Finanzchefs als Innovatoren

2. August 2013 von Andreas Schmitz 0

Gina Sanders Fotolia

Foto: Gina Sanders, Fotolia

Globalisierung, Kostendruck, Regulierung: Die Finanzabteilung stellte bisher vorwiegend Berichte und Kennzahlen zur Verfügung, übernimmt aber zunehmend strategische Aufgaben. Das veränderte Rollenbild diskutiert die Fachwelt auch auf dem SAP-Forum für Finanzmanagement  am 10. und 11. September in St. Leon-Rot. Die Keynote-Sprecher Markus Heinen, Leiter der Managementberatung im Bereich Advisory Services und Partner bei Ernst & Young, und Christoph Ernst, Leiter des Centre of Excellence for Finance bei SAP, werfen für SAP.info einen Blick voraus.

SAP.info: Wie arbeitet der Finanzmanager im Jahr 2015?

Markus Heinen: Der Finanzmanager der Zukunft wird sich zunehmend strategischen und entwicklungstechnischen Fragen widmen, die das Unternehmen betreffen. Er hält in seinen angestammten Aufgabenbereichen wie Governance, Operations, Accounting und Controlling heute die Fäden fest in der Hand, wirkt gleichzeitig zunehmend als Impulsgeber für die Unternehmensstrategie. Er treibt Innovationen voran und trägt aktiv zur Wertschöpfung bei – beispielsweise, indem er detaillierter analysiert und so Einsparpotenziale in der Produktion identifiziert, Hinweise zur Bestandsoptimierung gibt oder zum Umdenken in der Preisfindung für die Produkte animiert. Wo lassen sich Ausgaben fokussiert senken? Welche Bereiche, eingesetzten Materialien und Ressourcen eignen sich als Werttreiber für das Unternehmen? Das Finanzwesen stellt in vieler Hinsicht die Weichen für Wettbewerbsvorteile und ein profitables Wachstum.

Wie werden sich die Positionen im Finanzmanagement verändern? Wer wird künftig den Ton angeben?

Heinen: Schon heute laufen in vielen Finanzbereichen gezielte Entwicklungsprogramme: CFOs werben neue Talente an oder entwickeln Mitarbeiter mit Blick auf diesen Paradigmenwechsel weiter. Wir werden eine ähnliche oder sogar stärkere Entwicklung und Dynamik wie im HR- oder IT-Bereich sehen. Es entsteht eine echte Business-Partnerschaft zwischen Finanzbereich und Topmanagement. Es wird dabei gemeinsam zu überlegen sein, was im Kern des Unternehmens verbleibt und zur Wertsteigerung beiträgt. Welche Bereiche sind oder lassen sich so stark automatisieren, dass sie verlagert werden können – beispielsweise in eine Mischung aus globalen Shared-Service-Center-Strukturen, Outsourcing und Teilen, die im Unternehmen verbleiben. Solche Hybridmodelle nehmen aus unserer Sicht zu und schaffen elastische Strukturen. Darüber hinaus wird die operative Expertise im Finanzbereich stärker, insbesondere durch entsprechenden Austausch von Talenten zwischen den Geschäftsbereichen. Die Organisation wird sich außerdem noch weiter internationalisieren und es werden in diesem Zuge auch aufgabenübergreifende Leitungs- und Teamfunktionen etabliert werden.

Prozessautomatisierung, Hybridmodelle und Shared Services. Wie kann die IT den Transformationsprozess stützen?

Christoph Ernst: Der technologische Gestaltungsrahmen ist viel größer geworden, auch was die Möglichkeiten zur Automatisierung anbelangt. Wir können heute viel größere Datenvolumina in unterschiedlichsten Formaten verarbeiten. Der vielleicht wichtigste Punkt wird jedoch sein, dass die Reichweite der Unternehmenssysteme steigt: Entscheider und ihre Mitarbeiter greifen für viele operative Aufgaben verstärkt auf technologische Unterstützung zurück. Mobile Anwendungen, Tablets und Smartphones sorgen für örtliche und zeitliche Flexibilität. Weitere Freiräume und Innovationschancen eröffnen Cloud-Lösungen. Mit ihrer Hilfe lassen sich viele Aufgaben schneller in einem Shared-Service-Center oder Center of Excellence abbilden.

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Und losgelöst von den operativen Aufgaben?

Ernst: Auf Managementebene macht die Technologie den Blick auf Details frei. Wann immer und wo immer eine Entscheidung zu treffen ist. Das heißt nicht unbedingt, dass jede Entscheidung einfacher wird: Die bloße Masse an Informationen hilft nicht unbedingt dabei, die richtige Wahl zu treffen. Doch IT erlaubt es heute, weltweit auf aktuelle und präzise Informationen zuzugreifen und für Voraussagen zu nutzen. Diese prädiktive Qualität ist neu und wird vieles verändern.

Heinen: Richtig, Informationen stehen jederzeit und atemberaubend schnell zur Verfügung, zentral oder dezentral. Sie können überall die benötigten Prozesse, Strukturen und Steuerungselemente nutzen – unabhängig davon, ob Sie gerade in Polen, Indien oder China sind. Und genau darauf kommt es ja an: Unternehmen müssen künftig noch schneller und agiler reagieren, wenn sie angesichts des harten Wettbewerbs und der immer kürzeren gesamtwirtschaftlichen Zyklen überleben wollen. Sie müssen proaktiv mit Veränderungen umgehen – und das global. Impulse aufnehmen, verstärken, weitergeben und konsequent nutzen. IT ist hier ein essenzieller Treiber von Fortschritt und Vorsprung.

Wie wird das neue Zusammenspiel zwischen Finanzbereich und operativem Erfolg konkret aussehen?

Ernst: Nehmen wir als Beispiel die Cash-Steuerung. Wenn ein Unternehmen keine Transparenz über seine Cash-Bestände hat und seine Risiken nicht kennt, kann es auch sein operatives Geschäft nicht ausreichend präzise steuern. Verändern sich etwa Währungskurse oder Rohstoffpreise, können Firmen nur zeitverzögert Bestände abbauen oder Absicherungsstrategien anstoßen. Überblicken sie jedoch die gesamte Situation in Echtzeit und können umgehend prädiktive Szenarien durchspielen, sind praktisch umgehend Reaktionen möglich. Wie wichtig das ist, zeigt die jüngste Vergangenheit. Als der Euro zu kriseln begann, haben sich viele Unternehmen einige wichtige Fragen zum ersten Mal gestellt: Wie groß sind eigentlich unsere globalen Fremdwährungsbestände? Was passiert, wenn jetzt der Euro fällt? Solche Szenarien verdeutlichen, wie schwierig es für Unternehmen ist, ihre Situation zu überblicken und eine zuverlässige Entscheidungsgrundlage zu schaffen.

Heinen: Und das obwohl sie dazu technologisch schon heute in der Lage sind. In Zukunft muss ein CFO daher ein noch größeres Augenmerk auf die Transparenz der gesamten Unternehmensprozesse richten und Szenarien zu Vorsorge und Optimierungsmöglichkeiten einrichten – gerade angesichts der volatilen Märkte.

Aber hat ein CFO nicht andere Sorgen? Die Anforderungen an das Berichtwesen und insbesondere an das Closing sind in den letzten Jahren schließlich auch weiter gestiegen.

Heinen: Das Finanzwesen ist konstant in der Rechtfertigungspflicht. Denn es generiert ja vordergründig keinen Umsatz, im Gegenteil – es kostet auf den ersten Blick nur. Darum muss die Finanzabteilung ihre Prozesse und Funktionen ständig weiter optimieren. Viele Abläufe, wie etwa Invoice to Cash oder Purchase to Pay, sind vielerorts bereits optimiert und die transaktionalen Aktivitäten des Prozesses in Shared Services oder sogar an Outsourcer ausgelagert. Beim Closing gibt es sicher auch noch immer Verbesserungsbedarf. Der Weg muss zwangsläufig weg von manuellen Prozessen und hin zu mehr Automatisierung führen. Nur so entsteht der notwendige Freiraum für die wirklich wichtigen und zukunftsweisenden Initiativen.

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Solche Optimierungen erfordern Innovationen. Wie stehen die deutschen Unternehmen im weltweiten Vergleich da?

Ernst: International hinken die deutschen Unternehmen sicherlich nicht hinterher. Aber sie führen das Feld eben auch nicht an. Gerade die Steuerbilanzierung bleibt ein Thema: Der Effizienzdruck steigt, Zeitaufwand und Kosten müssen weiter gesenkt werden. Vorteile erzielt nur, wer seine Prozesse vereinfacht, automatisiert und strafft – und dabei auf die richtige Technologie setzt.

Der Paradigmenwechsel im Finanzwesen braucht also technologische Unterstützung. Wer ist dann der Treiber: der Finanzbereich oder die IT-Abteilung?

Ernst: Derzeit fordert primär der Fachbereich mehr von der IT. Werden seine Wünsche nicht erfüllt, baut er sich die entsprechenden Kompetenzen und Strukturen eben selbst auf. Wir treffen zunehmend mehr IT-affine Controller. Die IT-Abteilung sollte also zusehen, dass sie nicht in die Bremserrolle gerät. Sie muss sich ihre Innovationskraft bewahren. Cloud-Lösungen und mobile Anwendungen eröffnen den Fachabteilungen bislang ungeahnte Möglichkeiten. Schließlich möchten und müssen Finanzmanager künftig ihre Prozesse auch unterwegs steuern können. Doch um die Einheitlichkeit einer mobilen Strategie unternehmensweit sicherzustellen, braucht es die IT-Abteilung. Idealerweise muss der Innovationspfad gemeinsam beschritten werden: mit Impulsen aus dem Fachbereich und in der Umsetzung getrieben von der IT.

SAP-Forum für Finanzmanagement: „Ideen, Innovationen, Perspektiven“

Die Zukunft des Finanzwesens ist ein Thema des SAP-Forums für Finanzmanagement am 10. und 11. September 2013 in St. Leon-Rot. Führende Konzerne berichten, wie sie finanzwirtschaftliche Herausforderungen meistern, Innovation technologisch vorantreiben und neue Maßstäbe setzen, darunter Daimler, ProSiebenSat.1 Media, Fresenius, E.ON und Heraeus.

Jetzt anmelden: www.sap.de/finanzforum

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