Großer Sprung nach vorne

Feature | 17. Juli 2008 von Christoph Zeidler 0

Professor Liebstückel, Sie haben vor gut einem halben Jahr den Vorsitz der DSAG übernommen. Wie lief der Wechsel in die neue Funktion?

Aus meiner Sicht reibungslos. Aber vielleicht sollten Sie da meine Vorstandskollegen fragen [lacht]. Die Agenda, die wir noch unter Alfons Wahlers aufgesetzt haben, arbeiten wir konsequent ab und sind auf einem guten Weg, unseren Verband für die Zukunft fit zu machen. Da ich damals bereits stellvertretender Vorsitzender war, wusste ich, was mich erwartet, und kannte die Themen. Die größte Herausforderung stellt die zeitliche Auslastung dar. Die Zahl der Termine und Anfragen hat mich schon überrascht. Messen wie die SAPPHIRE lerne ich nun ebenfalls aus einem neuen Blinkwinkel kennen.

In unserem letzten Gespräch nannten Sie als Ihre Hauptaufgabe, den Wandel voranzutreiben. Wie weit sind Sie damit gekommen? Gibt es Fortschritte hinsichtlich dieser Frage, zum Beispiel bei der Organisation der Vereinsstruktur?

Eine Projektgruppe Organisationsentwicklung wurde eingerichtet, bestehend aus Vorstand, Mitgliedern des Lenkungskreises und Mitarbeitern der Geschäftsstelle. Ihr Ziel ist, die strategische Ausrichtung des Vereins zu reflektieren, seine Struktur zu optimieren und die wachstumsbedingten Anforderungen anzupassen. Wir feilen noch an den Einzelheiten und wollen das Modell in der Mitgliederversammlung auf dem Jahreskongress in Leipzig im September zur Abstimmung vorlegen.

Es gab ja Überlegungen, wie bei anderen Anwendergruppen einen hauptamtlichen Vorstand zu bestellen. Sieht das neue Modell dies vor?

Das Modell, das wir auf der Mitgliederversammlung auf dem kommenden Jahreskongress vorstellen werden, beruht nach wie vor auf der Ehrenamtlichkeit – allerdings mit strukturellen Anforderungen über den Vorstand, die Arbeitskreise und die Geschäftsstelle hinweg. Ziel ist, die fachliche Intensität und Qualität zu steigern.

Wie wirkt sich die neue Struktur der Usergroup-Betreuung der SAP aus?

Die Neustrukturierung auf Seiten der SAP wurde bei uns sehr positiv vermerkt. Wir beobachten, dass unsere Themen in Walldorf mehr Gewicht bekommen, in die Entwicklung, in die Landesgesellschaft hineingetragen werden.

Da haben wir zusammen mit SAP einen großen Sprung nach vorn getan. Auch sehen wir, dass die Bedeutung der Anwendergruppen von den Verantwortlichen im Konzern stärker gewürdigt wird. Henning Kagermann und Léo Apotheker etwa gingen in ihren SAPPHIRE-Vorträgen darauf ein. Mit der Vorstandsebene und dem mittleren Management pflegen wir einen regen Austausch, unsere Kooperationsvereinbarungen funktionieren. Nur auf der operativen Ebene wünschen wir uns eine engere Einbindung.

Was heißt das genau?

Wir würden es begrüßen, wenn ein direkter Kontakt zwischen unseren Mitgliedern und den Entwicklern zustande käme, damit diese aus erster Hand erfahren, wo die Anwender der Schuh drückt und wie sich das Produkt in der Praxis bewährt.

Diese Informationen werden heute über die Hierarchie gefiltert – das erzeugt Reibungsverluste. Früher verstand es sich von selbst, dass die Entwickler in Kundenprojekte involviert waren. Doch mittlerweile betreibt die SAP eine Laborentwicklung. Es gibt dort immer weniger Entwickler, die einen direkten Kontakt zum Kunden haben. Es liegt mir sehr am Herzen, dass wir an dieser Stelle weiterkommen.

Wie bewerten Sie die Übernahme von Business Objects durch die SAP?

Da sind aus unserer Sicht noch viele Fragen offen, zum Beispiel bei der Produktabgrenzung: Es gibt komplementäre, aber auch konkurrierende Produkte und überlappende Funktionen. Die Kunden erwarten hier klare Ansagen, welches Produkt auf welcher Plattform zu welchem Zweck eingesetzt werden soll.

Wie sieht der Übergang aus der reinen SAP-Welt in die gemeinsame Zukunft aus? Das betrifft auch die Lizenzen – im Allgemeinen ebenso wie bei Releasewechseln. Die Produkte von Business Objects sind vielseitig und für Kunden, die bisher nur SAP einsetzen, gerade in der Analytik ein deutlicher Fortschritt. So gesehen, war die Übernahme richtig.

Was bedeutet die Fusion für die DSAG? Knüpfen Sie nun auch zu Business-Objects-Kunden Kontakt?

Das ist noch schwer zu sagen. Im Moment verschaffen wir uns einen Überblick über die Kundensituation im deutschsprachigen Raum. Vieles hängt davon ab, wie die SAP die offenen Fragen beantwortet und sich aufstellt. Wir haben eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich mit dem Thema auseinandersetzt. Diese Punkte diskutieren wir auch im SUGEN-Netzwerk und mit den Kollegen von der ASUG. Anwender, die sowohl Business Objects als auch SAP im Einsatz haben, können wir mit Sicherheit unter unserem Dach vereinen. Offen ist dagegen, welches Angebot wir Unternehmen machen, die keine SAP-Kunden sind.

Apropos SUGEN – hat sich die internationale Dachorganisation der SAP-Anwendergruppen schon etabliert? Welche Vorteile bietet sie der DSAG?

Gerade die kleineren Gruppen profitieren vom Erfahrungsaustausch mit größeren wie DSAG oder der US-amerikanischen Usergroup. Die DSAG profitiert vor allem davon, dass man sich über SUGEN bei der SAP leichter Gehör verschafft. Vorher war jede Anwendergruppe ihr eigenes Sprachrohr. Im Wesentlichen wird das so bleiben, aber über einen Verband der Verbände ist die Wahrnehmung eben doch höher, als wenn jeder alleine seine eigenen Interessen wahrnimmt.

Die SAP hat bei der Bekanntgabe der Zahlen des ersten Quartals eine Verzögerung der Auslieferung von SAP Business ByDesign bekannt gegeben. Hat Sie das überrascht?

Überrascht hat mich eher, wie sich die SAP mit Ankündigungen zu Business ByDesign selbst unter Druck setzte. Speziell die Verkaufsprognosen des letzten Jahres für 2008 fand ich ziemlich kühn. Jeder weiß doch, welche Probleme zu Beginn einer Produktentwicklung auftreten können. Das ist auch nichts Schlimmes – neue Software braucht eine Stabilisierungsphase. Deshalb fragte ich mich, woher dieser Druck kam.

Sehen Sie speziell hierzulande Vorbehalte gegen On-Demand-Angebote?

Nein, keineswegs. Nur in einem Mietmodell haben kleine Mittelständler überhaupt die Chance, eine ausbaufähige Business-Software einzuführen. Gut, dass die SAP ein solches Angebot macht. Da hat in der Zielgruppe auch bereits ein Umdenken eingesetzt: Das Thema Datensicherheit, Verschlüsselung, Zugangsberechtigung, das lange Zeit die Diskussion beherrschte, scheint inzwischen weniger umstritten. Die kleinen Unternehmen haben verstanden, dass man sich auf seine IT-Vertragspartner verlassen kann. Hier entsteht ein lukrativer Markt – auch für die SAP.

Wie hat sich die DSAG auf das On-Demand-Modell vorbereitet?

Da wir noch keine SAP Arbeitskreistreffen, sondern in einer komplementären Online-Community. Dabei stimmen wir uns eng mit der SAP ab, um auf die deutschsprachigen Anwender mit einem gemeinsamen Konzept zugehen zu können. Das Produkt muss jetzt marktreif werden und seine Käufer finden – wir stehen in den Startlöchern.

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