Harmonie zwischen Mensch und Maschine

Feature | 10. Juni 2003 von admin 0

Die große Suche auf dem Computermonitor: Anwender finden sich in ihren Programmen nicht zurecht, benötigen zu viel Zeit für ihre Arbeit und sind frustriert. Die Folgen sind eine geringere Arbeitsproduktivität und ein überlasteter Support. Abhilfe lässt sich nur mit einem höheren Schulungsaufwand schaffen. Eine ergonomische Gestaltung von Software mit Hilfe des so genannten User Interface Design (UID) vermeidet solche Probleme von Anfang an. Nach Einschätzung der Mummert Consulting AG lassen sich damit allein in Deutschland mindestens 190 Millionen Euro im Jahr einsparen.
Die Hersteller von Werkzeugmaschinen wie Fräsen oder Drehbänken legen seit fast 25 Jahren Wert auf die ergonomische Gestaltung ihrer Produkte. In Zusammenarbeit mit Industriedesignern entwickeln sie anwenderorientierte Maschinen, die neben einer höheren Arbeitssicherheit auch eine höhere Qualität und Produktivität garantieren.
Dieser Ansatz setzt sich auch in der Software-Entwicklung mehr und mehr durch. Der Grund: Software – sei sie auch technisch erstklassig – wird zum Problem, wenn der Anwender sie nicht akzeptiert. Während Anbieter von Standard-Software diese Erkenntnis bereits umsetzen, tun sich Entwickler von Individuallösungen damit immer noch schwer. Der Fokus der Entwicklung liegt häufig auf der Funktionalität des Programms. Dabei geraten die Oberfläche und Bedienbarkeit ins Hintertreffen – nicht zuletzt deshalb, weil die Unternehmen oder Fachbereiche, die die Software in Auftrag geben, dafür keine konkreten Anforderungen sowie kein Budget bereitstellen.

Software-Ergonomie – ein Thema für alle Branchen und Oberflächen

Das User Interface Design befasst sich mit den Schnittstellen zwischen der Software und dem Anwender. Software-Oberflächen sollen ergonomisch gestaltet sein, so dass sie die fachlichen Anforderungen des Anwenders erfüllen und ihn aktiv bei seiner Arbeit unterstützen.
Daher ist das User Interface Design nicht auf die “klassischen” Oberflächen wie Client/Server-Software und Websites beschränkt. Vielmehr ist es sinnvoll, alle “Mensch-Maschine-Schnittstellen” unter UID-spezifischen Aspekten zu entwickeln. Dabei kommt es nicht darauf an, für welche Branche die Software entwickelt wird. Grundprinzipien des UID gelten überall. Die technische Architektur ist sekundär. UID findet auf unterschiedlichsten Plattformen und Geräten Verwendung:

  • Java-, C++-Clients (Thin Clients, Client/Server-Applikation)
  • browsergestützte Benutzeroberflächen (Internet, Intranet, Extranet)
  • Mobile Clients (PDA, Mobiltelefon, Web Tablets)
  • Set-Top-Boxes für den Internet-Zugang über das Fernsehgerät.

Auf die Informationshierarchie kommt es an

Beim User Interface Design spielen Erkenntnisse der Kommunikationstheorie und etablierte Oberflächen-Standards (GUI-Standards, so genannte Styleguides) eine große Rolle. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Informationen hierarchisiert und strukturiert werden und nicht, welche Farbe oder Form ein Button oder eine Auswahlfunktion haben soll. Die Informationsarchitektur (Architecture Design) orientiert sich an den fachlichen Geschäftsprozessen. Sie gewährleistet daher eine intuitive Navigation des Anwenders. Zusammen mit ergonomischer Informationspräsentation (Screen Design) und innovativer Anwenderführung, zum Beispiel über eine integrierte, kontextsensitive Online-Hilfe, nimmt dies auch ungeübten oder neuen Anwendern – etwa bei einem Online-Shop – letzte Berührungsängste. Es ist daher wesentlich, die künftigen Anwender frühzeitig in die Entwicklung einzubeziehen. Dass eine derart gestaltete Software letztlich auch optisch anspricht, ist ein weiterer Vorteil.

Der User Interface Designer in der Vermittlerrolle

User Interface Design

User Interface Design

Das User Interface Design beinhaltet die Bereiche Architecture Design, Screen Design, Prototyping und Consulting. Das Architecture Design, bestehend aus Informationshierarchie, Applikationsstruktur und Navigationskonzept, beschreibt, wie sich der Anwender innerhalb der Applikation/Website bewegt. Es ist unsichtbar, aber unverzichtbar, um die gewünschte Information schnell zu finden. Das Screen Design gestaltet die einzelnen Masken, die zur Eingabe und Anzeige der Informationen dienen. Es wird bei Layout, Farbe und Wortwahl durch die Corporate Identity sowie das Corporate Design beeinflusst.
Beim Prototyping erhält der Anwender die Möglichkeit, das UI-Konzept praktisch zu prüfen. Anhand eines Prototyps ist er rasch in der Lage zu erkennen, ob das User Interface seinen Anforderungen entspricht. Die Abstimmung zwischen den Fachanforderungen und der Entwicklung ist Aufgabe der Mediation im Rahmen des Consulting. Dabei tritt der UI-Designer als Vermittler zwischen beiden Seiten auf und hilft, Missverständnisse zu vermeiden. Im Rahmen des Consulting werden zudem individuelle Richtlinien (Style Guides) erstellt, die der Oberflächenentwicklung dienen. Darüber hinaus schafft die Analyse bestehender Applikationen (Expert Review) die Voraussetzung für erfolgreiche Folgeprojekte. Usability Tests setzen auf das Prototyping auf und verfeinern dessen Aussage.

Argumente für Budget-Verantwortliche

Ziel des User Interface Design ist es, Software-Oberflächen so zu gestalten, dass Anwender sich auf ihre Aufgaben konzentrieren und sich nicht mit dem Computer beschäftigen. Eine höhere Arbeitszufriedenheit und geringerer Stress für die Mitarbeiter sind allein schon gute Gründe für User Interface Design. Doch darüber hinaus gibt es weitere Punkte, die vor allem die für Budget-Verantwortliche relevant sind:

  • Der Aufwand für Schulung und Einarbeitung lässt sich um 25 Prozent senken.
  • Eine Entlastung des User Help Desk/Service Desk von bis zu 25 Prozent ist möglich.
  • Die Produktivität der Mitarbeiter steigt, da sie sich auf ihre fachlichen Aufgaben konzentrieren, wenn sie die Software intuitiv anwenden.
  • Umsatzsteigerung: Je schneller beispielsweise der Anwender in einem Webshop die gewünschten Produkte finden und erwerben kann, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sie kauft.
  • Hohe Kundenbindung im Bereich B2C und B2B: Zufriedenheit mit den angebotenen Services und deren Präsentation minimiert die Fluktuation der Kunden. Gerade im Web ist der Wettbewerber nur einen Mausklick entfernt.
  • Beschleunigung des Return on Investment (ROI): Die Investitionen in eine neue Software machen sich rascher bezahlt.
  • Rechtssicherheit in Bezug auf die Richtlinie ISO 9241-10:1996 – Ergonomische Anforderungen für Bürotätigkeiten mit Bildschirmgeräten, Grundsätze der Dialoggestaltung: Dieser Punkt wird bisher gemeinhin vernachlässigt. Da aber in vielen Unternehmen der Einfluss der Betriebsräte auf die Einführung und Auswahl der Unternehmens-Software steigt, gewinnt der Aspekt an Bedeutung.
Beispielrechnung Schulungskosten

Beispielrechnung Schulungskosten

Anhand der Schulungskosten lässt sich der monetäre Vorteil ergonomisch gestalteter Software konkret aufzeigen. Wenn der Schulungsaufwand aufgrund intuitiver Gestaltung der Oberfläche von fünf auf vier Tage reduziert werden kann, spart das bei rund 20.000 Nutzern 20.000 Schulungstage beziehungsweise 20 Prozent der Kosten. Betriebswirtschaftlich betrachtet geht es bei durchschnittlichen Personalkosten von 300 Euro pro Tag um eine Ersparnis von 5,8 Millionen Euro. Die Beispielrechnung zeigt, dass sich User Interface Design auch bei einer Software für wenige Anwender lohnt – und dabei sind nur die Schulungskosten berücksichtigt. User Interface Design ist kein Luxus, sondern Investitionsschutz.

Bernd Lohmeyer

Bernd Lohmeyer

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