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„ERP-Systeme müssen portierbar sein“

Feature | 10. Oktober 2017 von SAP News 9

ERP-Systeme leisten die Integration nahezu aller Unternehmensfunktionen. Doch wie muss sich das ERP verändern, um auch in Zeiten des Internet of Things (IoT) noch seiner Rolle gerecht zu werden? Für Otto Schell, Vorstandsmitglied der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe e.V. (DSAG) zuständig für IoT/Business Transformation, ist klar: ERP-Systeme bleiben das Rückgrat vieler Unternehmensprozesse – doch künftig müssen sie in eine IoT-Welt portierbar sein.

Welche Rolle spielen ERP-Systeme im Rahmen von Internet-of-Things-Projekten?

Auch im IoT bleiben ERP-Systeme das Rückgrat vieler Unternehmensprozesse und damit klassischer Projektarbeit. Allerdings müssen sie künftig in die neue Welt portierbar sein. Generell gilt es bei IoT-Projekten zu überlegen, wie sich die On-Premise-Welten mit Cloud-Welten verbinden und wie sich schnellere, agilere Prozesse untereinander verknüpfen lassen. Die Frage, die sich viele Anwender derzeit stellen: Warum muss ich mein altes System in SAP S/4HANA heben? Der Wechsel ist hier keine reine Funktionalitäten-Frage, sondern vielmehr ein Schritt, um alte Systeme IoT-fähig zu machen und damit auch unter anderem für Machine Learning auszulegen.

Inwieweit gibt es Standards für die Integration von ERP-Systemen mit IoT-Geräten und IoT-Sensoren?

Standards gibt es schon immer. Im Automotive-Umfeld wird das besonders deutlich. Hier werden Daten über Electronic Data Interchange (EDI) ausgetauscht und es gibt zahlreiche Standards für Sensorik. Die eigentliche Frage ist, wie sich diese Standards in die neue Welt transportieren lassen, wo wieder neue entstehen. Sowohl in den USA mit dem Industrial Internet Consortium (IIC) als auch in Deutschland mit der Plattform Industrie 4.0 gibt es Gremien, die sich mit solchen Standards beschäftigen und sie erweitern oder neue schaffen, um sich zwischen der alten und der neuen Welt auszutauschen.

Inwiefern müssen die Anwender ihre vorhandenen ERP-Systeme an neue Anforderungen rund um das IoT anpassen?

Man muss sich überlegen, wie das Businessmodell in der neuen Welt aussehen soll, wie die prozessualen, transaktionalen Abläufe aussehen sollen und wie mit Daten und Werten umgegangen werden soll. Beim Einkaufsprozess zum Beispiel steuern Unternehmen aus ihren Systemen heraus Einkäufe, die über Schnittstellen oder Portale mit Lieferanten abgeschlossen werden. Hier könnten sie auch direkte Netzwerklösungen wie SAP Ariba nutzen –also den Prozess umstellen. Hier unter anderem mit einer Back-End Integration ins ERP. Wer ein Asset Intelligence Network (AIN) einführen und sein ERP-System mit Asset Management behalten möchte, muss das entsprechend anpassen – zum Beispiel über Cloud-Lösungen, um den Digital Twin zu schaffen. Die virtuelle Realtime-Kopie einer physischen Anlage oder eines Prozesses, über die sich Geschäftsprozesse auch in Business-Netzwerken realisieren lassen. Mit solchen Szenarien werden sich künftig Marktpositionen verändern, wie es schon die Produkt-versus-Service-Diskussion zeigt.

Welcher Fall ist denn häufiger – dass ERP-Systeme angepasst oder neue Prozesse gedacht werden müssen?

In den meisten Fällen müssen wir neue Prozesse denken, denn mit dem IoT werden zwei Dinge passieren: Daten werden anders genutzt und von anderen genutzt. Daher verschieben sich Daten- und Prozesshoheiten. Also muss man sich Gedanken machen, wohin die Reise geht und wie der Bestand mitgenommen werden kann, oder ob er komplett angepasst werden muss. Wer robust in seinen Prozessen ist, kann Greenfield gehen, statt die komplette bestehende Systemlandschaft umzumodeln.

Welche Schwierigkeiten können dabei auftreten?

Eine Schwierigkeit könnte sein, zu sehr in der alten Welt zu denken und die internen Schnittstellen im Kopf zu haben. Das, was man in den vergangenen Jahren über den Umgang mit Projekten gelernt hat, lässt sich nicht eins zu eins in die neue Welt übertragen. Zudem ist eine gereifte SAP-Anwendung mittlerweile in vielen Unternehmen als Legacy-System zu betrachten, bei dem teilweise die Mitarbeiter, die es aufgebaut haben und verstehen, das Unternehmen verlassen haben. Es fehlen also nicht nur die Skills, um in die Zukunft zu denken und mit der neuen Art von Applikationen umzugehen, sondern zunehmend auch die derer, die vor fünf bis fünfzehn Jahren die Businessprozesse angepasst und Integrationen vorgenommen haben. Daher muss der Übergang in die neue Welt auch hinsichtlich der Skills vollzogen werden.

Inwieweit kann die DSAG ihren Mitgliedern bei IoT-Projekten unter die Arme greifen?

Entsprechend unserer Säulen Netzwerk, Einflussnahme und Wissensvorsprung stellen wir unseren Mitgliedern Informationen zu den neuen Portfolios von SAP bereit und nehmen gemeinsam mit ihnen Einfluss darauf, was in der alten Welt verbleibt. Gleichzeitig vermitteln wir unseren Mitgliedern ein Verständnis von agileren Portfolios. Wir setzen aber für eine Transformationsbegleitung nicht nur auf Erfahrungswerte, sondern werden  unseren Mitgliedern auch Möglichkeiten bieten, sich auf die neue Welt vorzubereiten, indem wir gemeinsame Angebote erarbeiten, wie Architekturen in einer IoT-Welt funktionieren – und das in Zusammenarbeitsmodellen über die SAP-Grenzen hinaus.

Abschließend ein Blick auf das Marktgeschehen: Inwieweit haben sich ERP-Anbieter das Thema “Internet of Things” auf die Fahne geschrieben? Wie ausgereift sind die angebotenen Lösungen?

Anbieter vermitteln das Gefühl, dass sich IoT „quick and dirty“ implementieren lässt. Das funktioniert jedoch nicht bei einer Backend-Integration oder in Netzwerkumgebungen. Die Lösungen an sich mögen schon ausgereift sein, doch bei der End-to-End-Abbildung hängt es von Architektur und Geschäftsmodell des Unternehmens ab. In erster Linie möchten Anbieter ihre Lösungen verkaufen – aber sie wissen auch, dass Nacharbeiten anstehen, die der Kunde dann ebenfalls bezahlen muss. Als DSAG können wir den Weg in die IoT-Welt gut vorbereiten und schon im Vorfeld beeinflussen, indem wir Standards und Anforderungen mit festlegen.

Der Artikel ist ursprünglich bei IT Director erschienen.

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