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ERP in der Cloud

Feature | 2. August 2017 von Andreas Schmitz 231

Eine ERP-Cloud-Strategie erfordert die Bereitschaft, sich von etablierten (aber auch veralteten) Prozessen zu trennen. Am besten fahren Unternehmen, wenn sie langfristig auf die Public Cloud setzen.

Ob Dokumente ausgetauscht, E-Mails verschickt oder Fotos miteinander geteilt werden: Die Cloud ist in Form der Dropbox, durch Gmail von Google oder die iCloud von Apple längst zu einem wichtigen Bindeglied der privaten Internetnutzer geworden. Privatanwender haben sich an die Standardfunktionalitäten gewöhnt. Diese Entwicklung steht dem Business-to-Business-Sektor unmittelbar bevor. „Denn was der Konsument heute privat nutzt, wird morgen in den Unternehmen zu finden sein“, ist sich Heiko Mauersberg sicher, der sich seit 27 Jahren mit ERP-Software beschäftigt und seit 15 Jahren bereits mit ERP in der Cloud.

„Cloud-Disruption“: Trend hin zur Public Cloud

Aktuelle Entwicklungen des Marktes bestätigen ihn: So soll der weltweite Markt für Services rund um das Thema Public Cloud in diesem Jahr um 17 Prozent auf dann 217 Milliarden Euro wachsen, nach 16 Prozent im Vorjahr. Und auch in Deutschland entwickelt sich der Markt dermaßen stark, dass Marktforscher IDC Anfang des Jahres sogar von einer „Cloud-Disruption“ in Deutschland sprach: Während IDC aktuell 40 Prozent der Unternehmen als „reif“ für die Cloud ansieht, gehen die Analysten davon aus, dass es in zwei Jahren bereits 63 Prozent sein werden – zudem verstärkt in einem Cloud-first-Ansatz. Auch der Cloud Monitor 2017 von IT-Branchenverband bitkom und dem Beratungshaus KPMG haben in deutschen Unternehmen noch nie mehr Zustimmung für Cloud-Technologien registriert. Fast zwei Drittel der Unternehmen (65 Prozent) nutzten Ende 2016 Cloud-Technologien – 25 Prozent mehr als drei Jahre zuvor. Und selbst die Public Cloud, die sich stark am Standard der Hersteller orientiert, nutzt heute schon fast ein Drittel der Unternehmen (29 Prozent), 13 Prozent mehr als noch vor zwei Jahren.

Cloud first: Nur eine Frage der Zeit

Die generellen Vorteile der Cloud sind in den Unternehmen also weitgehend angekommen. Es ist kein eigener IT-Betrieb nötig, was eigene Ressourcen schont, die Systeme sind beliebig hoch- und herunterskalierbar, Anwendungen sind schnell einsetzbar und Innovationen sofort nutzbar. Würden sich die aktuellen Trends im Markt so weiter entwickeln, wäre es also keine Überraschung, wenn schon in wenigen Jahren Public-Cloud-Anwendungen mehrheitlich in Unternehmen zu finden sein würden. „Die Managed Private Cloud“, da ist sich der Vice President Business Development Cloud Solutions bei SAP Mauersberg sicher, „ist für viele Unternehmen eine Zwischenstufe auf dem Weg in die Public Cloud.“ Die Vorteile der reinen Software-as-a-Service-Lösung liegen darin, dass (etwa bei SAP) Upgrades vier Mal im Jahr automatisch aufgespielt werden und Innovationen „Cloud-first“ genutzt werden können, während Managed-Private-Cloud-Nutzer nicht jeden Release-Wechsel mitgehen müssen, sondern jährlich und konsolidiert upgraden können.

Dies gehört für Mauersberg zu einem „sanften Weg in den Standard“. „Gerade für Unternehmen, die aus einer stark modifizierten On-Premise-Welt kommen, ist diese Zwischenstufe nötig, in der die Erweiterbarkeit der Systeme nach und nach reduziert werden kann.“ Dass ein Unternehmen auch ohne viele zusätzlich programmierte Eigenentwicklungen funktionieren kann, steht für Mauersberg außer Frage: „Prozesse im Kundenbeziehungsmanagement sowie Personal- und Finanzwesen sind in vielen Industrien sehr ähnlich“, ist Mauersberg überzeugt.

Hybrid-Strategie: System aus modularen Cloud-Bausteinen

Vor etwa 17 Jahren kamen die ersten Ideen für ein On-Demand-ERP auf, ausgehend von klassischen Hosting-Lösungen, die auf Wunsch gebucht werden konnten. In der ersten Generation von ERP in der Cloud ging es darum, sämtliche Prozesse eines Unternehmens über eine Software in der Cloud abzubilden. „Die komplette Suite sollte kleineren Unternehmen professionelle Software bieten, ohne dass sie sich eine IT-Infrastruktur leisten mussten“, erinnert sich Mauersberg, der selbst den Launch von SAP Business ByDesign mit begleitet hat – einer Software, die heute besonders Mittelständler mit bis zu 1.500 Mitarbeitern nutzen. Heute ist es das Ziel, modulare Cloud-Software zu schaffen, die bausteinartig die wichtigsten Prozesse in einzelnen Fachbereichen abdeckt. Einem Unternehmen bleibt es selbst überlassen, ob es etwa Fertigungsprozesse nicht in der Cloud betreiben will.

ERP in der Cloud: Individuell vorgehen

Die eine Software, die alle Anforderungen für das ERP in der Cloud abdeckt, gibt es nach Ansicht von Mauersberg nicht. Der ERP-Experte rät zu einem „lösungsunabhängigen Qualifikationsprozess“, in dem zunächst einmal die Best Practices des Anbieters sowie die geschäftlichen Ziele des Unternehmens gesammelt werden. „Gemeinsam geht es in einem Workshop dann darum, den Funktionsumfang zu bestimmen und die Lösung zu konkretisieren“, sagt Mauersberg. Ein Unternehmen, das beispielsweise SAP R/3 im Einsatz hat und mehrere hundert kundenspezifische Erweiterungen erkennt relativ schnell, dass es keinen Sinn macht, die gleichen Prozesse in die neue Software mitzunehmen. Der innovative Weg könnte dann heißen: „Die Kernprozesse kommen aus der Box, was zusätzlich nötig ist, wird als Microservice oder App ergänzt“, erläutert Mauersberg. Im SAP-Portfolio wäre es beispielsweise mit Hilfe der SAP Cloud Platform möglich, den Kern SAP S/4HANA Cloud durch Microservices zu bereichern. Die Mittelstandssoftware SAP Business ByDesign liefert ein Development-Kit mit aus, die Apps für Sonderfunktionen ermöglicht. Für Unternehmen, die Tochterunternehmen anbinden, Unternehmensbereiche verselbständigen oder dynamische und agile Sektionen gründen wollen, bietet sich besonders SAP S/4HANA an.

„Weil wir Menschen so sind, wird die Public Cloud für alle kommen“

Noch sind die modernen Cloud-Anwendungen nicht überall etabliert. Das will nichts heißen, denn iCloud, Googlemail und Co haben auch mal klein angefangen – und heute nutzt es (fast) jeder. Mauersbergs eindeutige Prognose: „Weil wir im privaten Leben schon so agieren, wird die Public Cloud auch in der Unternehmenswelt für alle kommen.“

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