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Ein SAP-Mitarbeiter im Reich des Drachen

Feature | 8. Juli 2016 von Carmen Peter 7

Wird die Welt bald chinesischer? Hat SAP in China eine Zukunft? Ist Mülltrennung spießig? SAP-Mitarbeiter und „Wahlchinese“ Dieter Kaufhold erzählt.

SAP-China-Intext„Manche Ausländer fragen mich immer noch, wo hier in Schanghai die Reisfelder sind“, wundert sich Dieter Kaufhold, seines Zeichens Senior Strategic Consultant APJ, der für SAP in China in der internen Prozessberatung tätig ist. Vor 24 Jahren war er zum ersten Mal aus dem „Land der Tugend“, wie Deutschland auf Chinesisch heißt, ins Reich des Drachens gekommen. Damals gehörte er zu den wenigen westlichen Touristen und sah wirklich noch weite Reisfelder und zahllose Fahrräder. Aber Chinas Großstädte sind seitdem längst nicht mehr wiederzuerkennen. „Vor nur drei Jahren war das Bruttoinlandsprodukt in China noch um ein Drittel niedriger als das der USA. Mittlerweile hat China die USA als größte Volkswirtschaft abgelöst.“ Jetzt verstopfen eher Porsche Cayennes die Straßen als Drahtesel. Nicht, dass jeder reich wäre. „Die Hälfte der Bevölkerung arbeitet in der Landwirtschaft und nur ein weit geringerer Teil erwirtschaftet in den Großstädten den Rest“, versucht er zu erklären. Man merkt schnell, dass sich die Gegensätze Chinas nicht in zwei Sätze fassen lassen.

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Dieter Kaufhold mit Familie

Dieter Kaufhold hat die letzten zehn Jahre der rasanten Entwicklung hautnah mitbekommen. Denn nach seinem ersten Aufenthalt von Land und Leuten angesteckt, kehrte er Mitte dreißig als Berater für die ersten deutschen Firmen zurück und wechselte schließlich zu den SAP Labs in Schanghai. „Als Deutscher musste ich mich in China zum Glück nicht erst beweisen. Die Leute halten sehr viel von Deutschen oder eher vor den ‚typisch‘ deutschen Tugenden wie Strukturiertheit und Geradlinigkeit.“ Chinesen würden etwas lieber umgehend angehen wollen, als lange daran herumzukonzipieren; aber sie seien sofort bereit, einen neuen Ansatz auszuprobieren, wenn er erfolgversprechender ist als der eigene. „Denn Chinesen sind Pragmatiker“, wie Dieter Kaufhold inzwischen weiß. Ob man etwas ‚immer schon so gemacht‘ hat ist ihnen nicht wichtig. Das macht sie offen für Neues und extrem flexibel, in manchen Dingen aber vielleicht auch ein wenig zu sehr. So kann es laut Dieter schon mal passieren, dass man beim Spaziergang entlang der chinesischen Mauer auf Lücken stößt, die nicht der Zahn der Zeit hineingenagt hat. Schließlich ist ein weiterer Mongolensturm in absehbarer Zeit eher unwahrscheinlich, und die Steine lassen sich viel sinnvoller in neuen Häuser verbauen. Aber Dieter bewertet das nicht. Es ist eben ein anderes Selbstverständnis. Im Geschäftsleben hingegen kann dieser Pragmatismus anstrengend sein. „Hier herrscht ein gnadenloser Konkurrenzkampf. Wer am billigsten ist, bekommt den Zuschlag.“ Kaufhold räumt ein, dass man als ausländische Firma nur schwer Fuß fasst. Man ist und bleibt fremd, und es dauere lange, bis man versteht, wie das Land funktioniert. Auch für SAP war es eine Lernkurve. Wenn man nicht der Billigste ist, müsse man mit großzügigen Extras punkten, um eine Chance zu haben. 

Die hohe Kunst des Ausblendens

SAP-China_Intext3Am Anfang musste Dieter sich jedoch erst einmal an das sprichwörtliche asiatische Tempo gewöhnen. „Noch schwerer war aber die dauernde Reizüberflutung. Überall ist es laut und voll. Da künstliches Licht als Zeichen von Wohlstand gilt, ist alles beleuchtet. Selbst wenn man sich in die Berge zurückziehen will, ist da garantiert irgendwo ein Lautsprecher, aus dem irgendwelche Musik dudelt; und meistens stehen noch Leute davor, die sich lautstark unterhalten.“ Außerdem müsse man mit Nähe umgehen können. „Ständig wird man als Ausländer angefasst oder auf irgendein Foto geschoben.“ Ausländer sind zwar nichts Neues mehr für moderne Städter, aber für die zahllosen Wanderarbeiter, die temporär in die Städte strömen, sind sie zum Teil tatsächlich noch exotisch. Kaufhold hatte lange Zeit große Probleme, abzuschalten, bis er die hohe Kunst der Chinesen, vieles  einfach auszublenden, beherrschte. „Man muss auch etwas haben, was einen erdet.“ Bei ihm ist es paradoxerweise das Paragliding, das er aus seiner Heimat mitgebracht hat. „Und meine chinesische Frau praktiziert Tai Chi, was sie mir ständig beizubringen versucht.“

Mit IoT ist SAP in China goldrichtig

Andererseits liebt Kaufhold gerade das Dynamische an seiner neuen Heimat. In China wird Zukunft gemacht. Europa kommt ihm dagegen inzwischen geradezu behäbig vor. Er glaubt auch nicht an einen wirtschaftlichen Kollaps Chinas. „Der Staat drosselt nur das Tempo, um sein Wachstum zu konsolidieren. Außerdem bekämpft er die Korruption gerade massiv. Das bremst natürlich erst einmal. Es wird nicht mehr so schnell weitergehen“. Alles andere sei Kaffeesatzleserei, denn China verändere sich so rasant, dass man die Richtung gar nicht genau einschätzen könne. Aber Dieter ist zuversichtlich, dass China weiter auf Erfolgskurs bleibt und SAP mit ihm. „China vertritt seine Interessen nicht mit Waffengewalt. Es bietet wirtschaftliche Zusammenarbeit an. Das sieht man in Afrika.“ China ist inzwischen in jeder Region stark vertreten. „Wenn das so weitergeht, könnte irgendwann der ganze Planet verdammt chinesisch sein“, lacht Kaufhold. Und genau dieser, seiner Meinung nach, eher integrative Ansatz der Interessenswahrung würde das Internet der Dinge (IoT) für Chinesen so attraktiv machen. Denn die Digitalisierung begünstigt die wirtschaftliche Vernetzung und Zusammenarbeit. „Das ist der Bereich, mit dem SAP in China noch lange vorne mit dabei sein wird“, ist er überzeugt. 

Warmherzig, wissensdurstig und oft unterschätzt

Auch nach so vielen Jahren der Arbeit in China ist Dieter Kaufhold immer noch von der unglaublichen Neugierde und dem unbedingten Lernwillen der Menschen fasziniert. Leider stünde ihnen ihre konfuzianische Zurückhaltung jedoch häufig im Weg. „Oft weiß man gar nicht, was für großartige Leistungen sie vollbringen, weil sie nicht darüber sprechen.“ Auch die Warmherzigkeit der Menschen würden viele Ausländer ohne Sprachkenntnisse manchmal gar nicht so wahrnehmen, findet er.SAP-China_Intext5

Der rapide Wandel der letzten Jahre habe aber auch nicht vor der Einstellung vieler Chinesen Halt gemacht. Besonders durch den, wenn auch eingeschränkten, Zugang zum Internet. Freunde, die sich vor zwanzig Jahren nur zögerlich zu gesellschaftlichen Themen geäußert hätten, würden ihre Ansichten mittlerweile sehr direkt und mündig kundtun. Eine Entwicklung, die Kaufhold sehr begrüßt und die in der westlichen Berichterstattung seiner Ansicht nach keine Erwähnung findet. Doch wie passt das zu der repressiven Politik im Land? „Chinesen akzeptieren Einschränkungen, weil sie wissen, dass so der Friede im Innern gewahrt bleibt“, erklärt er. Im Vordergrund stünde sowieso nicht so sehr die Politik, sondern, wie in jeder aufstrebenden Wirtschaft, Materielles. Alleine an Chinas jährlichem ‚Tag der einsamen Herzen‘ (11.11.), an dem der Online-Handel mit satten Rabatten lockt, würden regelmäßig Milliarden umgesetzt, pro Händler wohlgemerkt. Eine für uns butterweiche Auslegung des Kommunismus, die jedoch keineswegs neu ist. Pflegte nicht Marx selbst enge Beziehungen zum Industriellen Engels und besaß Aktien?

Mülltrennung Fehlanzeige

Ein Thema, das Kaufhold hingegen immer wieder auf die Palme bringt, ist der Umweltschutz. Er weiß, dass das nicht nur ein chinesisches Problem ist. Aber „wenn ich sehe, wie jemand seinen Müll einfach auf die Straße wirft, werde ich sauer.“ Während seine Frau dann bereits in Deckung geht, weil sie weiß, was kommt, versucht er sendungsbewusst, seinen chinesischen Mitbürger davon zu überzeugen, den Müllbeutel doch wieder zur Tonne zu tragen. „Ich bin eh Ausländer. Also darf ich da auch mal deutsch sein.“ In den letzten drei Jahren hat gerade die Luftverschmutzung so stark zugenommen, dass er seine Kinder häufig nur noch mit Atemmaske vor die Tür lässt. Der aktuelle Fünfjahresplan verspricht da Besserung. „Das Gute ist, man weiß, wenn Chinesen sich etwas vornehmen, werden sie es auch ziemlich schnell umsetzen. Nur ist der Schaden schon so groß, dass es dennoch lange dauern wird.“ Trotzdem kann sich Kaufhold vorstellen, in seinem Gastland alt zu werden.

China befindet sich im Spannungsfeld zwischen vielen Einflussgrößen und lässt sich nicht an westlichen Maßstäben messen. Wer ein Land Umbruch erleben und mitgestalten will, scheint im Reich des Drachen aber genau richtig zu sein. Etwas, das SAP klar erkannt hat und mit der Förderung der Digitalisierung Chinas zu nutzen sucht. China ist also sicher einen genaueren Blick wert. Zur Not eben mit Atemschutz.

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