Aus der Praxis: SAP HANA im Mittelstand

Feature | 9. April 2012 von Ralf M. Haaßengier 0

Herr Behrens, knapp ein Jahr ist es her, als SAP die Fachwelt mit der revolutionären In-Memory-Technologie HANA überraschte. Was ist aus Ihrer Sicht so revolutionär daran?

Holger Behrens: Das Revolutionäre lässt sich aus unserer Sicht in einen Satz fassen: Unsere Kunden können beim Sprint mit HANA jetzt im Turbogang durchstarten. HANA bietet die Möglichkeit, Daten wieder spontan und in Echtzeit zu analysieren. Das ist bei vielen Unternehmensanalysen aufgrund der enorm angewachsenen Datenmengen kaum noch möglich. Die Antwortzeiten um beispielsweise OLAP-Cubes für die Auswertung zu befüllen, sind zusehends gestiegen. Von Echtzeit-Analysen ist man oft weit entfernt. Das soll sich jetzt mit HANA jedoch ändern. Ein Schlüsselwort der Datenanalysten ist das so genannte Data Surfing. In einem Business Warehouse bewegt man sich dabei nur in den dort vorhandenen Daten, die zudem immer wieder abgeglichen werden müssen, mit HANA hingegen surft man in Rohdaten, in Echtzeit und das mit immenser Geschwindigkeit.

Mehr RAM, mehr Kosten, oder? Höhere Transaktionsgeschwindigkeiten und kürze Antwortzeiten um jeden Preis, sprengt das nicht den Kostenrahmen eines Mittelstandsprojekts?

Holger Behrens: HANA ist einerseits die Speichertechnik, auf der anderen Seite die Technologie zur optimierten Datenspeicherung und Datenanalyse. Es handelt sich dabei nicht einfach um eine exorbitante Aufrüstung des RAM-Datenspeichers. Der unverkennbare Vorteil der neuen In-Memory-Technologie ist die Realtime-Verarbeitung extrem großer Datenmengen.

Einer unserer Pilotkunden aus dem B2B-Umfeld hatte bei seiner Entscheidung zugunsten von HANA ganz pragmatisch überlegt: Für eine BW-Installation und das anschließende Design der Auswertungswürfel wären die Kosten ähnlich hoch ausgefallen, wie für das HANA-Projekt, das ihm aber mittel- und langfristig wesentlich mehr Möglichkeiten bietet. Ich denke, dass wird die Motivation für viele zukünftige HANA-Projekte sein, nicht mehr in ein „klassisches“ Business Warehouse zu investieren, wenn die In-Memory-Technologie dies bereits inkludiert.

Gerade KMU erwarten kalkulierbare Kosten, ist das mit HANA möglich?

Holger Behrens: Unserer auf den Mittelstand ausgerichteten Philosophie der Festpreisangebote bei Einführungsprojekten wie auch bei den SAP AddOns werden wir auch bei HANA treu bleiben. Die Kunden profitieren neben unserem tiefgreifenden Branchen-Knowhow rund um unsere Sprint-Produktlinie mit Foodsprint, Tradesprint etc. jetzt auch bei der Datenanalyse und -auswertung in Echtzeit auf Praxiserfahrung. Wir arbeiten eng mit der SAP zusammen und sind in die ersten Mittelstandsimplementierungen unmittelbar eingebunden. Dadurch verfügen wir bereits über erste Erfahrungen mit HANA im Mittelstand und können diese bei späteren Kundenprojekten einbringen. Auf den Implementierungserfahrungen basierend sowie auf Basis der vorkonfigurierten SAP HANA Lösungen Edge schnüren wir Mittelstandspakete zu einem Festpreis.

Cormeta-Vorstand Holger Behrens (Foto: Cormeta)

Wie erleichtern Sie den Umstieg von SAP BW auf HANA?

Holger Behrens: SAP selbst hat vorkonfigurierte, RDS-Rapid Deployment Solutions für SAP BW auf HANA angekündigt inklusive des Implementierungsaufwandes. Damit wird natürlich der Umstieg von einer bestehenden BW-Lösung auf HANA vereinfacht. Bestimmte Reports sind dabei bereits vorgedacht und konfiguriert. Wir planen auch hier Festpreisangebote. Dazu braucht es jedoch noch einige Projekte mehr, um darauf basierend auch realistische Angebote ableiten zu können.

Ist Data Warehouse damit tot?

Holger Behrens: Ganz so drastisch würde ich es nicht formulieren. Es wird eine deutliche Verschiebung am BW-Markt geben, zugunsten von HANA. Insbesondere mit dem von SAP angekündigten auf den Mittelstand ausgerichteten Paket HANA Edge erwarten wir, doch etliche Kunden überzeugen zu können, in die neue Technologie einzusteigen.

Welchen Nutzen haben Ihre Mittelstandskunden nun von HANA?

Holger Behrens: In zweifacher Hinsicht: zum einen die Echzeitkomponente von HANA und andererseits die Variabilität bei den Auswertungen. Man greift letztlich in Realtime auf die Core-Daten des ERP für seine Auswertungen zu. Damit lässt sich die Produktion und Distribution quasi „zeitnah“ an den Marktbedürfnissen steuern. Die Antwortzeiten am Rechner beschleunigen sich vehement. Ein Kunde erhält z.B. eine Vertriebsübersicht erst nach mehreren Minuten am Bildschirm angezeigt – so lange benötigt das System, um die dahinterliegenden Daten zu analysieren und aufzubereiten. In HANA dauert das ganze nur bis zu drei Sekunden, was den Vertriebsleiter natürlich freut, der nicht Minutenlang auf seine Auswertung warten muss. In anderen Bereichen fällt der Zeitunterschied zwischen „klassischer“ OLAP-Auswertung und In-Memory-Technologie noch drastischer aus.

Wie sieht so ein Szenario aus?

Holger Behrens: Um ein Beispiel zu nennen: Wir haben diverse Kunden im Lebensmittelbereich, die regelmäßig POS-Daten, also vom Point of Sales, erhalten. Was nützt es aber, wenn die Abverkaufsdaten aus den Märkten erst mit dem nächsten Datenabgleich analysierbar sind – die Zeit, um auf den Bedarfsfall zu reagieren und die Supermarktregale wieder zu befüllen, verzögert sich dadurch. Gerade im saisonalen Geschäft ist es aber wichtig, zeitnah zu wissen, wo was am Markt läuft oder auch nicht läuft. Wer zuerst liefert, der hat bei den Konsumenten die Nase vorn.

Und der Fertigungsleiter in einem Lebensmittebetrieb etwa, plant mit HANA seine Produktion nicht mit Marktdaten, die bereits eine Woche alt sind, sondern mit Echzeitinformationen, die ihm zeigen, was morgen benötigt wird. Darauf stimmt er dann seine Fertigungslinien zeitnah ab. Die Eistruhen sind dann eben rechtzeitig gefüllt, wenn aufgrund sonnigen Wetters die Nachfrage nach Speiseeis ansteigt. Bei einem Frischeproduzenten oder Eishersteller ist eine zeitnahe Analyse der Daten für die flexiblen Produktions- und Distributionsentscheidungen, die heute für den wirtschaftlichen Erfolg notwendig sind unabdingbar.

Und wie lange muss ein KMU bei der Implementierung in etwa rechnen?

Holger Behrens: Auch hierbei planen wir mittelstandsgerecht nicht in Monaten, sondern in Wochen. Das lässt sich natürlich aus jetziger Sicht noch nicht genau vorhersagen, zumal es auch von der  Unternehmensgröße und den Datenvolumina abhängt. Aufgrund der Piloterfahrungen lässt sich aber schon jetzt erkennen, dass wir bei unserem Mittelstandsklientel mit Einführungszeiten zwischen acht bis 16 Wochen rechnen können.

Wie geht es weiter?

Holger Behrens: Der nächste Schritt wird es sein, dass in HANA auch ganze Prozesse wie z.B. die Produktionsplanung oder das Bestellmanagement beschleunigt ablaufen können. Aber das ist derzeit noch Zukunftsmusik, wir bewegen uns vorerst auf den Terrain der Datenanalyse für Reportingaufgaben. Ich denke, dass 2012 für uns ein HANA-Jahr wird. Schon jetzt zeichnen sich weitere HANA-Projekte ab.

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