Fürs Überleben essenziell

Feature | 4. Oktober 2006 von admin 0

Neue Wege für den Umgang mit Lieferketten aufzuzeigen ist die Intention des 2002 gegründeten „MIT Forum for Supply Chain Innovation“. Gemeinsam erarbeiten Akademiker, Forscher und Praktiker innovative Ideen und Empfehlungen für das Supply Chain Management (SCM). Zu den Mitgliedern zählen Unternehmen wie SAP, Deloitte, Microsoft oder IBM. Bisher war das Forum ausschließlich auf dem US-amerikanischen Markt tätig. Doch das soll sich nun ändern: Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) baut sein Forum zu einer globalen Plattform aus. Es hat daher das Hasso Plattner Institut für Softwaresystemtechnik (HPI) und das SCM Forschungsinstitut der Wirtschaftsuniversität Wien mit ins Boot genommen, um eine europäische Sektion aufzubauen.
Nach der Gründung im Juni 2006 in Wien lud das HPI im September Führungskräfte aus Industrie und Wirtschaft zu einem zweitägigen Treffen nach Potsdam ein. Den Auftakt bildete am ersten Tag ein Intensiv-Seminar zum Thema „Supply Chain – IT, Strategy & Management“. Dort erläuterte der MIT-Professor und Supply-Chain-Experte David Simchi-Levi anhand von Praxisbeispielen verschiedene Strategien, um die Lieferkette zu optimieren. Am zweiten Tag berichteten Referenten darüber, wie sich eine Lieferkette innovativ steuern lässt, mit welchen Methoden ein Unternehmen wie Deutsche Post World Net das Thema Innovation angeht oder welche Rolle Mittelstand und Radio Frequency Identification (RFID) für Innovation spielen.

Auf gute Zusammenarbeit

Christoph Meinel, Direktor des HPI, betonte in seiner Begrüßungsrede das Potenzial der Zusammenarbeit von MIT und HPI. Die Kooperation sei die ideale Plattform für Innovation, erläuterte er. Das 1998 von SAP-Mitbegründer Hasso Plattner gestiftete Institut strebe eine innovative Eliteausbildung an. „Uns geht es darum, den Studenten fundiertes Wissen zu vermitteln und sie gleichzeitig teamfähig zu machen“, erklärte Meinel. Besonderen Wert lege man daher auf Praxisnähe, wissenschaftliche Exzellenz und eine enge Kooperation mit der Industrie.
Die Kluft zwischen Theorie und Praxis zu schließen, sei auch Ziel des MIT Forums, schloss sich William Killingsworth, Executive Director, MIT Forum, seinem Vorredner an. Dabei gehe es darum, MIT-Fachbereiche, Forscher und Industrie zusammenzubringen und innovative Ideen zu entwickeln. Wie entscheidend eine funktionierende Lieferkette ist, veranschaulichte er am Beispiel der amerikanischen Flugzeugindustrie: Dort müssten Hersteller 60 bis 80 Wochen auf eine Titanium-Lieferung warten und folglich besondere Strategien entwickeln, um dennoch ihren Service aufrechtzuerhalten.

Was braucht der Anwender wirklich?

Wie wichtig der Faktor Mensch für jeden Design- und Innovationsprozess ist, erläuterte Hasso Plattner, Mitbegründer und Aufsichtsratsvorsitzender der SAP, in seinem Vortrag „Design and Innovations in Enterprise Applications“. Neue Produkte, neue Modelle, neue Prozesse und neue Märkte seien die Zukunft. Dabei müsse sich das Design an den Menschen orientieren. Es sei unerlässlich herauszufinden, was die Anwender tatsächlich brauchen. „Ich finde es schockierend, wie wenig manche Entwickler über die Bereiche wissen, für die sie entwickeln. Erst müssen wir die Probleme kennen, bevor wir sie lösen können“, sagte Plattner.
Alle Mitglieder des Entwicklungsteams müssten miteinander kommunizieren – auf einer Augenhöhe. Hierbei sei entscheidend, dass Ideen zu Beginn nur skizziert würden. Ein „fertiger“ Entwurf behindere einen Gedankenaustausch. „Wichtig ist es, den Kopf frei zu machen, denn am Anfang eines Prozesses zerstören Zwänge die Kreativität“, resümierte Plattner.

Die neue Art der Lieferkette

Lange Vorlaufzeiten, Unwägbarkeiten hinsichtlich der Nachfrage und hohe Logistikkosten erschweren es heute laut David Simchi-Levi, eine Lieferkette zu kontrollieren. Eine Studie von MIT und SAP habe gezeigt, dass nur zehn Prozent der befragten Unternehmen über reife Planungssysteme und Geschäftsprozesse verfügten. Ihr Gewinn lag jedoch um 75 Prozent höher als der anderer Hersteller. „Sie profitieren von der hohen Performance ihrer Lieferkette und damit beispielsweise von einem kleinen Lagerbestand oder einer kürzeren Kapitalbindungsdauer“, sagte Simchi-Levi in seinem Vortrag.
Um erfolgreich zu sein, müssten Unternehmen die gesamte Lieferkette betrachten. Ein lokaler Fokus sei problematisch, da jeder Bereich dabei nur auf seinen Vorteil achte, ohne die Auswirkungen auf die Partner zu berücksichtigen. Auch ein effektives Risikomanagement könne die Lieferkette optimieren, erläuterte Simchi-Levi. Durch eine strategische Organisation und Positionierung der Lagerhaltung ließen sich zudem Kosten senken und Lieferzeiten verkürzen. Fest stehe auch, dass einseitige Investitionen nicht ausreichen. Im Gegenteil, Unternehmen, die nur in IT investieren, stünden schlechter da als jene, die nur auf ihre Geschäftsstrategien setzen, sagte Simchi-Levi. „Letztendlich kann jedoch nur eine Kombination aus beidem zum Erfolg führen“, fasste er zusammen.

Tuchfühlung zum Fortschritt

Heinz-Paul Bonn, Vize-Präsident des BITKOM, betonte die Rolle von Mittelstand und RFID für innovative Lieferketten. Zwar stünden kleine und mittlere Unternehmen nicht unbedingt in dem Ruf, neue Technologien mit offenen Armen zu empfangen. Doch seien sie aufgeschlossener als oft vermutet. „Der Mittelstand ist häufig einen Schritt langsamer als große Unternehmen, aber er verliert nie die Tuchfühlung zum technischen Fortschritt“, betonte Bonn. Trotz einer meist abwartenden Haltung sei sich ein Großteil der mittelständischen Unternehmen beispielsweise des Potenzials von RFID durchaus bewusst. Vor allem in der Automobilindustrie sei die Technologie bei den mittelständischen Zulieferern angekommen.
Genügend Beispiele, etwa das Klinikum Saarbrücken – dort werden Blutkonserven mit Hilfe von Funketiketten erfasst, um eine falsche Ausgabe zu vermeiden – belegten, dass auch Mittelständler in anderen Branchen die Technologie angenommen haben – eine Voraussetzung für den Erfolg. Denn besonders entlang komplexer Lieferketten sei es nötig, Materialflüsse über alle Partner hinweg zu erfassen. „Ohne die Akzeptanz des Mittelstands wird die RFID-Einführung in den Supply Chains nicht funktionieren – oder zumindest Stückwerk bleiben“, lautete Bonns Fazit.

Komplexität erfolgreich meistern

Moderne Logistikunternehmen sind laut Keith Ulrich, Head of Technology & Innovation Management, bei Deutsche Post World Net (DPWN), nur dann erfolgreich, wenn es ihnen gelingt, die Komplexität eines kontinuierlichen Wandels zu meistern. Gefragt seien vor allem Transparenz und Flexibilität innerhalb der Lieferkette. „Flexibilität heißt, dass du reagieren kannst, wenn etwas passiert“, erklärte Ulrich. Hierzu müsse ein Unternehmen aber wissen, was überhaupt möglich ist. DPWN unterhalte daher seit 2005 eine Abteilung für Technologie- und Innovationsmanagement. Technologie, etwa RFID, sei zwar kein Wert an sich. Doch ihr Potenzial versetze Unternehmen in die Lage, auf verschiedene Anforderungen mit neuen Lösungen zu reagieren. Um innovativ und kundenorientiert zu agieren, pflege DPWN zudem interne und externe Netzwerke. „Keine Innovation kommt nur von einem Unternehmen allein“, sagte Ulrich. Es sei unerlässlich, das Wissen von Partnern zusammenbringen. Nur so ließen sich individuelle Kundenlösungen entwickeln.

Netzwerke und Ideenaustausch fördern

Alexander Zeier, Lehrstuhlvertreter des Prof.-Dr.-Hasso-Plattner-Lehrstuhls und Co-Executive Director der europäischen Sektion des MIT Forums, hatte die Veranstaltung organisiert. Er zog eine rundum positive Bilanz. So habe er sehr erfreuliche Rückmeldungen erhalten, und einige Unternehmen hätten bereits Interesse an einer Mitgliedschaft gezeigt. Zudem sei der Austausch der rund neunzig Teilnehmer in zahlreichen Pausen zwischen den Vorträgen sowie bei einem gemeinsamen Abendessen im „Hotel am Griebnitzsee“ sehr rege gewesen. Die nächste offizielle Gelegenheit dazu bietet sich im März 2007 in Wien.

Gabriele Jörg

Alexander Fischer

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