Hannover Messe: Vernetzung vom ERP bis zum Sensor

Sich flexibel aufstellen, Systeme entschlacken und außerhalb des Standards Innovationen anschieben: Auf der Hannover Messe 2018 zeigt SAP, wie eine ganzheitliche Vernetzung möglich wird.

„Bottling on demand“ und „Cargo Sous Terrain“ sind die zwei Showcase-Favoriten von Alexander Waldi auf der Hannover Messe 2018. Bei der bedarfsgerechten Abfüllung von Flaschen geht es SAP zusammen mit dem Abfüllspezialisten Krones darum, zu zeigen, dass die Losgröße 1 auch für Unternehmen immer wichtiger wird – und dass die Vision Formen annimmt. Während die Digitalisierung hier den Trend zur Individualisierung von Produkten aufgreift, bedeutet sie für den bei SAP für Manufacturing und Automotive verantwortlichen Senior Vice President Waldi im Schweizer Innovationsprojekt Cargo Sous Terrain, „künftige Verkehrsanforderungen viel besser in den Griff zu bekommen.“ Der Transport von Waren wird nicht nur unter die Erde gelegt und die „letzte Meile“ zum Kunden optimiert, sondern Transport und Logistik nicht zuletzt durch SAP-Technologie so automatisiert wie möglich gesteuert.

„Einfacher und direkter Zugriff auf Daten nötig“ (Alexander Waldi, Leiter Manufacturing und Automotive, SAP)

„Die ganzheitliche Vernetzung“, sagt SAP-Manager Waldi, „ist das treibende Thema auf der Hannover Messe.“ Wie eine neue Studie des IT-Branchenverbandes Bitkom zeigt, gibt es inzwischen kein Unternehmen mehr, in dem keine Maschine mit dem Internet verbunden ist. Durchschnittlich ist fast jede vierte Maschine (24 Prozent) vernetzt. Und mit 71 Prozent nutzt oder plant die große Mehrheit der Unternehmen Anwendungen für Industrie 4.0, sechs Prozent mehr als bei der letzten Befragung 2016. Nach einer Prognose von Markforscher Gartner werden in zwei Jahren über 20 Millionen Geräte miteinander vernetzt sein, fast doppelt so viele wie heute (11,2 Millionen). „Die Vielfalt der vernetzten Produkte nimmt zu, das erhöht zunächst auch die Komplexität“, erläutert Waldi, der Unternehmen dazu rät, ihre Systeme zu entschlacken und neue Entwicklungen außerhalb des Standards in die Cloud zu verlegen. „Ein einfacher und direkter Zugriff auf die Daten ist nötig, um Unregelmäßigkeiten frühzeitig entdecken zu können und eine Vernetzung vom ERP bis zum Sensor möglich zu machen.“

Das Netzwerk digitaler Zwillinge: Unterschiedliche Sichtweisen auf dasselbe Produkt

Eine wichtige Unterstützung für die Unternehmen wird künftig das Netzwerk digitaler Zwillinge sein, das SAP auf der Hannover Messe 2018 vorstellte. „Ein digitaler Zwilling ist viel mehr als eine digitale Repräsentation des physischen Produktes“, erläutert Thomas Ohnemus, als Vice President im Marketing für IoT und Digital Supply Chain zuständig. Ähnlich wie ein gespaltenes Photon, dessen zwei Hälften aufgrund quantenmechanischer Verschränkung auch in mehreren tausend Kilometer Entfernung synchronisiert bleiben, geht es auch den digitalen Zwillingen. „Ein neues Gerät besteht künftig schon von Beginn seines Lebenszyklus aus zwei Teilen, einem physischen und einem digitalen“, beschreibt Ohnemus.

Mit dem Einsatz des physischen Geräts fallen immer mehr Daten an, die auf unterschiedlichste Art analysiert werden können. „Der Ingenieur interessiert sich dafür, wie er die Produkte verbessern kann, ein Fertiger, wie er die Bauteile effizient, kostengünstig und in hoher Qualität produzieren kann und ein Service-Mitarbeiter dafür, wann und wie er ein Gerät warten oder reparieren sollte“, erläutert Ohnemus. Das Netzwerk an digitalen Zwillingen ermöglicht unterschiedliche Sichten auf dasselbe Produkt. Analytik in Verbindung mit maschinellem Lernen ermöglicht, aktuelle mit historischen Daten zu vergleichen und Prognosen für die Zukunft zu entwickeln. In der Entwicklung bekommt der Ingenieur Statistiken über Bauteile, die möglicherweise weiterentwickelt werden sollten. Der Fertiger bekommt Analysen über die Produktqualität. Der Service ist in der Lage, frühzeitig den Service-Techniker zur Wartung zu schicken. Der Controller schaut sich an, welche Auswirkungen eine Anpassung eines Bauteils auf die Gesamtkosten hat und der Verantwortliche für Nachhaltigkeit bekommt Transparenz darüber, welchen ökologischen Fußabdruck ein Produkt hinterlässt.

Losgröße 1: Die Vision hinter „Bottling on Demand“ von Krones

Auf der Hannover Messe ist der Greifer einer Krones-Anlage als digitaler Zwilling abgebildet. Besonders die Betreiber profitieren davon, denn ihr Ziel ist, den Service für die Anlage zu verbessern. Konkret kommen hier das SAP Asset Intelligence Network und das Innovationssystem SAP Leonardo zum Einsatz, die über einen digitalen „Service-Zwilling“ die Verfügbarkeit der Maschine erhöhen. „Intelligente Assistenzsysteme“, nennt sie Andreas Gschrey, der in der Innovationsstudie „Bottling on Demand“ gezeigt hat, was es für einen Hersteller von Abfüllanlagen bedeutet, in Losgröße 1 zu produzieren. „Heute fahren am Tag alle LKWs voll beladen mit demselben Getränkeprodukt vom Hof“, erläutert der bei Krones für die Digitalisierung und Datentechnologie zuständige Gschrey. Massenproduktion bestimmte jahrelang das Geschäft. Doch fordert der Konsument immer individuellere Produkte ein. „Die Maschine von einem auf ein anderes Produkt umzustellen, kostet Zeit und Geld“, so Gschrey. Denn die Anlagen sind auf eine sortenreine Produktion ausgelegt.

Die Produktionsanlage der Zukunft muss unterschiedliche Flaschengrößen (mit spezifischem Handling) abbilden, individuelle Etiketten direkt drucken können, über Füllventile mit Zuleitungen verschiedene Mischungen ermöglichen und nicht zuletzt über ein „Einzelshuttlesystem“ einzelne Flaschen transportieren können. „Diese Innovationstechnologien werden in Bottling on Demand zur Einheit verknüpft“, erläutert Gschrey, der im nächsten Schritt daran arbeitet, die bestehenden „Hotspots auf Hochleistungssysteme“ hochzuskalieren. Dann ist ein wichtiges Etappenziel für Gschrey erreicht, dass ein Kunde quasi über seine Bestellung direkt die Abfüllmaschine bedienen kann. Individuelle Produkte zum Preis von Massenprodukten rücken als Vision für eine gesamte Fertigungsindustrie also schon ein Stück näher.

Wie die Bitkom-Studie zeigt, wird die Kooperation mit IT-Unternehmen in der Entwicklung von Industrie-4.0-Projekten immer wichtiger. Mit einem Anteil von 40 Prozent setzen heute zwölf Prozent mehr Unternehmen als 2016 strategisch inzwischen auf eine Unterstützung durch IT-Innovatoren – wie etwa Krones auf SAP.