EIU-Studie I: KMUs in Schwellenländern

Feature | 23. Oktober 2012 von Susan Galer 0

Foto: istockphoto.com

Trotz der erwarteten konjunkturellen Abkühlung schätzen die Manager kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) in den Schwellenländern ihre Aussichten in den nächsten zwölf Monaten zuversichtlich ein. 60 % der Befragten sind der Meinung, dass das wirtschaftliche Umfeld während der letzten drei Jahre schwieriger geworden ist. Dennoch rechnen 78 % dieser Manager im nächsten Jahr mit Umsatzsteigerungen. Mehr noch: 72 % wollen in den nächsten zwölf Monaten neue Mitarbeiter einstellen.

Die Top-Prioritäten: Wachstum, Effizienz, Technologie

Für das nächste Jahr haben alle KMU-Manager folgende Prioritäten:

  • Steigerung von Umsatz und Ergebnis (55 %)
  • Effizienzsteigerung (55 %)
  • Effektiverer Einsatz von Informationstechnologie (50 %)

Senior Solution ist ein Beispiel für ein schnell wachsendes Mittelstandsunternehmen in einem aufstrebenden Markt. Ab 2013 wird der in São Paolo ansässige Spezialsoftware-Anbieter an der brasilianischen Börse im „Bovespa Mais“ notiert sein, dem Segment für wachstumsorientierte Unternehmen. Den Erlös aus dem Börsengang will CEO Bernardo Gomes in Akquisitionen und damit in weiteres Wachstum investieren. Während der vergangenen sechs Jahre erzielte das Unternehmen ein durchschnittliches Umsatzwachstum von 28 % pro Jahr und liegt damit weit vor der gesamten brasilianischen Wirtschaft. Von einem erfolgreichen Börsengang verspricht sich Gomes sogar noch höhere Wachstumsraten.

IT – Motor für Effizienz und Wachstum

64 % der Befragten äußern, dass sie jetzt mehr Aufgaben und Funktionen automatisiert abwickeln als noch vor drei Jahren. Der leitende Manager einer russischen Firma aus der Gesundheits-, Pharma- und Biotechnologie-Branche sieht in den kommenden zwölf Monaten die größte Chance für sein Unternehmen darin, „neue, innovative Technologie zu nutzen, um die Leistung zu optimieren und die Kosten zu senken“.

Ein weiteres Beispiel ist Oktogo.ru, ein 2010 in Russland gegründetes Online-Reisebüro. Seit Neuestem ist die Internetfirma für Kunden und Anbieter auch über mobile Plattformen verfügbar. „Mobile Kommunikation wird in Russland groß geschrieben, und die Smartphone-Durchdringung ist sehr hoch“, erklärt CEO Marina Kolesnik. „Darüber hinaus investieren wir in soziale Medien, um unsere Marke aufzubauen, die Kundentreue zu stärken und den Umsatz zu steigern.“

Die Führungskräfte sind sich einig: Angesichts gestiegener Lohnkosten und relativ hoher Rohstoffpreise sind Effizienzsteigerungen ein Muss. „Wir müssen uns stärker bemühen, unsere Betriebseffizienz zu verbessern und dadurch die gestiegenen Kosten zu kompensieren“, erklärt Arvind Singhania, Vorstandsvorsitzender von Ester Industries, Indiens führendem Hersteller von Polyesterfilmen und technischen Kunststoffcompounds. „Wir prüfen Möglichkeiten, unsere Fertigungsprozesse kostengünstiger und effizienter zu gestalten, um Produktivität und Qualität zu verbessern und die Durchlaufzeiten zu verkürzen.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Weltwirtschaft braucht den Mittelstand

Die Voraussetzungen: Kapital, Fachleute, Daten

Um Geschäftschancen nutzen zu können, haben kleine und mittlere Unternehmen in den Schwellenländern folgende Schwerpunkte:

  • Das Sichern neuer Finanzmittel (41 %)
  • Das Hinzuziehen externer Experten (34 %)
  • Die Erhöhung der Schulungsausgaben oder Budget-Umschichtung  zugunsten der Fortbildung (33 %)
  • Das Modernisieren oder den Austausch der IT-Ausstattung (33 %)

Eine Herausforderung besteht in der Kreditverknappung in den Schwellenländern. Laut Weltbank machen die Kredite an Mittelstandsunternehmen in Schwellenländern nur 3 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus – gegenüber 13 % in den entwickelten Volkswirtschaften. Daher überrascht es nicht, dass 50 % angeben, sie sorgen sich in den letzten drei Jahren stärker um ihre Finanzierung.

Auch Gomes von Senior Solution berichtet vom Kampf um das Finanzierungskapital. „Eine langfristige Finanzierung über Geschäftsbanken ist in Brasilien selten“, erklärt er. „In den meisten Fällen sind Entwicklungsbanken die einzige Möglichkeit für KMU, langfristige Kredite zu erhalten.“ 2005 gelang Senior Solution die Kapitalaufnahme bei BNDESPAR, einer Investmentgesellschaft der nationalen Entwicklungsbank Brasiliens, und Stratus Group, einer Private-Equity-Gesellschaft. Nun, angesichts 45 potenzieller Akquisitionsziele, sieht Gomes im geplanten Börsengang die beste Möglichkeit, das anhaltend starke Wachstum seines Unternehmens zu finanzieren.

Die Weltwirtschaft braucht den Mittelstand

Niemand wird bestreiten, dass kleinere Unternehmen einen bedeutenden Beitrag zum Wachstum, beim Aufbau neuer Stellen, zur Steigerung des Wettbewerbs und zur Innovation leisten. Laut der G20-Gruppe „Global Partnership for Financial Inclusion“ schaffen KMU 45 % der Arbeitsplätze in Entwicklungs- und Schwellenländern. Leider melden sie in diesen Ländern auch häufiger Konkurs an als in den Industriestaaten. Dies belegt der „Global Business Failures Report“, eine von Dun & Bradstreet veröffentlichte Studie zu weltweiten Unternehmensinsolvenzen. Demnach zeichnet sich in den untersuchten entwickelten Ökonomien eine stark rückläufige Entwicklung ab: Der von Dun & Bradstreet entwickelte Insolvenzindex fiel zwischen dem zweiten Quartal 2010 und dem vierten Quartal 2011 von 100 auf 91,1. In den Schwellenländern stieg der Index dagegen auf 101,3 – die Insolvenzrate in den aufstrebenden Märkten liegt also höher als in den entwickelten Volkswirtschaften. Um erfolgreich zu sein, brauchen kleine und mittlere Unternehmen mehr als nur ihre Zuversicht. Stattdessen sind Regierungen und Großunternehmen gefordert, ein Umfeld zu schaffen, in dem diese Firmen erfolgreich agieren können – zum Wohl der gesamten Wirtschaft.

Tags:

Leave a Reply