Flüssige Prozesse, flüssiges Methanol

Feature | 18. April 2007 von admin 0

Portrait

Portrait

Erdgas: Seit den späten Neunzigern sprudelt diese Einnahmequelle am Golf von Guinea. Die damalige Betreibergesellschaft verarbeitet zunächst nur das Flüssiggas, das Trockengas wurde als unerwünschtes Nebenprodukt schlichtweg abgefackelt. „Die Künstler in Malabo malten zu dieser Zeit nicht umsonst in ihren Graffitis über der Küste einen Himmel in leuchtendem Orange“, erzählt Mark Grone, IT Consulting Specialist bei der Marathon Oil Company. Grone war für die Einführung der SAP-Software bei der Atlantic Methanol Production Company zuständig.
AMPCO wird von der Marathon Oil Company, Noble Energy und Sonagas gehalten, und wandelt seit 2001 das Trockengas mit einer Anlage auf der Äquatorialguinea vorgelagerten Insel Biolo in Methanol um. Das Methanol dient als Vorstufe für MTBE (Methyl-Tertiär-Butyl-Ether) oder Formaldehyd für Harze und andere Chemikalien. Trotz ihrer drei Muttergesellschaften tritt AMPCO am Markt als eigenständiges Unternehmen auf.
Die Arbeit auf den Gasfeldern und die Methanolherstellung sind ein harter Job. Grone kann davon ein Liedchen singen. Das Methanol wird in Äquatorialguinea von etwa 200 bis 250 Mitarbeitern produziert, rund um die Uhr, an sieben Tagen in der Woche. „AMPCO hat dort eine bunt zusammengesetzte Mannschaft aus Südafrikanern, Briten, Filipinos und Äquatorialguineern, vorwiegend Vertragsmitarbeiter. Gearbeitet wird in langen Schichten: 28 Tage Dienst, 28 Tage frei, manchmal auch 14 Wochen Arbeit und dann drei Wochen frei“, sagt er.

Harte Arbeit – auch in der IT

Aber nicht nur Herstellung, Verkauf und Auslieferung des Methanols ist harte Arbeit. Aufgrund ihrer Firmenstruktur sah sich AMPCO auch mit einer harten IT-Aufgabe konfrontiert. AMPCO Production hat ihren Sitz in Äquatorialguinea. AMPCO Services und AMPCO Marketing mit etwa zehn bis fünfzehn Mitarbeitern agieren von Houston, Texas.
2004 erwies sich bei AMPCO Production die alte Instandhaltungs-Software (Computerized Maintenance Management Software, CMMS) als unzureichend. Die Produktionsgesellschaft stellte daher auf PEMAC um, wechselte aber bald danach zu Maximo, einer weit verbreiteten CMMS-Lösung. Eine der Muttergesellschaften von AMPCO, die Marathon Oil Company, die in Äquatorialguinea ebenfalls einen Produktionsstandort betreibt, arbeitet mit SAP R/3 4.6C – und möchte dieses Jahr einen Upgrade auf SAP ERP durchführen. Damit steht bei der Muttergesellschaft auch die Instandhaltungsfunktionalität von SAP zur Verfügung, doch AMPCO wollte zu diesem Zeitpunkt nicht noch einmal zurückrudern. „AMPCO Production setzt bei der Instandhaltung, bei Werkaufträgen, Bestandskontrollen und in der Beschaffung auf Maximo – und ist damit sehr zufrieden“, erläutert Grone. „Aber das Softwarepaket für die Finanzabläufe, Cedar G/L, machte Sorgen“, fügt er hinzu.

Drei Firmen, drei Muttergesellschaften, mehrere Softwarelösungen

Früher wurden in einem 16-stündigen Batch-Job von Maximo aus alle Aktivitäten eines Monats an Cedar G/L übergeben – sämtliche Materialbewegungen, alle Wareneingänge. „Allerdings konnten wir nur hoffen, dass die Vorgänge dem richtigen Projekt und der richtigen Kostenstelle zugeordnet waren. Genau feststellen ließ sich das nicht“, blickt Grone zurück. Zudem stammt eine Vielzahl der in Äquatorialguinea notwendigen Hilfs- und Betriebsstoffe aus den USA oder Großbritannien. Übernimmt AMPCO dort die Ware vom Spediteur, wird die Rechnung fällig. Doch zum einen sind dann die Waren noch rund sechs Wochen unterwegs: Verladung in Container, Seetransport, Ladung löschen. „Zum anderen konnte sich AMPCO nie ganz sicher sein, was wann geliefert wird. Manche Waren kam doppelt oder dreifach, andere gar nicht – ohne dass AMPCO die Chance gehabt hätte, das vorher nachzuprüfen.“
Verschlimmert wurde die Situation durch den Umstand, dass die in Houston ansässigen Gesellschaften AMPCO Services und AMPCO Marketing keine eigenen Finanzanwendungen hatten. Sie waren Huckepack an das eigenentwickelte A/S 400-Systems von Noble Energy angeschlossen, einer anderen Muttergesellschaft von AMPCO. Dieses Geflecht von Systemen, Lösungen und Prozessen erschwerte es den Verantwortlichen bei AMPCO, den Überblick zu behalten und am Monatsende vernünftig Bilanz zu ziehen. AMPCO entschloss sich daher dazu, einige Sünden der Vergangenheit radikal zu korrigieren.

SAP All-in-One deckt den Anforderungskatalog ab

„Eigentlich bin ich bei der Marathon Oil Company angestellt, bei der SAP am Standort Punta Europa zum 1. Januar 2003 eingeführt wurde“, erklärt Grone. „Damals war ich dort ständig unterwegs und hatte Beziehungen am Standort geknüpft.“ Damit ergab es sich fast von selbst, dass Grone auch bei der Tochter AMPCO an der Softwareauswahl und der Implementierung beteiligt war.
AMPCO nahm zunächst die einzelnen Funktionsbereiche unter die Lupe und erstellte eine Liste der Anforderungen. „Der Katalog war schließlich 300 bis 400 Positionen lang“, so Grone. Relativ schnell war sich AMPCO darüber im Klaren, als Mittelständler keine umfangreiche Plattform-Lösung zu benötigen. Davon ausgehend standen mehrere Anbieter zur Debatte, unter anderem JD Edwards. Auch wurde die Frage aufgeworfen, ob sich AMPCO nicht in die SAP-Software der Mutter Marathon Oil einklinken solle. Allerdings stand dort keine Vertriebsfunktionalität zur Verfügung, die AMPCO wiederum für sein Marketing benötigte. An diesem Punkt „kam IDS Scheer ins Spiel, die uns SAP All-in-One präsentierten“, erinnert sich Grone. „Nachdem wir die Demos der verschiedenen Anbieter mit unserer Wunschliste verglichen hatten, waren wir sicher, dass SAP All-in-One die richtige Lösung für AMPCO war.”
AMPCO hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahre für die Prozessanalyse, die Wunschliste und die Software-Auswahl hinter sich gebracht. Die eigentliche Implementierung begann im Juni 2006 und dauerte sechs Monate. Sie erfolgte in Zusammenarbeit mit IDS Scheer als Implementierungspartner der SAP-Anwendung, Peacock Engineering für die Anpassung von Maximo, SAIC als Design Consultant für die Maximo-Schnittstellenlösung und TK & Associates für die Sicherheit des SAP-Systems. Mit SAP Hosting für den Hardware- und Basis-Support setzte AMPCO am 1. Oktober 2006 seine separate SAP-All-in-One-Anwendung produktiv.

Gesetzeskonforme Daten, volle Transparenz

„Die Prozesse laufen wie geschmiert“, fasst Grone zusammen. „Beispielsweise das Zusammenspiel von Maximo und dem SAP-Finanzwesen. Ursprünglich wollte ich hier den Ball flach halten und lediglich einmal am Tag die Daten per Batchlauf in die SAP-Anwendung übergeben. Doch die Berater von SAIC hatten eine bessere Idee. Heute erzeugt Maximo von allen Vorgängen XML-Dateien und stellt sie auf einen FTP-Server. SAP All-in-One ruft die Daten über einen B-to-B-Connector ab, wandelt sie in IDocs um und verarbeitet sie sofort. Wer auch immer sich in Houston oder Äquatorialguinea dafür interessiert, ob in einer bestimmten Leitung 6-Inch-Flansche oder eine neue Pumpe verbaut sind, weiß das nun sofort“, berichtet Grone.
Durch die Kopplung von Maximo und der SAP-Anwendung stehen auch alle Finanzdaten zur Verfügung, die AMPCO braucht, um die Zahlungen korrekt nach den Bestimmungen des Sarbanes-Oxley Act, des Foreign Corrupt Policies Act oder des Patriot Act abzuwickeln. „AMPCO hat jetzt endlich eine ordentliche Sicherheitsmatrix mit Rollen, mit denen die Leute arbeiten können“, sagt Grone. Darüber hinaus hat sich die Zusammenarbeit der Abteilungen erheblich vereinfacht, da beispielsweise Buchhaltung und Marketing bei Kundenaufträgen und Rechnungen auf demselben Stand sind. Die Aufgaben bleiben zwar getrennt, doch die Mitarbeiter sind nicht mehr voneinander isoliert. Damit ist AMPCO in der Lage, seine Strategie umzusetzen – unabhängig von der IT-Infrastruktur der Muttergesellschaften.
„Natürlich gab es kleinere Probleme, aber nichts Wesentliches. Was zählt, ist, dass AMPCO nun Prozesstransparenz über alle drei Gesellschaften hat, mit zuverlässigen Berichten für Finanzwesen, Marketing und Materialwirtschaft“, sagt Grone. „Das Zusammenspiel der SAP-Funktionalität und dem Maximo-CMMS liefert den Mitarbeitern zeitnahe und umfassende Detailinformationen.“
Grone hebt aus seinen Erfahrungen mit der SAP-Implementierung besonders einen kulturellen Unterschied hervor. „Als die Marathon Oil Company ihre SAP-Software einführte, mussten die Anwender natürlich geschult werden. Nur zu oft habe ich hier ‚Dafür habe ich keine Zeit’ oder ‚Warum machen wir nicht mit den alten Prozessen weiter?’ zu hören bekommen. Die Äquatorialguineer hingegen haben sofort verstanden, dass AMPCO ihnen mit der SAP-Schulung Wissen anbot, das überall auf der Welt gefragt ist. Auf dieser professionellen Basis war es ein Vergnügen, mit ihnen zu arbeiten“, schließt Grone.

Rainer Stoll

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