Gebrauchsgut mit Marktpotenzial

Feature | 2. Mai 2006 von admin 0

Markt für Open-Source-Datenbanken

Markt für Open-Source-Datenbanken

Wann immer ein Softwareunternehmen seinen Quellcode geheim hält, sind Kunden, die neue Funktionalitäten benötigen, auf die Bereitschaft des Anbieters angewiesen, diese zu schaffen. Das ist auch bei Datenbanken nicht anders – und einer der Hauptgründe, warum der Markt für Open-Source-Datenbanken derzeit richtig Fahrt aufnimmt. Bei offenem Quellcode entscheidet der Kunde selbst über eine Erweiterung des Produkts, er entscheidet, wer die zugehörigen Arbeiten durchführt, oder er entwickelt die Erweiterung auf eigene Faust. Er unterliegt zudem nicht irgendwelchen Zwängen und Einschränkungen, die sich aus den Plänen des Herstellers ergeben könnten.

30 Jahre Vorsprung

Porträt Ingres

Porträt Ingres

Der Datenbankhersteller Ingres hat dieselben Ursprünge wie die Datenbank-Riesen Oracle oder Microsoft. Ingres schätzt, dass viele Kunden auf Open-Source-Datenbanken setzen, weil diese überaus erfolgreich auf Linux oder dem Webserver Apache laufen. Dennoch könnten Open-Source-Datenbanken naturgemäß nicht auf einen 30-jährigen Reifeprozess wie bei Oracle, IBM oder Microsoft zurückblicken. Ingres reitet mittlerweile trotzdem auf einer Erfolgswelle. Die ersten Unternehmen betten die Ingres-Technologie in ihre Produkte ein. So greift etwa DATAllegro bei seinen Datenspeicher-Anwendungen auf Ingres-Software zurück. Eine Entwicklung, die Dave Dargo, Chief Technology Officer bei Ingres, ausdrücklich begrüßt. Geht es nach ihm, wird Ingres die Open-Source-Datenbank künftig schwerpunktmäßig für Unternehmen entwickeln und sie dort auch einführen.
Ein gutes Beispiel hierfür sieht Dargo in der Bedienung seiner Software. Ingres unterstützt mittlerweile parallele Prozesse (Multithreading) und eine größere Anzahl von Joins für Datenspeicher-Anfragen, beispielsweise Hash-Joins. Der Anfragenoptimierer “r3” von Ingres wählt nach Angaben von DATAllegro sehr zuverlässig den besten Joinprozess aus. Außerdem unterstützt Ingres r3 die Tabellenportionierung sowie die mehrstufige Unterportionierung einer Tabelle. Die Software unterstützt auch den Zugriff auf Daten durch direkte Eingabe/Ausgabe-Prozesse, wobei das Betriebssystem umgangen und direkt auf die Treiber zugegriffen wird. Hierdurch erhöht sich die Lesegeschwindigkeit. “Durch die Entwicklung einer virtualisierbaren Anwendung erhalten wir eine effizientere Methode, um Softwareaktualisierungen und -dienste bereitzustellen. Gleichzeitig arbeitet die Infrastruktur zuverlässiger”, urteilt DATAllegro.
Ingres wird noch in diesem Jahr eine Softwareanwendung auf den Markt bringen, die die eigene Datenbanksoftware mit Linux kombiniert, und die als integrierte Wartungseinheit dient. “Wir arbeiten in unserem Forschungslabor gerade an einem Prototypen, den wir unseren Kunden bis zum Sommer zur Verfügung stellen wollen”, erzählt Dargo. Bis zum Jahresende, so hofft er, werden Dritte auf der Technologieplattform von Ingres aufbauen und mit Eigenentwicklungen beispielsweise E-Mail-Anwendungen unterstützen. Unternehmen wie Oracle und Microsoft, fügt Dargo hinzu, würden solche Erweiterungen naturgemäß bei der Wartung nicht berücksichtigen.
Microsoft biete beispielsweise für das Windows-Betriebssystem und die SQL-Serverdatenbank nur getrennt Unterstützung an, so Dargo. “Wir reduzieren eine Linux-Distribution auf die wichtigsten, für unsere Datenbank notwendigen Komponenten. Die Datenbank muss nicht eingebunden werden, weil sie mit einem eigenen Betriebssystem ausgerüstet ist. Deshalb hat das Programm auch weniger Programmzeilen. Durch unsere Softwareanwendung virtualisieren Anwender einfacher Datenbankvorgänge unter Linux.”
Die Ingres-Software umfasst ein gemäß C2 zertifiziertes Verwaltungssytem für relationale Datenbanken, ein von der US-Regierung festgelegter Sicherheitsstandard, den im Bereich Open Source nur Ingres erfüllt. Darüber hinaus lassen sich mit der Technologie Daten sowohl online als auch offline sichern, das Wiederherstellungsverfahren kann auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten werden, eine eingebaute Redundanzfunktion verteilt die Auslastung innerhalb eines Clusters mit automatischer Ausfallsicherung auf multiple Knotenpunkte.

Millionen Downloads, großes Interesse

All dieser Entwicklungen zum Trotz verbucht immer noch MySQL die größten Erfolge im Bereich Open-Source-Datenbanken. Erst unlängst, im Februar, konnte MySQL 18,5 Millionen US-Dollar einwerben. Die jüngste Finanzierungsrunde brachte MySQL insgesamt rund 39 Millionen US-Dollar, mit denen sich das Unternehmen weiter auf Expansionskurs trimmt.
MySQL setzt hierbei nicht auf neue Funktionalitäten bei der rund zwei Jahrzehnte alten Technologie für relationale Datenbanken. Vielmehr will das schwedische Unternehmen die bereits vorhandenen Funktionalitäten so weiterentwickeln, dass sie sich rasch, kostengünstig und einfach nutzen lassen. Mehr als 100 Millionen Mal – so MySQL AB – sei die kostenlose Datenbank mittlerweile herunter geladen worden. Kostenpflichtig bietet das Unternehmen technischen Support an.
Für Steve Curry, Leiter der Unternehmenskommunikation bei MySQL AB, sind Open-Source-Datenbanken deshalb so beliebt, weil sie über die meisten der Funktionalitäten verfügen, die auch die Datenbanken der unbestrittenen Marktführer Oracle, IBM DB2 oder Microsoft SQL Server enthalten. Bei der Total Cost of Ownership jedoch lassen sich nach Ansicht Currys bis zu 90 Prozent der Kosten einsparen. Natürlich greift Curry als Beispiel auf MySQL 5.0 zurück, die jüngste vom Unternehmen im vergangenen Oktober freigegebene Datenbank-Version.
Diese Version enthalte richtungsweisende Funktionalitäten zum Programmieren von Datenbanken, beispielsweise gespeicherte Prozeduren (stored procedures), Datenbanktrigger und spezielle Übersichten, so Curry. “Natürlich enthalten Datenbanken wie Oracle diese für Unternehmen wichtigen Funktionalitäten bereits seit Jahren“, stellt er klar. „Doch in einem so preiswerten und anwenderfreundlichen Produkt wie MySQL gab es sie bisher noch nicht.” Seit Oktober wurde MySQL 5.0 mehr als vier Millionen Mal von der Unternehmenswebsite herunter geladen, das Interesse sei also offensichtlich groß, schlussfolgert Curry.
Der MySQL 5.0 Pro Certified Server bietet Entwicklern eines Unternehmens, Datenbankadministratoren und unabhängigen Softwareanbietern eine ganze Reihe neuer, für Unternehmen wichtige Funktionalitäten. Dazu zählen beispielsweise Transaktionen mit ACID-Eigenschaften, um die für Unternehmen entscheidenden Anwendungen zuverlässig und sicher zu machen. Mit gespeicherten Prozeduren erhöht sich die Produktivität der Entwickler, mit Datenbanktriggern lassen sich komplexe Unternehmensregeln auf Ebene der Datenbank umsetzen, spezielle Übersichten zeigen an, ob sensible Informationen gefährdet sind, Informationsschemata erleichtern den Zugriff auf Metadaten.

Mehr Toyotas als Ferraris

Viele Unternehmen legen heute insbesondere auf die Flexibilität ihrer Infrastruktur und auf die Kosten wert, meint Curry. Diese Unternehmen verwenden daher seiner Ansicht nach gerne das so genannte LAMP-Softwarepaket aus dem Open-Source-Bereich (LAMP = Linux, Apache, MySQL, PHP/Perl/Python). Das Paket lasse sich gut an preiswerte Hardware anpassen, ohne zusätzliche Komplexität, Kosten oder Risiken. “Bei diesen Unternehmen handelt es sich sowohl um kleine Start-ups mit großen Hoffnungen, aber auch um etablierte Unternehmen wie Google oder Yahoo, die jedoch stets in Bewegung bleiben müssen, um ihren Wettbewerbsvorteil zu sichern.”
Der Markt für Datenbanksoftware habe sich in den vergangenen zwanzig Jahren mehr und mehr zu einem Massenmarkt vergleichbar der Automobilindustrie entwickelt, so Curry. “Es wird immer Leute geben, die von einem Ferrari träumen. Die meisten Menschen legen auf eine solche Extravaganz aber keinen Wert und wollen auch nicht die zugehörigen Unterhaltskosten zahlen. Daher sind mehr Toyotas und Hondas auf der Straße als Ferraris.” In diesem Massenmarkt sieht Curry nahezu unbegrenztes Marktpotenzial. Die Datenbank an sich sei kostenlos – damit könnten sich nun auch Unternehmen Supportleistungen und Anwendungen leisten, denen das vorher nicht möglich war.
Dave Dargo hingegen sieht den Wert der Open-Source-Community bei Datenbanken vor allem in neuen Funktionalitäten. Allerdings positioniert sich auch Ingres sowohl bei kleinen als auch bei großen Unternehmen. Erste Kunden lassen offenbar auf der Ingres-Datenbank leistungsfähige Lösungen laufen. Beispielsweise haben Ingres und Cognizant Technology Solutions gerade vereinbart, eine Open-Source-Unternehmensdatenbank plus Dienstleistungen für Unternehmenskunden anzubieten. “Dieser Markt ist wichtig. Wir werden ihn deshalb weiter beackern”, schließt Dargo.

Mehr Störfaktor als Bedrohung

Auch die großen Anbieter proprietärer Datenbank-Lösungen, Oracle, IBM oder Microsoft, bieten mittlerweile Basisprodukte mit quelloffener Software an. Das Marktforschungsunternehmen Gartner sieht darin jedoch kein Bekenntnis zu den Grundsätzen der Open-Source-Gemeinde. “Man sollte besser nicht darauf wetten, dass diese Softwareunternehmen ihre Lösung kostenlos zur Verfügung stellen, ohne sich davon eine Kundenbindung zu erhoffen“, urteilt Gartner-Analyst Donald Feinberg. “Die großen Datenbankhersteller sehen in dem Verlust an Marktanteilen aus dem Bereich Open Source eher ein Ärgernis am Rande als eine echte Bedrohung.“
Feinberg lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass Open-Source-Datenbanksysteme tatsächlich an Bedeutung gewonnen haben. Beispielsweise gewähren die Hersteller proprietärer Software derzeit größere Rabatte, bieten abgespeckte Versionen an und stellen kostenfrei neue Funktionen zur Verfügung. “Ist Widerstand also zwecklos?”, fragt Feinberg – und beantwortet sich seine Frage selbst: “Dass MySQL ein Angebot von Oracle abwehren konnte, zeigt, dass der Traum von Open Source mit entsprechenden Finanzen am Leben bleibt.“

Barbara Gengler

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