Frisches IT-Konzept

Feature | 12. Mai 2003 von admin 0

Selbst im internationalen Vergleich braucht sich Andreas Stahlmecke nicht zu verstecken. “Wir sind weltweit das erste Unternehmen, bei dem das neueste Release von SAP Beverage im Einsatz ist”, bemerkt der IT-Chef von Veltins. Die Branchenlösung ist nur die jüngste Anschaffung, die der Brau-DV-Experte bei dem Walldorfer Anbieter von betriebswirtschaftlicher Standardsoftware tätigte. Zuvor hatte Stahlmecke in seinem Unternehmen bereits mehrere SAP-R/3-Module zum Einsatz gebracht und damit für frischen Wind in Produktion, Logistik und Vertrieb des Unternehmens gesorgt.
Vor SAP Beverage hatte Veltins seine Prozesse über AS/400 mit drei unterschiedlichen Softwareprodukten abgewickelt. Da diese Softwareprodukte ihre Daten über diverse Schnittstellen austauschen mussten, waren alle Änderungen oder Releasewechsel aufwändig und kostenintensiv. Ein weiterer Grund für einen Neuanfang waren die gestiegenen Anforderungen der Fachabteilungen, wie zum Beispiel Artikel- und Kundenerfolgsrechnungen im Controlling. Gefragt war eine Lösung, mit der sich sämtliche Ressourcen der Brauerei überblicken ließen.

Vom Vorgänger “R/3 Getränke”…

Zwar gehört Veltins mit 522 Mitarbeitern und einem Umsatz von 205 Millionen Euro zu den größeren Mittelständlern in Deutschland; dennoch lag es zunächst nicht auf der Hand, gleich bei der ersten Adresse am Platze einzukaufen. Doch Stahlmecke und sein Team hatten sich bereits 1998 für SAP entschieden – und wurden später durch die Wahl der SAP-Getränkelösung in ihrer Entscheidung bestätigt.
Der Startschuss für das SAP-System bei Veltins fiel 1998 mit dem SAP-R/3-Modul für die Personalwirtschaft (HR). Dazu Stahlmecke heute schmunzelnd: “Viele Mitarbeiter hatten anfangs Bedenken in Richtung SAP – aber als dann die Gehaltsabrechnung klappte, war das nicht mehr ganz so kritisch.” Bereits zum Jahreswechsel 1999 wurden dann die Module für die Finanzbuchhaltung (FI) und das Controlling (CO) produktiv gesetzt.
Mitten in der Implementierung weiterer SAP-R/3-Module hatte sich Veltins damals über das Produkt “R/3 Getränke” der COPA GmbH aus Wesel informiert. “Zu diesem Zeitpunkt”, erinnert sich Stahlmecke, “war ‘R/3 Getränke’ für unsere Begriffe noch nicht so weit, dass wir uns damit anfreunden konnten. Aber nachdem dann vor allem mit der Integration der Vertragsverwaltung ein ziemlicher Sprung gemacht wurde, haben wir zum 1. Januar 2001 dieses Modul von COPA eingeführt.”

…zu SAP Beverage

Das Software- und Beratungshaus COPA GmbH hatte ursprünglich unter dem Namen “R/3 Getränke” eine Lösung für die Getränkeindustrie entwickelt und im Markt eingeführt. Zum 1. Januar 2002 wurde die COPA GmbH von der SAP-Tochter SAP Systems Integration (SAP SI) mehrheitlich übernommen. In “SAP Beverage” umbenannt ist die Lösung heute das weltweit einzige SAP-Komplettsystem für alle Belange des Brauereigewerbes.
Nach der Übernahme von COPA durch SAP SI migrierte Veltins zum 1. April 2002 auf “SAP Beverage”, Version 02. Zum 1.1.2003 schließlich erfolgte der Wechsel auf das neue Release 03. Mit diesem Release lassen sich für die Getränkeindustrie wichtige Funktionen und Prozesse abdecken – wie etwa die Vehicle Space Optimization (VSO). Stahlmecke resümiert: “Damit haben wir jetzt einen sehr konsistenten, aktuellen Stand in Sachen SAP.” Keine Frage, dass sich die IT-Spezialisten bei Veltins manchmal insgeheim auf die Schulter klopfen. Denn mit der Entscheidung für SAP haben sie ihr Unternehmen vor kostspieligen Umwegen bewahrt.

Der Dreh- und Angelpunkt ist vollständig integriert

Dreh- und Angelpunkt aller Prozesse bei Veltins ist das auf hohen Durchsatz ausgelegte Hochregallager am Standort Grevenstein. Hier werden alle Produkte der Brauerei für den schnellen Warenumschlag vorgehalten, inklusive des notwendigen Leergut-Anteils. Dieses Hochregallager ist vollständig in die Produktion integriert, ebenso wie der Warenausgang an die Spediteure der Getränkefachgroßhändler.
Was im SAP-Reigen noch fehlt, ist der Bereich Auftragserfassung. Hier bedient sich Veltins noch der Software eines Drittherstellers. Diese gibt über einen Datenbank-Trigger die an zwei PCs erfassten Aufträge direkt an das Hochregallager weiter. Anhand der Bestelldaten wird die Ware an die entsprechende Ladestelle geliefert und geladen. Der Fahrer quittiert dort den Empfang. Anschließend wird vom Hochregallager wiederum über eine Datenbank in die Auftragserfassung zurückgeschrieben, was geliefert worden ist. Erst danach werden diese Daten von der Auftragserfassung an SAP geschickt.

Konsistenz zählt

Für eine Übergangszeit war dieser Ablauf noch sinnvoll. Stahlmecke: “In der Einführungsphase von SAP Beverage hatte das den Vorteil, dass die Aufträge eines ganzen Tages in der Auftragserfassung an der Rampe und gleichzeitig im dafür zuständigen SAP-R/3-Modul für die Vertriebsabwicklung (SD) vorgehalten wurden. Damit konnten wir beim Tagesabschluss prüfen, ob die Ergebnisse beider Systeme übereinstimmten.”
Noch in diesem Jahr wird Veltins mit COPA diese Auftragserfassung ablösen, weil das entsprechende Softwareprodukt nicht mehr am Markt vertrieben wird. Außerdem passen Inkonsistenzen nicht ins Konzept: Die Lösung ist nicht durchgängig, die Materialwirtschaft hat keinen Durchgriff auf die Daten und die Anwender müssen auf zwei Systeme zugreifen.
Das Stichwort “Konsistenz” spielt auch bei den Außenkontakten von Veltins eine zunehmend wichtige Rolle. Die Grevensteiner sind beispielsweise an der Firma “Getport” beteiligt, einem Verband aus insgesamt sieben Brauereien, der ein Portal für das EDI-Geschäft mit den Getränkefachgroßhändlern zur Verfügung stellt. Stahlmecke erläutert: “Damit das funktioniert, müssen wir in der Lage sein, Daten unserer Kunden eins zu eins und ohne Systembruch an das Portal zu übergeben und von dort zu erhalten.”

Optimierung bei Händlern und Brauerei

Bereits heute erfreut sich Veltins mit SAP Beverage einer Datentransparenz. Beispielsweise stehen dem Vertrieb mit dem Tages- oder Monatsabschluss rasch aktuelle Zahlen zur Verfügung, die dieser wiederum zur Vertriebssteuerung benötigt. Veltins plant, bald auch die Prozesse zwischen Hochregallager und Getport zu optimieren. Während derzeit die LKWs ihre Bestellungen erst auf dem Hof der Brauerei aufgeben, wird dies spätestens in zwei Jahren über Portale wie Getport vorab geschehen. Damit, so Stahlmecke, werde sich die gesamte Disposition in der Getränkeindustrie grundlegend ändern und zu hohen Optimierungsraten bei Herstellern wie Händlern führen: “Zu Stoßzeiten stehen bei uns manchmal 10 LKW auf dem Hof. Das lässt sich durch eine bessere Vorausplanung entzerren. Und wenn Händler elektronisch vorab bestellen, können wir darüber hinaus die Abholtermine aufeinander abstimmen und unseren Kunden genauere Zeitangaben machen. Der Händler hat dann nur noch minimale Verweilzeiten bei uns.”
Einmal auf den Weg gebracht, steht Stahlmecke jetzt ein jederzeit für neue Anforderungen ausbaufähiges IuK-System zur Verfügung. So will Veltins noch in diesem Jahr in das Data Warehousing einsteigen. Ein mögliches Projekt wäre die Verknüpfung von Nielsen-Markterhebungsdaten mit Data Warehouse-Informationen. Als Ergebnis ist ein System denkbar, das es einem Vetriebs- oder Marketing-Manager ermöglicht genau zu verfolgen, welche Produkte sich in welcher Region gut verkaufen. Als Folge davon lässt sich die Produktionsplanung und -steuerung exakt darauf einstellen. Derzeit ist das noch Zukunftsmusik. Doch immer mehr zeigt sich, dass die verbliebenen privaten Pilsbrauereien bei der Entwicklung neuer Vertriebs- und Marketing-Alternativen ganz vorne mitspielen.

Olaf Dahmen

Olaf Dahmen

Leave a Reply