Hauptrollen für Handling-Units

Feature | 9. August 2004 von admin 0

Dichtungen und Formartikel für die Autoindustrie, rund 1.000 Produkte von der Fensterdichtung bis zur Auspuffaufhängung, stellt SaarGummi in Europa, Asien, Nord- und Südamerika her. Um im umkämpften nordamerikanischen Automobilmarkt Wettbewerbsvorteile zu sichern, entschied sich SaarGummi, SAP for Automotive in seinen kanadischen Werken einzuführen. Bisher hatten die Abteilungen der dortigen Fertigungsstätten mit jeweils eigenen, voneinander unabhängigen Systemen die Planung, Produktion und Logistik gesteuert. Deshalb galt als wesentliches Projektziel der SAP-Einführung, alle Prozesse abteilungsübergreifend, entlang der Wertschöpfungskette zu optimieren. Zusammen mit dem Beratungsunternehmen Orbis wurde die Branchenlösung innerhalb von nur elf Monaten implementiert. Sie steuert alle sieben Werke und macht die Kosten verursachungsgerecht transparent. Dafür sorgen im Einzelnen die SAP-Module für Materialwirtschaft (MM), Produktionsplanung und –steuerung (PP), Vertrieb (SD mit EDI), Warenwirtschaft (WM), Controlling (CO), Finanzwesen (FI) und Anlagenverwaltung (AM).

Jedes Teil im Blick

SaarGummi

SaarGummi

Seit dem Produktivstart im April 2004 spielen Handling-Units (HU) eine Hauptrolle in der Logistik der kanadischen SaarGummi-Werke. Handling-Units beschreiben alle in einzelne Boxen oder Paletten verpackten Teile, die im gesamten Produktionsprozess angeliefert, verarbeitet und in der Lieferkette bewegt werden. Die SAP-Anwendung verwaltet und identifiziert jede dieser Verpackungen, erfasst dazu alle Informationen und stellt jeweils ein Barcode-Etikett bereit, um es mit einer einmaligen Handling-Unit-Nummer zu kennzeichnen. Das befreit den Materialfluss von Bürokratie und Papier. “Bereits die Lieferanten erhalten von uns Barcode-Labels, um damit beispielsweise Gummi-Ballen zu identifizieren, die als Rohmaterial unsere Werken erreichen”, erklärt Markus Sührer, verantwortlich für die IT-Koordination der internationalen SaarGummi-Standorte. Im Produktionsprozess werden Rohmaterialien und Komponenten, wie zum Beispiel Stahlelemente zur Verstärkung der Dichtungen, zusammen geführt; so entstehen Halbfabrikate. Je nach Artikel durchläuft die Fertigung drei bis vier Stufen bis zum Endprodukt. Auch Lieferanten, die als verlängerte Werkbank arbeiten, haben Zugriff auf das System. Sie melden ihre geleisteten Produktionen mit dem zu erwartenden Wareneingangs-Datum, drucken die HU-Etiketten aus und versehen die Packstücke damit.
Alle Handling-Units erhalten die Barcode-Kennungen, welche sich überall in den Werken mit Hilfe von mobilen und kabellosen Datenerfassungsgeräten scannen und online in der SAP-Lösung verbuchen lassen. So ist jedes Packstück jederzeit zu lokalisieren und zu verfolgen. Buchungen der Materialwirtschaft, der Lagerverwaltung und des Versands erfolgen über die Erfassungsgeräte. Dazu realisierte Orbis gemeinsam mit SaarGummi funkbasierte Radiofrequenz-Transaktionen innerhalb des Standards, den SAP mit der SAP Console bietet. “Wir unterscheiden in unseren Werken etwa 2.000 Gattungen von Veredelungs- oder Wertschöpfungsstufen unserer Produkte”, so Sührer. “Jedes Packstück verfolgen wir eins-zu-eins. So schleusen wir Monat für Monat insgesamt rund 300.000 Handling-Units durch die Produktion und die Supply-Chain.”

Peitscheneffekte gedämpft

Zulieferer in der Automobilindustrie müssen ihre Planung hochflexibel halten, um in der Lage zu sein, mit kurzen Reaktionszeiten wirksam auf Auftragsschwankungen zu reagieren und das Produktionsprogramm bedarfsgerecht und sicher anzupassen. In der Praxis von SaarGummi dauern die Zeiträume zwischen dem Abruf bestellter Ware durch die Kunden und der Lieferung in der Regel eine Woche. Kunden erteilen ihre Aufträge über die in der Automobilindustrie eingeführten und genormten elektronischen Formulare (EDI). SaarGummi liefert just-in-sequence. Das heißt, die Auslieferung erfolgt in kleine, auf einen Mindestbestand zu haltende Zwischenlager. Sie sind in unmittelbarer Nähe zu den Fließbändern der Automobilkunden platziert und erlauben – im Gegensatz zu just-in-time – einen zeitlichen Puffer zwischen Liefertermin und der Produktionsentnahme durch den Kunden.
Unter der Bezeichnung Demstab entwickelte Orbis für SaarGummi ein Werkzeug für die Produktionsplanung und Produktionssteuerung. Demstab steht für Bedarfs-Stabiliserung (Demand Stabilisation). Das Add-on auf Basis von SAP Sales and Operations Planning (SAP SOP) wirkt als Bindeglied zwischen der Vertriebs- und der Produktionsplanung. Die SAP-Standardfunktion hat Orbis um mehrere eigenentwickelte Funktionen ergänzt und erweitert. Mit Demstab puffert SaarGummi automatisch die häufig auftretenden, starken Schwankungen der aktuellen Lieferabrufe und glättet diese. Damit werden störende Peitscheneffekte vermieden, die Logistikern und Produktionsverantwortlichen immer wieder zu schaffen machen. Sie treten auf, wenn Schwankungen im Bestellverhalten sich über die Wertschöpfungskette hinweg gewissermaßen aufschaukeln. Das lässt im Falle eines unerwarteten Mehrbedarfs des Kunden in den Werken kurzfristig drastisch überhöhte Kapazitätsbedarfe entstehen und kann andererseits bei einem Minderbedarf zu einem falsch interpretierten Kapazitätsüberschuss führen.
Die Demstab-Lösung dämpft die Peitscheneffekte. Die Mitarbeiter überprüfen das Produktionsprogramm und können es bei Bedarf noch manuell anpassen, bevor sie es an die Betriebe weiter geben. “Ein Fehler ist verhängnisvoll”, so IT-Koordinator Sührer. “Falsch eingeplante Artikel bleiben letztlich nur im Lager liegen und binden Kapital. Sie ziehen Kapazitäten ab, um die ’echten Bedarfe’ zu produzieren. Das führt unter Umständen zu teuren Sonderschichten.” Mit den neuen Werkzeugen werden Fehlplanungen dieser Art vermieden. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: So reduziert SaarGummi seine Vorräte um 30 Prozent und erreicht so die Produktionsziele mit weniger Aufwand.

Neue Kosten- und Ergebnisrechnung

Ein weiteres Projektziel war, eine neue Kosten- und Ergebnisrechnung aufzustellen, so dass Analysen vom einzelnen Artikel bis zu ganzen Kundengruppen voll transparent darstellbar sind. Sührer berichtet: “Wir nutzten die organisatorische Chance, mit der Implementierung auch unsere Kostenstellenstruktur zu erneuern, abgestimmt auf die Arbeitsplätze in der Produktion. Abweichungen zu den Standarddeckungsbeiträgen werden jetzt verursachungsgerecht aufgezeigt.” So lässt sich beispielsweise feststellen, an welcher Maschine zu teuer oder zu lange produziert wurde und warum dies aufgetreten ist.
Es gelang dem Hersteller für Dichtungs- und Formartikel SaarGummi, die Zielprozesse gemeinsam mit Orbis schnell zu definieren und umzusetzen, indem Erfahrungen von internationalen Roll-outs und spezifisches Branchen-Know-how des Beratungshauses genutzt wurden. Dies galt vor allem in den Bereichen der Integration zwischen Vertrieb und Produktion, der EDI-Abwicklung und der Expertise im Handling-Unit-Management. Eine Herausforderung stellte die Dreisprachigkeit dar. Die Projektsprache war Englisch, die Landessprache in Québec ist Französisch und die Sprache des Mutterunternehmens Deutsch. Orbis setzte für dieses Projekt ein mehrsprachiges Projektteam ein.
Der Projektarbeit wurde im Projekt ein großer Stellenwert eingeräumt. Dazu Markus Sührer: “Die Mitarbeiter von SaarGummi haben die Lösung gemeinsam erarbeitet. Sie haben gelernt, mit neuen Werkzeugen besser zu arbeiten und zu entscheiden. Das Wichtige war, Mitarbeitern den Umgang mit den neuen Tools zu vermitteln und sie zu motivieren, das Althergebrachte los zu lassen.”

Susanne Schieffer

Susanne Schieffer

Leave a Reply