ERP-Software mieten oder kaufen?

Feature | 20. Februar 2008 von admin 0

In Miet-Software sieht Diane Palmquist gerade für den Mittelstand enorme Vorteile. Aufgrund ihrer Erfahrung in der Software-Entwicklung und im Produktmanagement hat sie ein gutes Gespür für Trends und innovative Geschäftsmodelle.

Warum sollten sich kleine und mittlere Unternehmen mit On-Demand-ERP-Lösungen befassen?

Palmquist: Seit 2000/2001, als das On-Demand-Geschäftsmodell auf den Markt kam, ist das Interesse an “Software-as-a-Service” ständig gestiegen. Anfangs wurden Einzellösungen angeboten, zum Beispiel für das Customer Relationship Management, Dienste für Händler oder Online-Konferenzen. Der Erfolg dieser Angebote ebnete den Weg für komplexere On-Demand-Anwendungen. Heute bieten mehrere Unternehmen, darunter SAP, On-Demand-ERP an.

Gerade für mittelständische Unternehmen hat SaaS zahlreiche Vorteile, etwa die geringeren operativen Aufwendungen, die schnelle Implementierung, die einfache Wartung und die technologische Flexibilität. Außerdem entfällt der Aufwand für Upgrades.

Was spricht dabei mittelständische Unternehmen besonders an?

Palmquist: Für die wenigsten Unternehmen ist IT eine Kernkompetenz. Daher sticht das Argument, umfassende ERP-Funktionalität zu nutzen, ohne die notwendige Hardware kaufen, aufrüsten oder warten zu müssen. Bei minimalen Betriebskosten fällt lediglich eine Nutzungsgebühr an. So bleibt mehr Spielraum, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren, neue Produkte oder Geschäftsmodelle zu entwickeln, Qualität und Kundenservice zu verbessern, in neue Märkte zu expandieren oder interne Abläufe zu optimieren.

Natürlich sind die finanziellen Vorteile von Fall zu Fall unterschiedlich. Doch einigen Schätzungen zufolge können Unternehmen mit einer On-Demand-ERP-Anwendung gegenüber einer On-Premise-Lösung 25 bis 50 Prozent ihrer Kosten sparen.

Welche Unternehmen sind keine guten Kandidaten für On-Demand-Software?

Palmquist: Unternehmen ohne zuverlässige Internetanbindung und solche, deren ERP-Umgebung umfangreiche Anpassungen benötigen. Denn der Basiscode von On-Demand-Software ist für alle Kunden gleich. Künftig wird es sicherlich mehr Möglichkeiten geben, auch On-Demand-Lösungen individuell anzupassen. Doch im Moment sind sie für Unternehmen mit hohen Customizing-Anforderungen nicht das Richtige.

Auch wer hohe Anforderungen an die Verfügbarkeit hat, zum Beispiel 99,999 Prozent Produktivzeit, ist damit nicht gut beraten. Eine solche Verfügbarkeit ist zwar möglich. Doch die Kunden sollten zuvor die Kosten einer entsprechenden Service-Level-Vereinbarung beim Anbieter erfragen. Unternehmen, die keine Stunde Ausfallzeit pro Jahr tolerieren können, fahren mit einer eigenen Betriebsumgebung besser. Hierbei ist allerdings wiederum zu bedenken, dass die Produktivzeit beim Betrieb in einem Hosting-Center kalkulierbarer ist.

Darüber hinaus sollte jedes Unternehmen seine Ansprüche kritisch hinterfragen. Zählt es generell zu den Ersten, die auf eine neue Technologie aufspringen? Jeder, der etwas technologisch Neues sieht, etwa ein wasserstoffbetriebenes Auto, sagt ja gerne: “Toll, so eins will ich auch.” Aber: Kauft er es dann wirklich?

Wie beurteilen Analysten das Wachstum von SaaS?

Palmquist: Viele Analysten waren lange sehr zurückhaltend. Die große Frage war, ob die Anbieter die Erwartungen erfüllen können. Das hat sich inzwischen geändert. Die Marktforscher sind optimistischer geworden und stufen SaaS nun als echte Option ein. Gartner prognostizierte für On-Demand-Lösungen im Bereich Unternehmenssoftware ein Wachstum von rund 22 Prozent bis 2011. Das ist über das Doppelte mehr als der Zuwachs für den Saas-Markt insgesamt. Dieser liegt bei neun Prozent.

Sharon Mertz, Research Director bei Gartner, sieht in SaaS dank der Benutzerfreundlichkeit, schnellen Implementierung und geringeren Vorabinvestitionen eine attraktive Alternative zu vielen On-Premise-Lösungen. Ihrer Ansicht nach sind diese Argumente ein Wachstumstreiber.

Und wie sehen Sie SaaS – als Evolution oder als Durchbruch?

Palmquist: SaaS gehört zu einer wachsenden Anzahl an Möglichkeiten, aus denen Unternehmen heute wählen können. Von daher ließe sich das Angebot tatsächlich als evolutionär bezeichnen. Aus der Perspektive der Software-Bereitstellung ist es allerdings ein völlig anderes Geschäftsmodell.

On-Premise-Lösung verlangen von den Kunden auf einen Schlag erhebliche Investition für die Lizenzen und eventuell einen Wartungsvertrag. Das SaaS-Modell dagegen ist ein gehostetes, subskriptionsbasiertes Servicemodell. Bezahlt wird nach und nach. Aus Sicht der Anbieter bietet es langfristige, wiederkehrende Erträge. Das ist für Systemhäuser und ISVs eine große Umstellung. Anfangs erzielen sie damit geringere Umsätze. Doch sie bauen eine dauerhafte Geschäftsbeziehung auf – aus meiner Sicht ein Vorteil.

Wie stehen die Software-Anbieter und Systemhäuser dazu?

Palmquist: Ich vermute, dass sich viele Systemhäuser so lange wie möglich sträuben werden, in die SaaS-Richtung zu gehen. Als völlig neues Geschäftsmodell stört es zunächst einmal etablierte Abläufe. Die Software-Anbieter müssen hostingfähige Online-Lösungen entwickeln, die kein IT-Personal beim Kunden erfordern.

Sowohl Systemhäuser als auch Software-Anbieter stehen vor der Herausforderung, einen Kundenstamm aufzubauen. Sie müssen in der Lage sein, einige Jahre lang in ein neues Geschäft zu investieren. Bis sich die entsprechenden, langfristigen Einnahmequellen erschlossen haben, benötigen sie Kapital zur Überbrückung. Zu Anfang werden die Kosten daher weit über dem Umsatz liegen.

Angesichts dieser Perspektive scheint es möglich, dass Software-Anbieter versuchen werden, den Wechsel zu SaaS zu bremsen oder zu verhindern. Doch am Ende, glaube ich, wird der Markt gewinnen. Die Nachfrage und die Marktdynamik sind die bestimmenden Faktoren. Bislang haben vor allem die notwendigen Investitionen und die Bindung an Hosting-Center die rasche Verbreitung des SaaS-Modells gebremst. Aber jetzt kommt die Sache in Schwung.

Was sollten Unternehmen bei der Evaluation einer SaaS-ERP-Lösung berücksichtigen?

Palmquist: Die grundsätzliche Frage ist zunächst: “Miteten oder Kaufen?”. Darüber hinaus sollten die Unternehmen sicherstellen, dass die Lösung mit Software integrierbar ist, die sie weiterhin nutzen wollen. Ein wichtiger Punkt ist außerdem die künftige Entwicklung.

Hält die Lösung mit dem Unternehmenswachstum Schritt? Ist sie skalierbar? Besitzt der Anbieter ein solides Partnernetzwerk – ein wichtiger Indikator für das Vertrauen des Marktes in die Plattform. Und: Kann der Anbieter helfen, wenn die ERP-Umgebung doch einmal im Unternehmen implementiert werden soll?

Was ist Ihre persönliche Meinung zu SaaS?

Palmquist: Die Zeit ist zweifellos reif für dieses Konzept. Das SaaS-Modell bietet Unternehmen eine neue Option für ihr Geschäft. Sie sind gut beraten, wenn sie prüfen, wie sie davon profitieren können – denn sie können sicher sein, dass ihre Mitbewerber das auch tun und gegebenenfalls auf On-Demand-ERP-Plattformen umsteigen.

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