Rechenzentren nicht wetterfest

Feature | 12. Dezember 2012 von Heather McIlvaine 0

In den Tagen vom 24.-28. Oktober 2012 hinterließ Hurrikan Sandy in acht Ländern, von der Karibik bis nach Kanada, eine Spur der Verwüstung. Die Betroffenen stehen vor den Trümmern ihrer Häuser und ihrer Existenz, 200 Tote sind zu beklagen. Laut offiziellen Angaben hat der Orkan 24 Bundesstaaten der USA in Mitleidenschaft gezogen. Sogar tief im Landesinneren gelegene Städte wie Cleveland (Ohio) bekamen die Auswirkungen zu spüren, am schwersten betroffen war allerdings die Ostküste mit New Jersey, New York, Pennsylvania, Connecticut, Massachusetts und Maine. Der Gesamtschaden wird inzwischen auf mindestens 50 Milliarden US-Dollar geschätzt. Viele Menschen werden noch lange an den Folgen des Wirbelsturms leiden.

Sechs Wochen nach der Katastrophe drängt sich die Frage auf: Was haben wir daraus gelernt? Zunächst der Umweltaspekt: Der Anstieg der Meeresspiegel und die Klimaerwärmung dürften die Wahrscheinlichkeit solch verheerender Wirbelstürme in Zukunft erhöhen. Dann der gesellschaftspolitische Aspekt: Schon für die USA waren die Orkanschäden ein schwerer Schlag. Doch den Ländern der Karibik mit ihren weitaus geringeren Mitteln wird es noch viel schwerer fallen, sich von Hurrikan Sandy zu erholen. Und schließlich kann man den Wirbelsturm auch unter dem Gesichtspunkt der Technologie betrachten. Sie trug maßgeblich zur Bekämpfung der Katastrophe bei, fiel ihr zum Teil aber auch zum Opfer.

Aus den Fehlern lernen

Unternehmen sahen sich gezwungen, auf sehr primitive Verfahren zurückzugreifen, um ihren Betrieb während des Orkans aufrechtzuerhalten. Als bei Peer 1 Hosting, einem Rechenzentrum in Lower Manhattan, wegen Überflutung die Notstromgeneratoren ausfielen, blieb dem Unternehmen nur eine Hoffnung, online zu bleiben: Ein einziger Generator auf dem Gebäudedach. Mit Unterstützung von mehr als 30 Kunden schleppten die Mitarbeiter tausende Liter Benzin Kanister für Kanister 17 Stockwerke hinauf, um diesen Generator zu versorgen. Und siehe da: Sie schafften es, das Rechenzentrum während des Wirbelsturms in Betrieb zu halten.

Das wäre wohl mit weitaus weniger Mühe gelungen, wenn die Notstromgeneratoren und ihre Benzintanks nicht unterhalb des Meeresspiegels aufgestellt worden wären. Da auf niedrig gelegenen Inseln wie Manhattan mit Hochwasser zu rechnen ist, hätte man eigentlich wissen müssen, dass Vorräte und Maschinen, die im Katastrophenfall für die Stromerzeugung gebraucht werden, nicht in Kellern gelagert werden dürfen. Doch auch andere Unternehmen begingen denselben Fehler.

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Bei Internap, dem Betreiber eines weiteren Rechenzentrums im selben Gebäude, fielen ebenfalls aufgrund von Wasserschäden die Benzinpumpen aus. Internap gelang es, seinen Generator an einen Tanklastwagen anzuschließen, der vor dem Bürogebäude parkte. Auf diese Weise wurde das Rechenzentrum vier Tage lang mit jeweils bis zu 75.000 Litern Benzin versorgt. Eine durchaus wirksame, aber kostspielige Alternative zum Kanisterschleppen.

Das Problem mit dem Treibstoff

Eine Reihe weiterer Rechenzentren in Manhattan sahen sich während des Orkans gezwungen, den Betrieb vorübergehend einzustellen – nicht, weil sie keine funktionsfähigen Generatoren hatten, sondern weil der Treibstoff dafür fehlte oder nicht zugeführt werden konnte. Wie das IT-Marktforschungsunternehmen Gartner durch Kundenbefragungen ermittelt hat, hingen alle drei Hauptgründe für den Ausfall von Generatoren mit der Treibstoffversorgung zusammen.

Zum einen versagten Sensoren (sie zeigten Benzinvorräte an, wo keine bestanden), zum zweiten war das Benzin zum Teil so abgestanden, dass Leistungsfähigkeit und Betrieb der Generatoren beeinträchtigt wurden und drittens war der Treibstoff aufgrund unsachgerechter Lagerung verunreinigt. Außerdem konnten die Befragten während der Stromausfälle deshalb nicht auf die Generatoren zurückgreifen, weil das Benzin dafür in gefährdeten Räumen (Kellern!) lagerte und überdies nicht in ausreichenden Mengen vorhanden war. Es überrascht, dass so viele Rechenzentren zwar über einen Katastrophenplan verfügen, dabei aber solche elementaren Anforderungen außer Acht lassen. Zumindest ein Unternehmen hat seine Lektion gelernt: Internap plant die Installation wasserdichter Treibstoffpumpen. Denn der nächste Hurrikan ist nur eine Frage der Zeit.

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Beispielsweise drohte in zahlreichen Krankenhäusern in New York City der Strom auszufallen, sodass die Patienten in andere Einrichtungen verlegt werden mussten. Zumindest in einer Hinsicht wurde dieser beschwerliche Umzug durch moderne Technologien erleichtert: Dank der elektronischen Patientenakten, die im Bundesstaat New York flächendeckend eingeführt worden waren, standen den Ärzten die medizinischen Unterlagen der Neuankömmlinge umgehend in zuverlässiger Form zur Verfügung. Im Falle einer weiteren Ausbreitung der Stromausfälle hätten allerdings auch die elektronischen Krankenakten nicht mehr viel genützt.

Abgeschnitten von der digitalen Welt

Immerhin wurden während des Hurrikans Sandy mehr als sieben Millionen US-Amerikaner von der Stromversorgung abgeschnitten. Darüber hinaus zogen die Stromausfälle schwerwiegende Folgewirkungen nach sich, zum Beispiel bei Verizon. Ohne Strom konnte der Telekommunikationsanbieter das Sicherheitssystem nicht mehr betreiben, das seine Kabel vor Wasser schützt. Die Folge war, dass bei seinen Kunden Internet, Fernsehen und Telefon ausfielen. Schließlich setzten einfallsreiche Servicetechniker thermografische Geräte ein, um beschädigte Kabel schnell aufzuspüren und zu ersetzen. Mithilfe der einen Technologie wurde eine andere, ausgefallene Technologie wieder instand gesetzt.

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