Herausforderung Kapitalbeschaffung

Feature | 18. Februar 2003 von admin 0

Die Kreditvergabepolitik der Banken ist heute differenzierter und restriktiver als früher. Dies ergab eine Umfrage der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bei mehr als 6.000 deutschen Unternehmen. Danach klagen 32 Prozent der Befragten über eine erschwerte Kreditaufnahme bei den Banken, während lediglich drei Prozent der Firmen berichten, die Kreditaufnahme sei einfacher geworden. Die Banken begründen das Ablehnen von Krediten vorwiegend mit ihrer Geschäftspolitik, fehlenden Sicherheiten und einer zu geringen Eigenkapitalausstattung der Unternehmen.

Basel II

Basel II

In vielen anderen Industrienationen ist die Kreditverknappung tendenziell weniger stark spürbar. Aus diesem Grund werden die neuen Basler Regelungen (“Basel II”) in Deutschland besonders kontrovers diskutiert. Basel II soll ab dem Jahr 2007 für Kreditinstitute gelten. Doch insbesondere die international tätigen Großbanken haben bereits damit begonnen, Ausfalldaten zu sammeln, um rechtzeitig auf die erforderlichen Datenhistorien zurückgreifen zu können.
Der Grundgedanke von Basel II ist es, zwischen guten und schlechten Bonitäten zu unterscheiden. Danach wird die Bonität des Schuldners mit Hilfe einer Unternehmensbewertung (Rating) benotet. Die Rating-Note drückt die wirtschaftliche Fähigkeit eines Unternehmens aus, seinen zukünftigen Zahlungsverpflichtungen termingerecht und vollständig nachzukommen. Kapitalschwache Unternehmen werden ihr Ausfallrisiko künftig über höhere Zinsen mittragen müssen.
Kreditinstitute können für die Eigenkapitalunterlegung ein externes oder ein bankinternes Rating des Unternehmens heranziehen. Allerdings unterziehen sich – schon aus Kostengründen – die wenigsten Firmen einem externen Rating durch eine von der Bankenaufsicht anerkannte Rating-Agentur.

Den Dialog mit den Banken intensivieren

Unternehmen sollten sich rechtzeitig und umfassend auf die Rating-Verfahren vorbereiten. Dazu gehört, sich über die quantitativen und qualitativen Eingangsgrößen, etwa Bilanzkennzahlen oder die Beurteilung von Produkten und Management, zu informieren. Die Praxis zeigt zwar, dass Banken keine oder nur sehr allgemeine Aussagen darüber machen, wie sie diese Eingangsgrößen gewichten. Dennoch ist ein intensiver Dialog mit den Kreditinstituten ratsam, um die eigenen Rating-Urteile besser nachvollziehen zu können. Auf dieser Basis lassen sich leichter Maßnahmen ergreifen, um die künftigen Rating-Noten zu verbessern.
Die Rating-Verfahren der einzelnen Kreditinstitute unterscheiden sich zum Teil erheblich – etwa hinsichtlich der Zuordnung zu den einzelnen Kundengruppen (Firmenkunden, Gewerbekunden oder Geschäftskunden). Daher lohnt es sich, die internen Rating-Urteile der betreuenden Kreditinstitute zu vergleichen. In einigen Fällen ist es empfehlenswert, die Geschäftsbeziehungen zu Kreditinstituten zu intensivieren, die kein internes Rating-Verfahren anwenden. Dies sind insbesondere kleinere Institute, die den so genannten Standardansatz wählen. Sie haben die Möglichkeit, bei der Kreditvergabe künftig ähnliche Risikogewichte anzuwenden wie heute und kein Rating durchzuführen.
Die Basler Regelungen sehen außerdem vor, dass Kreditinstitute die Sicherheitsinstrumente, die sie für eine Reduzierung der Eigenkapitalunterlegung heranziehen dürfen, deutlich erweitern können. Sie werden daher die Sicherheiten der Unternehmen überprüfen sowie eventuell neu bewerten. Zudem können Banken die Eigenkapitalunterlegung reduzieren, in dem sie die Sicherheiten vertraglich neu den Krediten zuordnen beziehungsweise die Laufzeiten und Währungen von Sicherheiten und Krediten angleichen.

Alternative Finanzierungswege suchen

Basel II verstärkt die bereits heute erkennbare Tendenz, dass sich Banken auf Kreditnehmer mit guten Bonitäten und hinreichenden Sicherheiten konzentrieren. Dem sollen die jüngsten aufsichtsrechtlichen Erleichterungen entgegenwirken. So ist es in Deutschland vorrausichtlich möglich, Kredite bis zu einer Million Euro an Unternehmen mit einem Jahresumsatz bis zu 50 Millionen Euro wie Privatkundenkredite zu behandeln. Darüber hinaus entfällt für Firmen mit weniger als 500 Millionen Euro Jahresumsatz bei langfristigen Krediten der Laufzeitzuschlag. Bei der Umsetzung von Basel II ins nationale Recht kann die zuständige Aufsichtsbehörde diese Grenzen in einem vorgegebenen Rahmen festlegen.

Handlungsempfehlungen

Handlungsempfehlungen

Angesichts knapperer Kredite ziehen kleine und mittlere Unternehmen mehr und mehr alternative Finanzierungsarten in Betracht. Dazu zählen öffentliche Existenzgründungs- und Fördermittel, die von den Unternehmen allerdings nur teilweise ausgeschöpft werden. Andere Möglichkeiten der Kapitalbeschaffung sind ein Börsengang sowie das Beteiligungs- und Wagniskapital, das Banken, Sparkassen und Privatinvestoren insbesondere für innovative, in Wachstumsmärkten tätige Unternehmen bereitstellen.

Leasing als Chance

Eine weitere Alternative stellt das Leasing dar. Zwar müssen sich die Leasinggesellschaften über Kreditinstitute refinanzieren und deshalb bei Leasingverträgen ebenfalls auf Risiken achten. Doch für sie gelten die Basler Richtlinien dabei nicht. Daher lohnt es sich speziell für kleine und mittlere Unternehmen zu prüfen, ob sie ein Wirtschaftsgut künftig nicht besser leasen, als es über Fremdkapital zu finanzieren. Vor dem Hintergrund von Basel II bringt das Leasen von Investitionsgütern den Unternehmen einen weiteren Vorteil: Es erhöht die Eigenkapitalquote des Leasingnehmers – ein Umstand, der sich positiv auf die Risikobewertung durch die Kreditinstitute auswirkt. Damit wird wiederum der Zugang zu klassischen Krediten erleichtert. Zusätzliche Möglichkeiten zur Kapitalbeschaffung sind das Factoring oder die gemeinsame Verbriefung von Mittelstandskrediten.

IT-Systeme anpassen

Basel II stellt auch die Banken vor große Herausforderungen. Diese betreffen in hohem Maße die IT-Systeme, in denen die neuen Anforderungen abzubilden sind. Häufig liegen die erforderlichen Daten nicht in hinreichender Qualität vor, oder sind auf unterschiedlichen Systemen verteilt. Die Kreditinstitute stehen damit vor der Aufgabe, ihre IT-Landschaft und Datenhaushalte für Basel II anzupassen und zu erweitern. Die Basler Anforderungen führen dabei in den Kreditinstituten tendenziell zu einheitlicheren Methoden und Verfahren der Risikomessung. Dies wiederum fördert die Entwicklung und Verbreitung entsprechender Standard-Software. Spezielle, auf die Anforderungen von Basel II zugeschnittene Komponenten, wie sie SAP etwa mit dem Bank Analyzer und der Financial Database entwickelt, unterstützen Banken dabei, die Basler Regelungen umzusetzen.
Die Kreditinstitute werden vor diesem Hintergrund künftig höhere Anforderungen an die Daten der Unternehmen stellen, um ihre Geschäftsprozesse zu verbessern. Quartalsberichte, Jahresabschlüsse oder Bilanzkennzahlen werden in elektronischer Form vom Unternehmen in die IT-Systeme der Banken übertragen und dort von den entsprechenden Rating-Anwendungen verarbeitet.
Straffere Geschäftsprozesse gewinnen aber auch für die Unternehmen an Bedeutung, um die Bewertungskriterien zu erfüllen. Angesichts erhöhter Kreditkonditionen steigt der Anreiz für eine taggenaue Verrechnung von Konten sowie für eine umfassende und IT-gestützte Cash-flow-Planung. Die entsprechenden IT-Systeme in Controlling und Rechnungswesen steigern die Transparenz der Unternehmensdaten und ermöglichen es, das Zahlenwerk korrekt und zeitnah darzustellen.
Weitere Informationen zur Unternehmensfinanzierung sind bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau verfügbar.

Dr. Christoph Rechtien

Dr. Christoph Rechtien

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