.

Made in Germany, wirksam für Europa

An der “Handlungsempfehlung Strategie SAP ERP 6.0 for Utilities” waren rund 20 Branchenbetriebe beteiligt, darunter die “Riesen” der Versorgungsindustrie, E-ON, Vattenfall, EnBW und RWE, aber auch mittlere und kleinere Betriebe wie die Stadtwerke München und Magdeburg sowie weitere 20 Beratungsunternehmen.

Obwohl es allein in Deutschland rund 900 Strom- und 600 Gasversorger gibt, halten Maertins und Helnerus die beteiligten Unternehmen für einen repräsentativen Querschnitt der Branche. Das Strategiepapier ist ihrer Meinung nach sogar länderübergreifend von Bedeutung. “Die Prioritäten mögen andere sein, da jedes Land unterschiedliche Anforderungen an den Zeitplan der Energiemarktliberalisierung stellt. Aber die Methode können wir auch auf andere Länder übertragen”, ist sich Helnerus sicher.

Als eine der großen Herausforderungen für die kommenden Jahre sieht Helnerus die Prozess-Effizienz: Mit möglichst geringem Aufwand müssen die EU-Vorgaben umgesetzt und die Prozesse in den Betrieben hoch automatisiert gestaltet werden. Dabei werden zunehmend standardisierte Prozesse zum Einsatz kommen. So führen viele Unternehmen die Wartung und Instandhaltung der Verteilnetze individuell durch. Je nach Historie und Mitarbeiterausstattung kommen unterschiedlichste Prozesse zum Einsatz.

Kürzere Wartungszeiten

Durch standardisierte Prozesse könnten die spezifischen Wartungskosten reduziert werden, da mit Gleichteilen, gemeinsamen Lagern und bekannten Fähigkeiten der Mitarbeiter Effizienzen gehoben werden können. 55 Prozent der Stadtwerke versprechen sich davon Wettbewerbsvorteile. Zudem werden für die nächsten Jahre eine weitere Konzentration der Rechenzentren sowie Auslagerung von IT-Aufgaben erwartet. 60 Prozent der Stadtwerke haben bereits Teile der IT-Aufgaben ausgelagert. Von diesen planen 60 Prozent weitere Auslagerungen.

Die Trennung von Lieferantenrolle und Verteilnetzbetreiber spiegelt sich auch in der Kommunikation dieser Marktteilnehmer wieder: Waren es früher unternehmensinterne Buchungen, so müssen heute Verträge zwischen den Lieferanten, Kunden und Netzbetreibern abgeschlossen und gelebt werden. Kostengünstig ist das nur durch die weitestgehende Automatisierung der Kommunikation. Im Idealfall tauschen die IT-Systeme sich direkt ohne weitere manuelle Eingriffe miteinander aus. Leider ist die Praxis aber noch nicht so weit. “Das A und O dabei ist die Datenqualität”, meint Maertins.

Der größere Kostendruck durch den verschärften Wettbewerb wird noch andere Entwicklungen mit sich bringen. So erwartet der AK Utilities, dass durch Unbundling sowie durch ausgegliederte Prozess- und IT-Dienstleister neue Organisationen entstehen. Auf Basis der Utilities-Kernkompetenzen werden sich zudem weitere Geschäftsfelder öffnen. Die Rollen innerhalb der Branche werden neu definiert. Alles in allem stehen die Unternehmen damit vor einer hohen Aktionslast, die sie nur mit einer geeigneten IT schultern können.

Lanzenbruch für SAP ERP 6.0

Die Studie stellt drei Handlungsoptionen vor und prüft, ob mit ihnen die vorgegebenen Anforderungen umgesetzt werden können. Dabei sind beispielsweise die Marktentwicklungen bei Lieferanten und Netzbetreibern zu berücksichtigen oder die Optimierungs- und Kostenreduktionspotenziale der Unternehmen.

Die geprüften Optionen sind zum einen der Erhalt des Status Quo mit IS-U 4.64 und einer angepassten IDEX-Version. Hierbei würde das Unternehmen weder einen technischen noch fachlichen Releasewechsel vornehmen. Die neuen Anforderungen würden entweder mit Ergänzungen und manuellen Prozessen umgesetzt oder mit der Integration von Randsystemen. Aus Sicht des AK Utilities ist der Erhalt des Status Quo jedoch nicht zu empfehlen, da er den Erfordernissen der Branche nicht gerecht werde.

Die zweite Option sieht einen technischen Releasewechsel vor. Hierbei geht es um die Migration von SAP R/3 4.6c und IS-U 4.64, wobei die Software als Zwei-Vertragssystem für Netzbetreiber und Lieferant konfiguriert ist. Die Zieltechnologie ist SAP ERP 6.0, ebenfalls als Zwei-Vertragssystem konfiguriert. Dieser reine Technologie-Upgrade enthält keine Änderung der Systemfunktionalität, so dass es zwar eine Modifikationsbereinigung geben kann, aber keine neuen Anforderungen umgesetzt werden.

“Unmittelbar vorzunehmen”

Dieser Releasewechsel ist nach Meinung der DSAG “zwingend erforderlich” und “unmittelbar vorzunehmen.” Die Dringlichkeit begründet die DSAG damit, dass “die anstehenden Anpassungen an die Erfordernisse des Marktes auf keinen Fall durch einen technischen Releasewechsel zum falschen Zeitpunkt blockiert werden” dürfen.

Bei der dritten Option geht es um einen strategischen und fachlichen Releasewechsel. Hierbei werden neue Funktionen von SAP ERP 6.0 zur Prozessoptimierung eingesetzt. Dieser Wechsel ist, so die Handlungsempfehlung, auf Basis einer Gesamtstrategie für die kommenden Jahre zu planen, unabhängig von der vorhandenen IT-Ausprägung. Dies könne aber nur unter der Voraussetzung geschehen, dass eindeutige organisatorische Regelungen für das Zusammenspiel der Kernsegmente und den Dienstleistern für Prozesse und IT bestehen.

Da sich die Versorgungsbranche jedoch im Umbruch befindet und dies nach Einschätzung von Helnerus noch drei bis sieben Jahre andauern wird, ist die Verabschiedung verbindlicher Vorgaben für eine langfristig angelegte Systemarchitektur schwer zu erreichen.

Als Fazit treffen die Macher der Studie eine eindeutige Aussage, die in ihrer Deutlichkeit kaum zu überbieten ist. Helnerus bringt es auf den Punkt: “Die Unternehmen kommen nicht um SAP ERP 6.0 herum, weil sie sonst von der technologischen Entwicklung abgekoppelt werden.”

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