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Heidelberg Laureate Forum: Nachwuchswissenschaft trifft Koryphäen

Feature | 5. Oktober 2017 von Claudio Brecht 19

Junge Wissenschaftler der Bereiche Mathematik und Informatik konnten beim fünften Heidelberg Laureate Forum Kontakte zu Preisträgern der beiden Disziplinen knüpfen und Einblicke in mögliche Berufsfelder erhalten.

Ohne theoretische Grundlagen wären weltverändernde Erfindungen wie das Internet nie möglich geworden. Doch gute Ideen fallen nicht vom Himmel: Besonders Mathematiker und Informatiker sind auf regen Austausch angewiesen, um die Inspiration zu finden, die zur Lösung komplexer Probleme beiträgt. Die nächste richtungsweisende Idee liegt möglicherweise nur ein Gespräch entfernt.

Die vom gleichnamigen SAP-Mitbegründer ins Leben gerufene Klaus Tschira Stiftung (KTS) und das aus ihr hervorgegangene Heidelberger Institut für Theoretische Studien (HITS) folgten dieser Überlegung. Analog zur Tagung der Nobelpreisträger in Lindau sollte ein Netzwerktreffen eigens für Wissenschaftler der Bereiche Informatik und Mathematik geschaffen werden. In Abstimmung mit den Institutionen, welche die bedeutendsten Preise der Disziplinen verleihen – Abelpreis, Turing-Award, Fields-Medaille und Nevanlinna-Preis – entstand so das Heidelberg Laureate Forum.

Die digitale Wirtschaft wächst mit wissenschaftlicher Expertise

Auf der jährlich stattfindenden, einwöchigen Konferenz haben 200 ausgewählte Nachwuchswissenschaftler aus aller Welt die Gelegenheit, die Koryphäen ihres Fachbereiches kennenzulernen. Der generationenübergreifende Erfahrungsaustausch geschieht in Fachvorträgen, Gesprächen und gemeinsamen Ausflügen. Zusätzlich haben Interessierte aus der Region die Möglichkeit, an einem Begleitprogramm teilzunehmen.

Den letzten Versammlungstag richtete dieses Jahr die SAP am Standort St. Leon-Rot aus. Dort betonte Bernd Welz, Chief Knowledge Officer bei der SAP, wie wichtig wissenschaftliche Erkenntnisse auch für die digitale Wirtschaft seien: „Komplexe Daten zu verstehen, benötigt sehr viel Expertenwissen, welches von Leuten wie Ihnen entwickelt wird.“ Der Einfluss der Digitalisierung auf die Wirtschaftswelt würde besonders mit Blick auf die durchschnittliche Lebensdauer der erfolgreichsten Unternehmen deutlich: Innerhalb der letzten 50 Jahre schrumpfte sie von 75 auf gerade einmal 15 Jahre.

Vom antiken Athen bis zum interplanetarischen Internet

Die Fachvorträge der Laureaten wurden von Sir Michael Francis Atiyah, Abelpreisträger und Träger der Fields-Medaille, eingeleitet. Atiyah behandelte dabei die Trennung von Diskretheit und Kontinuität: zwischen Algebra und Analysis, Quantenphysik und klassischer Physik, Information und Energie, Turing und Maxwell. Tatsächlich hätten allerdings stets bedeutende Wissenschaftler die Lücke zwischen den Gegensätzen überbrückt: „Wenn diese Konferenz im alten Athen abgehalten worden wäre, so gäbe es dort genauso gute Ideen, nur weniger Technologie. Um die Welt zu verändern, reicht Ihr Kopf und ein gutes Stück Beharrlichkeit.“

Dass dabei auch Ideen Früchte tragen können, die scheinbar nach Zukunftsmusik klingen, zeigte Vinton Gray Cerf. Zwischen 1976 und 1982 bei der amerikanischen Forschungsbehörde DARPA tätig, entwickelte er dort zusammen mit Robert E. Kahn das noch heute dem World Wide Web zugrundeliegende Netzwerkprotokoll TCP/IP. Für diesen Meilenstein wurde ihm 2004 der Turing Award zuerkannt.

Cerf erkannte bald, dass der Trend zur computerbasierten Kommunikation mit dem globalen Internet noch nicht abgeschlossen sein würde – und machte sich an die Arbeit zur Vernetzung des Weltalls: „Teil von etwas sein zu können, dessen Ende man noch nicht absehen kann – das ist wirklich cool.“ Auch diese Überlegungen werden heute praktisch angewendet: Nachdem sich die NASA mit der schleppenden Kommunikation zum Marsrover Sojourner 1996 unzufrieden zeigte, fanden Cerfs weiterentwickelte Netzwerkprotokolle Eingang in die Roboter Spirit und Curiosity. Auch der Mailverkehr der internationalen Raumstation läuft über das interplanetare Internet.

Vinton Gray Cerf stellt das interplanetare Internet vor.

Computerbasierte Modelle zum Erkenntnisgewinn

Leslie G. Valiant, sowohl mit dem Nevanlinna-Preis als auch dem Turing Award ausgezeichnet, beschäftigte sich mit den Möglichkeiten in der computerbasierten Neurowissenschaft. Beispielhaft skizzierte er eines der bisher ungelösten Probleme der Hirnforscher: Wie ist es möglich, dass ein Hirn über ein Leben hinweg in Sekundenschnelle tausende individueller kognitiver Verarbeitungen und Assoziationen bewerkstelligt, die langfristigen Einfluss auf zukünftiges Verhalten ausüben können – und das, obwohl die dabei aktiven Hirnregionen deutliche Ressourcenlimits aufweisen? Um dieser Frage nachgehen zu können, schlug Valiant Algorithmen vor, mit Hilfe derer ein idealisiertes Rechenmodell Antworten liefern könnte. Die Informatik könne so fachübergreifend zu neuen Erkenntnissen verhelfen.

Die selbe Idealisierung von Modellen wurde im letzten Fachvortrag von Stephen Smale, Träger der Fields-Medaille, stark gemacht. Ein hohes Abstraktionsniveau sei essentiell für das Entwickeln neuer Theorien: So hätten Newtons Formalisierungen der klassischen Physik das Prinzip der Reibung ignoriert, welches erst ein Jahrhundert später hinzugefügt werden konnte. Vergleichbare Beispiele seien John von Neumanns Prägung des abstrakten Konzepts des Hilbertraums in der Physik oder Watson und Cricks Entdeckung der Doppelhelixstruktur der DNA.

Berufsperspektiven für junge Wissenschaftler

Den Abschluss des Programms bildete eine Podiumsdiskussion. Hier konnten die Jungwissenschaftler Fragen stellen an Michael Kleinemeier, Vorstandsmitglied der SAP, Christine Regitz, Vice President User Experience bei der SAP und Vizepräsidentin der Gesellschaft für Informatik, sowie an Gunter Dunkel, den früheren Vorstandsvorsitzenden der Nord/LB.

v.l.n.r am Podium: Michael Kleinemeier, Christine Regitz, Gunter Dunkel

Der interessierte Wissenschaftsnachwuchs erfuhr hier, dass die Wahl zwischen Wirtschaft und der akademischen Welt keine einmalige Sache sei: Immer mehr Menschen würden nach einer Betätigung in der Industrie an die Hochschule wechseln und umgekehrt. Diese Entwicklung sei einerseits getrieben von der Komplexität der Materie selbst, andererseits jedoch auch gezielt durch die EU gefördert.

Gleichzeitig eröffne die Unternehmenswelt attraktive Angebote zum Arbeiten an interessanten Projekten: Agile Projekte, die innerbetrieblich auf Start-up-Methoden setzen, seien zunehmend auf der Tagesordnung. Auch flexibles Arbeiten von Zuhause aus gehöre immer mehr zum Konzernalltag und gäbe so Wissenschaftlern den nötigen Freiraum für neue Ideen.

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