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Humaniq: Zugang zu Finanzdienstleistungen für 2 Milliarden Menschen

Feature | 8. Juni 2017 von Jacqueline Prause 0

Das Startup Humaniq möchte mittels neuer Technologien wie Blockchain Menschen ohne Bankkonto den Zugang zum Wirtschaftsleben ermöglichen.

Für viele von uns ist es ganz selbstverständlich, eine Bank zu haben, die unseren Zahlungsverkehr erledigt, unser Vermögen verwaltet und uns bei Bedarf einen Kredit gibt. Unsere Bank gibt uns aber noch viel mehr als das: die Möglichkeit zur Teilhabe am Wirtschaftsleben und am Arbeitsmarkt sowie ein Gefühl der finanziellen Sicherheit. Ohne all das wären wir eventuell ausgeschlossen und Vorurteilen ausgesetzt.

Für 2 Milliarden Menschen sind Bankdienstleistungen unerreichbar

Zugang zu grundlegenden Finanzdienstleistungen ist so wichtig für die persönliche Sicherheit und Entwicklung, dass dies sogar in den Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung unter Punkt 1,  „Überwindung von Armut“, festgeschrieben ist. Für über zwei Milliarden Menschen sind Bankdienstleistungen aber immer noch unerreichbar (Quelle: Weltbank), weil der Zugang entweder zu kompliziert, zu teuer oder zu schwierig ist. Eine fehlende Bankeninfrastruktur in erreichbarer Entfernung und hohe Kosten für die Kontoeröffnung sind einige der Gründe. Außerdem haben etwa 1,5 Milliarden Menschen nicht die für die Eröffnung eines Kontos erforderlichen Ausweispapiere (Quelle: Weltbank), sodass ihnen die für die soziale Teilhabe grundlegenden Dinge verwehrt bleiben.

Humaniq (HMQ), ein Startup für Finanzsoftware mit Sitz in London, ist eine Bank der nächsten Generation, die Lösungen für Menschen ohne Bankkonto bietet. Das Unternehmen möchte Menschen eine Teilnahme am Wirtschaftsleben ermöglichen und eine Community für Finanzdienstleistungen aufbauen. Zur Umsetzung dieser Vision nutzt das Startup die neuesten Innovationen im Bereich Blockchain-Technologie, Mobiltechnologie, Biometrik und künstlicher Intelligenz. Damit will Humaniq all denjenigen eine Technologieplattform für Finanzdienstleistungen bieten, für die es bisher keine praktikablen, bezahlbaren Banklösungen gibt.

Dinis Guarda, CEO von Humaniq, ist ein glühender Verfechter globaler Nachhaltigkeitsinitiativen. Mit der Gründung von Humaniq will er zusammen mit seinen Mitgründern Alex Fork und Dimitry Kaminsky moderne Technologien nutzen, um die drängendsten Probleme der Menschheit zu lösen. „Das derzeit größte Problem besteht darin, dass ein großer Teil der Weltbevölkerung von den ganzen Technologien ausgeschlossen ist, die es um sie herum gibt. Diese Menschen bekommen nichts von dem Wandel in den Arbeitsformen und den tiefgreifenden Veränderungen mit, die derzeit stattfinden“, erklärt Guarda. „Gleichzeitig gibt es neue bahnbrechende Technologien – viele von ihnen grundlegende Technologien, wie Blockchain, das Internet der Dinge (IoT) und künstliche Intelligenz (AI). Diese Technologien verändern sehr schnell die Art und Weise, wie wir Informationen konsumieren und wie unseren Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle und die Wirtschaft funktionieren.“

Ausgabe von Token beschleunigt Expansion

Nach seiner Gründung im Juli 2016 hat Humaniq seine Pläne schnell in die Tat umgesetzt. So sind ein nachhaltiges Geschäftsmodell und ein Technologiekonzept entstanden, das den Ausbau seiner Plattform und seines Ökosystems ermöglicht. Im April erreichte Humaniq dann einen wichtigen Meilenstein mit dem Initial Coin Offering (ICO) für die Ausgabe seiner HMQ Token. Das Crowdfunding zog 12.000 Investoren an und brachte rund 5,2 Millionen US-Dollar ein. „Damit entwickeln wir jetzt die Beta-Version unserer App“, sagt Guarda. „Unser erstes Pilotprojekt haben wir in Indien gemacht. Mit diesen Pilotprojekten testen wir die Technologie. Wir lernen dadurch die Anforderungen der Anwender besser kennen und berücksichtigen diese bei der Weiterentwicklung unseres Angebots.“

Plattform integriert Biometrik, Mobil- und Blockchain-Technologie

Die Humaniq-Mitarbeiter arbeiten derzeit an der Entwicklung einer stabilen Technologieplattform, die sich skalieren lässt. Von fünf Entwicklungsteams befassen sich zwei mit dem Back- und dem Frontend, eines mit dem Backend und eines mit der Entwicklung offener APIs für Drittanbieter.

Für die App von Humaniq braucht der Anwender lediglich ein Handy mit Kamera. Die App wurde zunächst für Android-Geräte entwickelt, wird aber auch für iOS-Geräte erhältlich sein.

Die biometrische Identifizierung ist in zweierlei Hinsicht von Vorteil: Zum einen macht sie die Handhabung einfach, sodass auch ein Anfänger den Service nutzen kann. Zum anderen sorgt Biometrik für umfassende Sicherheit durch Gesichtserkennungsalgorithmen und neuronale Netze, die die Identität des Benutzers bei jedem Login überprüfen können. Dieses Gesichtserkennungskonzept basiert auf verschiedenen Fotos, Videoaufnahmen von Gesichtsmimik sowie der Sprechweise des Anwenders. „Wir setzen Biometrik ein, weil wir von der Benutzeroberfläche und der Bedienung her sicherstellen wollen, dass jeder die App nutzen kann“, sagt Guarda. „Es gibt eine Studie, nach der rund 1 Milliarde Menschen in Indien sozusagen nicht existieren, weil sie keine Dokumente haben. Wir wollen mit Biometrik erreichen, dass diese Menschen an der digitalen Wirtschaft teilhaben können.“

Community ist wichtig

Nutzer der Humaniq App halten HMQ Token als Hauptwährung in der Community. Diese Token können in Bitcoins, und dann in Dollar, Euro oder andere Standardwährungen umgetauscht werden. Zwei Kryptowährungen akzeptieren bereits HMQ Token. Jeder User erhält Token für seine erfolgreiche Bio-Identifizierung. Wenn er Freunde in die Humaniq Community einlädt und Transaktionen durchführt, kann er zusätzliche Token „verdienen“. Humaniq geht davon aus, dass es mit wachsender Teilnehmerzahl und Stabilität der Community viel einfacher sein wird, Token zu tauschen als über Währungen und traditionellen Umtausch zu gehen.

„Die Leute haben einen Token, weil sie Teilnehmer der Community sind“, sagt Guarda. „Diese Token haben einen Wert, ähnlich wie andere Dinge, beispielsweise Waren, Buchwährungen oder Aktien. Der HMQ Token hat dies bereits zum Zeitpunkt seiner Ausstellung.“

Die Leute haben einen Token, weil sie Teilnehmer der Community sind. Diese Token haben einen Wert, ähnlich wie Waren, Buchwährungen oder Aktien.

Herausforderungen: Technologieintegration und Sicherheit

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass es externe Widerstände und technische Herausforderungen bei der Integration der verschiedenen Technologien geben wird, insbesondere die Integration von Blockchain mit Biometrik. Der Biometrik-Aspekt bringt zusätzliche Herausforderungen im Hinblick auf Sicherheit und Daten mit sich. Humaniq arbeitet hier jedoch mit führenden Experten für Cybersicherheit und Nichtregierungsorganisationen zusammen, um die Integrität der digitalen Identität und das Management von Big Data zu gewährleisten. „Wir sind uns bewusst, dass es bei der Arbeit in einigen Ländern viele unvorhergesehene Herausforderungen geben wird“, sagt Guarda. „Wir müssen eine umfassende Cybersicherheit sicherstellen.“

Eine Herausforderung für Humaniq ist bereits jetzt vorhersehbar: Wenn die digitale Währung von Humaniq stärker wird, werden zusätzliche finanzielle, rechtliche und Ökosystem-Aspekte zu berücksichtigen sein. In diesen Fragen lässt sich Humaniq von Deloitte beraten. Um potenziellen Risiken für seine Währung entgegenzuwirken, hat Humaniq strenge Regeln für die Anzahl von Token aufgestellt, die eine Einzelperson oder eine juristische Person halten kann. Da jeder sich biometrisch ausweisen muss, kann niemand HMQ Token anonym besitzen. Durch diese Maßnahmen will man vermeiden, dass HMQ nicht einen ähnlich schlechten Ruf bekommt wie so manch andere Kryptowährungen, die als Mittel für Geldwäsche, Währungsmanipulation und Missbrauch gelten.

Schwerpunkt: Aufbau einer tragfähigen Community

Im Juli will Humaniq seine Dienste über Pilotprojekte in Afrika, Asien und Südamerika anbieten. Irgendwann soll der Service jedem an jedem Ort der Welt zur Verfügung stehen und den Austausch zwischen Industrie- und Entwicklungsländern erleichtern. So wird beispielsweise jemand, der in Deutschland arbeitet, über den Service Geld an seine Familie in Afrika schicken können. „Wir wollen sicherstellen, dass Humaniq nicht einfach eine App ist, sondern ein Ökosystem, das positive Veränderungen für die Menschheit bewirkt.”

Die Community spielt für Humaniq und seine Ziele eine bedeutende Rolle. Der erste Schritt für den Aufbau der Community war die erfolgreiche Ausgabe der Humaniq Token im Rahmen des ICO. „12.000 Menschen haben bei unserem Crowdfunding mitgemacht“, sagt Guarda. „Das ist in Sachen Teilnehmerzahl der größte erfolgreiche Crowd-Verkauf, den es je gegeben hat. Das bedeutet, dass wir bereits eine Community mit Leuten haben, die an uns und unsere Vision glauben. Das ist der erste Punkt“, sagt Guarda. „Der zweite Punkt ist, dass wir Botschafter auf der ganzen Welt haben – in über 50 Ländern. Wir unterhalten Büros in London, Luxemburg und Silicon Valley. Wir bauen die Community Schritt für Schritt auf.“

Die Botschafter – zum Teil einflussreiche lokale Persönlichkeiten – vertreten Humaniq an den Orten, an denen seine Services angeboten werden. Sie halten Infoveranstaltungen ab und fungieren als Bindeglied zwischen Service und Community. Bei den Mitarbeitern von Humaniq handelt es sich um ein buntes Volk aus hochkarätigen technischen Experten, die von allen Ecken der Welt stammen, unter anderem Cambridge, den USA, Deutschland, Italien, Nigeria, Ghana, Jamaika und Asien.

Für die Zukunft wünscht sich Guarda, dass Humaniq den sozialen Wandel in der Welt voranbringt. „Irgendwann einmal möchte ich sagen können, dass Humaniq Technologie zum Wohl der Menschheit eingesetzt und damit Milliarden von Menschen in die Weltwirtschaft integriert hat“, sagt er. „Wenn mir das gelingt, werde ich glücklich sein – und meine Kinder stolz auf mich.“

Bild via Shutterstock

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