Ein Denkmodell für Problemlösungen

Feature | 16. August 2006 von admin 0

Greggory Garrett

Greggory Garrett

Das Thema Enterprise Architecture oder Unternehmensarchitektur wird ganz unterschiedlich definiert und bewertet. Was verstehen Sie darunter?

Garrett: Enterprise Architecture kann verschiedene Formen annehmen. Ich betrachte sie einfach als Schema, mit dem sich Gedanken ordnen lassen. Wir und andere Mitglieder des Konsortiums nutzen EA, um eine gemeinsame Sprache und ein Denkmodell für die Lösung von Problemen zu definieren. Dies können IT-Probleme, aber auch betriebswirtschaftliche Probleme sein.

Was will die EAIG erreichen, und was hat sie schon erreicht?

Garrett: Im Wesentlichen will die Gruppe die Praxis der Enterprise Architecture vorantreiben. Wir versuchen, betriebswirtschaftliche und informationstechnologische Interessen zu integrieren, in Beziehung zueinander zu setzen und aufeinander auszurichten. Viele Regierungsbehörden und Unternehmen entwickeln Unternehmensarchitekturen. Unsere Gruppe geht aber einen Schritt weiter. Wir nutzen die Architektur, um Strategien zu realisieren, die das Unternehmen voranbringen.

Die EAIG wird einen Wissenspool rund um Enterprise Architecture erarbeiten und dieses Wissen dazu nutzen, alle anderen Prozesse und Rahmenwerke sowie sonstige Facetten zu analysieren und zu bewerten. Statt neue Standards zu entwickeln, wird die EAIG, wann immer möglich, auf bereits bestehende zurückgreifen, etwa die Standards des Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) oder die des American National Standards Institute (ANSI).

Zachman Framework

Zachman Framework

Unser erster Erfolg liegt schon eine Weile zurück. Aufgabe war es damals, eine Unternehmensarchitektur mithilfe von Metamodellen zu definieren. Die Modelle basierten auf dem Zachman Framework – einem Schema, das der ganzheitlichen Beschreibung komplexer Unternehmenssysteme dient. Teil unserer Arbeit war es, unterschiedliche Enterprise Architecture Frameworks sowie Referenzmodelle zu untersuchen und Unternehmen diesbezüglich zu beraten. Wir mussten stärker in die Tiefe gehen als das Rahmenwerk von John Zachman. Daher entwickelten wir zwölf grundlegende Modelle, die bei der Migration schon vorhandener und der Entwicklung zukünftiger Elemente als Bausteine verwendet werden können.

Wie gehen Sie bei der Einführung einer neuen Strategie vor?

Garrett: Wir planen die Implementierung so, dass die Unternehmen wichtige Aspekte der Veränderung nachvollziehen können, etwa die Fragen nach dem Wer, Was, Wann, Warum und Wie. Wir kümmern uns darum, dass eine neue Strategie, die sich auf die Mitarbeiter auswirkt, verstanden wird. Dann entwerfen und analysieren wir eine einfache, aber dennoch umfassende Architektur des Bereichs, der von der Veränderung betroffen sein könnte. Zum Beispiel fragen wir uns, welche neuen Ziele sich bei der Einführung der Strategie stellen und welche Veränderungen an den aktuellen Funktionen vorgenommen werden müssen, damit diese Ziele erreicht werden. Anschließend stellen wir einen Implementierungsplan auf, um die Veränderungen aufeinander abzustimmen. Mithilfe der Architektur lässt sich die Strategie testen. Wir können unter anderem feststellen, wie sie sich einsetzen lässt und wie sich die Veränderungen auf das Unternehmen auswirken.

Wie kann Enterprise Architecture Führungskräfte dabei unterstützen, Strategien umzusetzen und fundierte Entscheidungen zu treffen?

Garrett: Meiner Ansicht nach ist Enterprise Architecture dafür ein ideales Instrument. Es gibt viele Bildungsprogramme, Methoden, Bücher, Artikel und Menschen, die sich mit der Entwicklung von Strategien beschäftigen. Auf dieser Grundlage sind Führungskräfte vielfach in der Lage, klare Strategien zu entwickeln, die alle relevanten externen Marktfaktoren berücksichtigen. Wir machen aber oft die Erfahrung, dass solche Strategien die internen Barrieren im eigenen Unternehmen nicht genügend einbeziehen.

Strategen sagen, dass eine perfekte Strategie durch die „Struktur“ des Unternehmens eingeschränkt wird. Die Enterprise Architecture ist die Darstellung dieser einschränkenden Struktur. Ganz gleich, ob es sich um eine Unternehmens-, Abteilungs- oder Teamstrategie handelt – mit der Enterprise Architecture lässt sich die Umsetzbarkeit einer neuen Strategie analysieren. Ferner kann damit festgestellt werden, welche Veränderungen notwendig sind, damit die Erfolgswahrscheinlichkeit steigt.
Unternehmensarchitekten verfügen über Werkzeuge, mit denen sie eine dokumentierte Enterprise Architecture entwickeln und die komplexen Strukturen des Unternehmens abbilden können. Allerdings sind die Architekten häufig tief in die IT-Organisation eingebunden und haben keinerlei Verbindung zu den Strategen. Wenn sie aber Kontakt zu den Strategen aufnehmen und diesen den Nutzen der Architektur deutlich machen, können sie neue Funktionen im Unternehmen übernehmen, die weit über die eines technischen Planers hinausgehen.
Wenn sich ein traditioneller Architekt zu einem Spezialisten für Strategieumsetzung entwickelt, wird es natürlich wichtig, das so genannte Human Change Management einzubeziehen. Denn jede Veränderung wirkt sich auf die Mitarbeiter aus. Wenn die Mitarbeiter nicht motiviert sind, um eine neue Strategie zu unterstützen, liefert die Enterprise Architecture dafür keine Wunderwaffe.

Welche Ergebnisse konnte das EA-Projekt seit seiner Einführung 2002 bei Volkswagen America und gedas USA erzielen?

Garrett: Das Projekt sollte feststellen, an welchen vorhandenen Zielsetzungen, Funktionen und Organisationseinheiten Veränderungen notwendig waren. Mithilfe der Enterprise Architecture haben wir neue Ziele entwickelt und Prozessfunktionen identifiziert. Der Vorteil dabei war eine strukturierte Vorgehensweise bei der Strategieumsetzung und Entscheidungsfindung.

Wir versuchen nicht, eine Enterprise Architecture für das gesamte Unternehmen zu entwerfen. Im Fokus stehen bei uns nur solche Bereiche, die – im Hinblick auf die neue Strategie – verändert werden müssen. Außerdem ist es uns wichtig, die Auswirkungen des Strategiewandels auf die Unternehmensziele zu beschreiben. Wir versuchen, den Kollegen klar zu machen, welche Bedeutung die Beziehung zwischen Zielsetzungen, Funktionen und Unternehmen hat, und zeigen auf, wie diese Elemente die neue Strategie unterstützen. Unserer Meinung nach ist die Enterprise Architecture der Weg und nicht das Ziel.

Wie werden IT-Strategien bei der VW-Gruppe umgesetzt?

Garrett: Im Allgemeinen werden die EA-Konzepte bei VW in den IT-Abteilungen erarbeitet. Schon im Jahr 2002 setzten VW America und gedas USA ein Verfahren zur Umsetzung von neuen Unternehmens- und IT-Strategien ein, bei dem alle Ziele, Funktionen, Unternehmensbestandteile und Informationen organisationsweit abgebildet wurden. Das waren die Grundelemente der Enterprise Architecture – anschließend konnten diese für betriebswirtschaftliche und technologische Entscheidungen herangezogen werden.

Gibt es eine Kooperation mit der vor kurzem gegründeten Association of Enterprise Architecture Organizations (aEAo)?

Garrett: Es gibt zahlreiche Gruppen, die sich mit dem Thema Enterprise Architecture beschäftigen, und wir stehen miteinander in Verbindung. Die aEAo ist keine Körperschaft, sondern eine Gruppe von Unternehmen, die an Enterprise Architecture interessiert sind. Wir tauschen uns aus und arbeiten zusammen. Wenn sich eine Gruppe mit einem bestimmten Thema beschäftigt, gibt sie die Informationen an die andere weiter. Unser gemeinsames Ziel ist es, Unternehmensarchitekturen voranzutreiben.

In welcher Beziehung steht die Enterprise Architecture zum Konzept der serviceorientierten Architekturen (SOA)?

Garrett: EA und SOA sind natürlich miteinander verbunden, und viele IT-Architekten beschäftigen sich mit beiden Konzepten. Jeder geht dabei von seinen eigenen Definitionen aus. Dennoch will ich versuchen, die Frage zu beantworten: SOA hilft Softwarearchitekten dabei, das Prinzip der Wiederverwendbarkeit zu stärken. So nehmen Zeit- und Kostenaufwand für die Softwareentwicklung ab – und häufig steigt die Qualität. Softwareunternehmen und IT-Berater schenken dem Konzept viel Aufmerksamkeit. Darin steckt ein großes Potenzial. Die Grundkonzepte von Enterprise Architecture lassen sich vielleicht besser skalieren. Im Zentrum von EA steht die Architektur des „Unternehmens“. Wenn es bei diesem nur um eine Software oder mehrere Softwareanwendungen geht, dann können sich SOA und EA sehr ähneln. Hat man es aber mit einem Fortune-500-Unternehmen zu tun, dann kann Enterprise Architecture viele Aspekte enthalten, die außerhalb des Bereichs von Software und Wiederverwendbarkeit liegen.

Leave a Reply