Gemeinsame Datennutzung in ganz Russland

Feature | 4. Oktober 2007 von admin 0

Die nur 35 Quadratmeter großen Verkaufsräume der Euroset-Filialen sind bis zur Decke vollgepackt mit Elektronik. Die Handelskette genießt in Russland eine Art Kultstatus – sie gilt als jung und dynamisch. Etwa 30.000 Mitarbeiter verkaufen Digitalkameras, Mobiltelefone, CD- und MP3-Player und das entsprechende Zubehör. Wer auch immer einen Blick auf die russische Telekommunikationsbranche wirft, kommt an Euroset nur schwerlich vorbei. 2005 gingen neun Millionen Mobiltelefone über die Ladentische der rund 3.300 Filialen, die damit in Russland einen Marktanteil von 25 Prozent abdecken. Selbst große internationale Hersteller von Mobiltelefonen wie Nokia oder Samsung verkaufen bis zu 2,5 Prozent ihrer weltweiten Produktion via Euroset. Zudem wächst das Unternehmen rascher als die meisten anderen in Russland: Im vergangenen Jahr wurden täglich vier neue Euroset-Filialen im Land eröffnet.
Doch mit jeder neuen Filiale nimmt auch die zu verarbeitende Datenmenge zu. Täglich werden Informationen aus dem gesamten Handelsnetz an die Zentrale in Moskau übermittelt und dort verarbeitet. Naturgemäß bilden diese Kunden- und Materialdaten, Sortimentslisten und Informationen zu Umsatzerlös und Umrechnungskursen die Grundlage für finanzielle und logistische Prognosen, etwa bezüglich des Cashflows oder anstehender Folgelieferungen. „Derzeit gehen bei uns mehr als drei Gigabyte Daten pro Tag ein“, erklärt Eugeniy Balahonov, Leiter des Bereichs SAP-Integration bei Euroset. „Unser altes IT-System war durch diese Flut von Informationen manchmal überlastet – und es wurden immer noch mehr Daten.“

Datendrehscheibe SAP NetWeaver XI

Neben den enormen Datenmengen verursachte auch die Heterogenität der IT-Landschaft Probleme. In seinem Unternehmensnetzwerk verwendete Euroset eine ganze Reihe von Anwendungen, eine Kassenlösung, eine spezielle ERP-Software oder 1C 2005, ein Buchhaltungssystem, das speziell für die gesetzlichen Anforderungen in Russland ausgelegt war. Hinzu kamen diverse Eigenentwicklungen, etwa für das Data Warehousing, ein Prepaid-Zahlungssystem und eine Lösung für die Personalverwaltung. Die zugehörigen Schnittstellen waren technisch veraltet, die riesigen Datenmengen mussten mühsam zusammengeführt werden. Das führte häufig zu Fehlern und war ineffizient. „Unserer Schnittstellenlandschaft fehlte es an Transparenz, wir konnten sie nur mit beträchtlichem Aufwand an Zeit und Geld betreiben und warten“, so Balahonov.
Euroset beschloss daher Anfang 2005, all diese Einzellösungen in die SAP-R/3-Lösung der Unternehmenszentrale zu integrieren, wo bereits die Funktionalität für das Personalwesen (HR), die Data-Warehouse-Komponente SAP Business Information Warehouse (SAP BW), die ERP-Funktionalität von SAP for Retail und SAP NetWeaver Exchange Infrastructure (SAP NetWeaver XI) vorhanden waren.
Es galt, die in der SAP-Software der Moskauer Zentrale täglich auflaufenden Daten auf einer zentralen Plattform zu konsolidieren. Hierfür bot sich die offene Datendrehscheibe SAP NetWeaver XI an. Als Schwerpunkt sollte 1C Parus POS der Filialen via XML und SAP-Standardprozeduren an die SAP-Software der Zentrale angebunden werden.

Schnittstellenkonzeption mit Standards

Zunächst entwickelte Euroset in Zusammenarbeit mit dem SAP-Partner IDS Scheer ein Konzept auf Basis SAP NetWeaver XI, das der Dienstleister auch umzusetzen half. Kommunikation und Datenaustausch zwischen SAP NetWeaver und den angeschlossenen IT-Lösungen sollten ausschließlich auf Basis standardisierter, Web-basierter Technologie wie XML oder SOAP (Simple Object Access Protocol) ablaufen. „Also galt es, die Schnittstellen auf die XML-Standards anzupassen. Wir haben uns hierfür die Vorteile der JCA-Adapter-Technologie zu Nutze gemacht“, erläutert Balahonov. Das Implementierungsteam konzipierte die Schnittstellen für die einzelnen Filialen, implementierte sie und passte SAP NetWeaver XI entsprechend an. In dieser Phase standen die Definitionen der benötigten Daten, das Datenformat, die Häufigkeit des Datenaustausches und die Überwachung der Schnittstellen im Mittelpunkt der Arbeiten. Hierfür griff Euroset auf grafische Message-Mappings, XSL-Transformationen, Java- und APAP-Mapping-Klassen, BPM-basierte Szenarien zurück. Auch wurden erweiterte IDoc-Typen, Komprimierungsmechanismen im JAVA-Stack und Mechanismen für Message Recovery und Versionsverwaltung im ABAP-Stack verwendet.
IDS Scheer verbesserte darüber hinaus das Design der Schnittstellen. Außerdem entwickelte das Team Datentypen für den XML-Austausch, die SAP NetWeaver XI zentral verwaltet. Die jeweiligen Dokumenttypen, grafischen Mappings oder XSLT-Mappings waren anzupassen, da sich die einzelnen Dokumentaustauschformate für 1C POS – entwickelt als XSD-Definitionen – von einer entsprechenden XML-IDoc-Struktur oder einem BAPI (etwa DEBMAS oder HRMD_A) ableiten. Diese Formate wurden um zusätzliche 1C-spezifische Felder erweitert.
Für die Komprimierung, Dekomprimierung und Verschlüsselung der Daten fielen ebenfalls eine Reihe spezifischer Modifikationen auf Basis der Java- und ABAP-Funktionalität von SAP NetWeaver Application Server (SAP NetWeaver AS) an. Aufgrund schlechter Durchsatzraten, instabiler Internetverbindung und XML-Payloads bei einigen Filialen mussten hierzu auch einige Anpassungen außerhalb des SAP-Standards vorgenommen werden.
„Die Implementierung der Schnittstellen verlief wegen des plattformübergreifenden und flexiblen XML-Standards reibungslos“, resümiert Balahonov. „Wir haben bei der Implementierung auch auf vorhandene Ressourcen zurückgegriffen, etwa auf 1C Abrechnungsreports und KIC für die Erfassung von Arbeitszeiten.” Da für 1C keine Spezifikationen etwa für die Schnittstellendaten vorlagen, griff Euroset auf Standardtechnologien zurück, beispielsweise auf gängige Dateien für die asynchrone Kommunikation und SOAP für die synchrone Kommunikation. „Eine gemeinsame Wissensdatenbank enthält heute alle Informationen, die für den Zugriff auf Funktionen, die Integration von Systemen und die Unterstützung von Prozessen nötig sind“, erläutert Balahonov. „Mit SAP NetWeaver XI können wir nun Änderungen oder Erweiterungen bestehender Live-Szenarien problemlos umsetzen.”

SAP R/3 als führende ERP-Software

Schwierigkeiten bereiteten während der Implementierung die Identifikationscodes für Debitoren, Kreditoren oder Verkaufsstandorte, die sich in SAP R/3 und den anderen Systemen unterschieden. Hierfür diskutierte Euroset zwei Lösungsvarianten: Entweder die Identifikationsnummern mit SAP NetWeaver XI zu konvertieren oder alle Codes dem Identifikationssystem von SAP R/3 anzupassen.
Letztendlich entschied sich das Implementierungsteam für die zweite Variante, da SAP R/3 als führendes System für die Definition und Pflege der Stammdaten festgelegt war. Diese Entscheidung führte auch dazu, dass Euroset den Verwaltungsaufwand für die Stammdaten reduzieren und deren Qualität erheblich verbessern konnte – ein entscheidender Vorteil in Hinblick auf die Expansion des Unternehmens.

Erstmalig in dieser Art

Nach fünf Monaten Projektlaufzeit nahm Euroset im Juni 2005 den Produktivbetrieb auf. Zunächst wurden etwa 600 Verkaufsstellen in und um Moskau über das lokalisierte J2SE-Adapter-Framework von SAP NetWeaver XI mit der SAP-Software der Zentrale verbunden. „Wir können jetzt mit unseren SAP- und Drittanbieteranwendungen prozessorientiert arbeiten“, so Balahonov. „Zwar haben wir weiterhin Eigenentwicklungen wie unser Data Warehouse, unsere Zahlungssysteme oder die Buchhaltungssoftware 1C in Betrieb, doch sind sie jetzt über SAP NetWeaver XI miteinander verbunden.“
SAP NetWeaver XI vereinfacht das Geschäftsprozessmanagement erheblich. Da die Datenflüsse transparent sind, lassen sich Liquiditäts- und Kreditlimitprüfungen leicht aus der SAP-Software extrahieren. „Unser Management hat nun für die finanzielle und logistische Planung alle erforderlichen Daten sofort zur Verfügung“, so Balahonov. Die Planung ist nun entsprechend verbessert. Auch hat Euroset durch die Zusammenführung die Betriebskosten erheblich gesenkt.
„Wir tauschen derzeit Daten mit mehr als 900 Verkaufsstellen über SAP NetWeaver XI aus. Die Integration von SAP R/3 und 1C in einem großen Handelsnetz ist die erste dieser Art in Russland. Wir planen, in den kommenden Monaten weitere 750 Verkaufsbüros in die Datenaustauschlösung einzubinden“, skizziert Balahonov das weitere Vorgehen.

Tags:

Leave a Reply