Ein neues Transportmanagement für die Bundeswehr (Teil 2)

Feature | 28. Juni 2004 von admin 0

„Rund 60 Prozent der transportlogistischen Anforderungen der Bundeswehr ließen sich im SAP-Standard abbilden. Die restlichen 40 Prozent mussten durch Zusatzentwicklungen abgedeckt werden“, skizziert Olaf Lehmann, Teilprojektleiter IT der Mummert Consulting die rein technischen Ausmaße des Projekts. Für die Bundeswehr wurde die Möglichkeit geschaffen, abweichende Abhol- und Lieferadressen zu erfassen. Das ist wichtig, um die logistische Flexibilität des Transportwesens zu erhalten. Rund 35.000 Adressen aus dem Dienstellenverzeichnis der Bundeswehr galt es, in der SAP-Lösung zu hinterlegen – überwiegend auch Adressen ziviler Firmen. Über eine Dienststellennummer lassen sich diese Adressen beschleunigt erfassen und individuell abändern.
Die theoretisch unendlich hohe Anzahl möglicher Adressen lässt es sinnlos erscheinen, die Transportrouten vorab zu definieren. Daher werden die Routen dynamisch beim Erfassen einer Transportanforderung erzeugt. Bei innerdeutschen Routen erfolgt die Anlage automatisch, da sich über ein hinterlegtes Entfernungswerk die Straßenkilometer und die Fahrtzeit ermitteln lassen. Bei Transporten von oder in andere Länder werden – sofern dieselbe Route nicht bereits bei einem früheren Auftrag erfasst wurde – in einem späteren Arbeitsschritt durch den Disponenten im Logistikzentrum der Bundeswehr Entfernung und Transportzeit eingegeben.

Die Verpackungseinheit entscheidet

Mit der Möglichkeit, Terminvorgaben zu machen, hat sich die Bundeswehr nun der zivilen Wirtschaft angepasst. In der Transportanforderung ist jeweils ein frühester und ein spätester Termin für die Be- und die Entladung oder ein Fixtermin vorzugeben. Das Transportgut wird über die jeweils größte Verpackungseinheit, also beispielsweise Palette, Gitterbox oder Container erfasst. Die wiederum in den Verpackungseinheiten transportierten Güter aufzunehmen – also die Materialwirtschaft – war nicht Bestandteil dieses Projekt; diese wird separat umgesetzt. Eine Liste der bei der Bundeswehr gebräuchlichen Verpackungsarten ist in der SAP-Lösung hinterlegt und lässt sich bei Bedarf ändern.
Als Ergänzung zum SAP-Standard lassen sich Angaben zum Material wie Bezeichnung, Abmessungen oder Gewicht ändern. „Aufgrund der fehlenden Einzelaufstellung des Transportguts ist es aktuell jedoch noch nicht möglich, Zollpapiere zu erstellen“, erläutert Thomas Schuck, Oberst i.G. und Abteilungsleiter Verkehr &Transport im Logistikzentrum der Bundeswehr. Neben allgemeingültigen Angaben zum Transportgut, wie Gefahrgutdaten, besteht jedoch die Möglichkeit, bundeswehrspezifische Werte wie Hinweise auf eine Geheimhaltungspflicht oder das Kriegswaffenkontrollgesetz zu erfassen.

Transportspektrum: Vom Brief bis zum Leo II

Um die Disposition der Transporte systemseitig so weit wie möglich zu unterstützen, wurde eine Produktmatrix implementiert. Anhand dieser Matrix erarbeitet die SAP-Lösung einen Vorschlag für die Durchführung des Transports. Das Spektrum der Transportgüter bei der Bundeswehr reicht vom einfachen Paket über Personen und über verschiedene Arten an Munition der Gefahrgutklasse 1 bis zum Panzer Leopard II.
„Aus der Güterstruktur und weiteren Kriterien wie der zur Verfügung stehende Transportzeit und Transportregion (Deutschland, Europa, Übersee) ermittelt die Software eine Verkehrsart. Dabei konkurrieren innerhalb Deutschlands vorwiegend Straßen- und Schienentransporte, während aus oder nach Übersee die Entscheidung zwischen Luft- und Seetransport fällt“, führt Matthias Martens, Projektleiter Mummert Consulting, weiter aus. Für innerdeutsche Transporte unterscheidet die SAP-Lösung zudem nach Paket-, Stückgut-, Bedarfs- sowie Expresstransporten.
Die Transportanforderungen werden bei den bisher angeschlossenen Dienststellen direkt ins SAP-System eingegeben. Dienststellen mit einem geringen Transportaufkommen oder solche, die die technischen Voraussetzungen zur Systemanbindung noch nicht erfüllen, senden ihre Transportanforderungen per Fax an das Logistikzentrum der Bundeswehr nach Wilhelmshaven und werden dort ins System eingepflegt.

Gewinn bei Disposition und Optimierung

Sind die Transportanforderungen erfasst und gegebenenfalls manuell durch die Transportannahme nachbearbeitet, so werden sie den Bearbeitungsdezernaten des Logistikzentrums der Bundeswehr zur Disposition zugeordnet. Die Disponenten der nach Verkehrsart gegliederten Bearbeitungsdezernate legen dann in der SAP-Lösung die Transporte an. Diese Tätigkeit wird durch einige Zusatzentwicklungen unterstützt. Ausgehend von den Terminvorgaben in der Transportanforderung ermittelt die Lösung beispielsweise Termine für die Durchführung der Transporte. In die Kalkulation geht zum einen die rein aus der Route errechnete Transportzeit ein. Des Weiteren sind jedoch auch Be- und Entladezeiten in Abhängigkeit vom Transportgut oder auch pauschale Zeitzuschläge etwa für die Abfertigung eines LKWs berücksichtigt. Bei innerdeutschen Transporten ermittelt die Software die Fahrzeit bereits bei der Erfassung der Transportanforderung.
Ausgehend vom spätest möglichen Beginn der Entladung rechnet die SAP-Lösung rückwärts und legt damit den Zeitpunkt fest, zu dem die Transportanforderung disponiert werden muss. Liegt der ermittelte Zeitpunkt bereits in der Vergangenheit, wird der Sachbearbeiter darauf mit einer Meldung aufmerksam gemacht. Gleichzeitig nennt die Software einen Termin, der sich noch einhalten lässt. Dieser Hinweis ist insbesondere bei Transporten hilfreich, die eine längere Vorlaufzeit aufgrund einer Fahrwegbestimmung benötigen, wie für Schwergut- oder Munitionstransporte. Die Software macht dem Disponenten entsprechende Vorschläge, ob sich mehrere Transportanforderungen eventuell zusammenfassen lassen.
Auch in Hinblick auf eine Optimierung der Transporte hat die Bundeswehr hinzugewonnen. So besteht beispielsweise die Möglichkeit, Anschlusstransporte und Rückladungen zu organisieren. Ausgehend vom Entladeort einer Transportanforderung sucht der Disponent andere Transportanforderungen, die in einem wählbaren Umkreis zu einem passenden Termin geplant werden müssen. Eine weitere Funktion zur Transportoptimierung ist die Auswahl der kürzesten Fahrstrecke. Die Software berechnet mehrere Routen, sortiert diese nach Kilometern und weist den Disponenten zudem darauf hin, wo sich bei Be- und Entladevorgängen eventuell Verzögerungen ergeben könnten. Auch hier muss der Disponent letztendlich die Auswahl treffen.
Bis zum Abschluss des Projektes wird noch die Haushaltsmittelbewirtschaftung in SAP R/3 abgebildet. „Die Bundeswehr möchte jederzeit über den aktuellen Stand der bereits verplanten Haushaltsmittel auskunftsfähig sein. Daneben wird ein Controlling mit weiteren Kennzahlen etabliert, um die wirtschaftliche Abwicklung der Transporte der Bundeswehr sicher zu stellen und zu verbessern“ schließt Oberst Thomas Schuck. Derzeit bereiten sich Angehörige der Bundeswehr in Schulungen darauf vor, die Software künftig selbst zu betreuen. Langfristig wird das Transportmanagement in das SAP-Gesamtsystem der Bundeswehr (SASPF) integriert.

Hans-Peter Bartsch

Hans-Peter Bartsch

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