In Zukunft spricht der Mittelstand VoIP

Feature | 16. November 2005 von admin 0

Mit VoIP hat die Digitalisierung der analogen Welt die Telefonie erreicht. VoIP beschreibt eine Technik, bei der Sprache digitalisiert und in Form von Datenpaketen mit Hilfe des Internet-Protokolls (IP) übertragen wird. In diesem Punkt unterscheidet sich die Technologie nicht nur von der analogen Technik, sondern auch von der digitalen Festnetztelefonie (ISDN), wo digitalisierte Sprache kontinuierlich mit einer festen Bandbreite über eine reservierte Leitungsverbindung zwischen den Gesprächspartnern übertragen wird. Derzeit gibt es mit H.323 und SIP (Session Initiation Protocol) zwei Standards, die miteinander konkurrieren. Nach Einschätzung von Experten wie Jochen Nölle, dem Herausgeber und Geschäftsführer des Informationsportals „VoIP-Info.de“, wird sich auf lange Sicht wohl SIP durchsetzen.

Der Milliardenmarkt

Laut einer Untersuchung der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte („Am Start. Auswirkungen von VoIP auf den deutschen TK-Markt“) ist VoIP besonders in puncto Kosteneinsparungen, höherer Flexibilität und Mehrwertdiensten (beispielsweise Unified Messaging) für die Unternehmen attraktiv. Ähnlich sehen das mehr als 250 Führungskräfte, die die Marktforscher von Economist Intelligence Unit (EIU) in Zusammenarbeit mit dem Netzwerkspezialisten AT&T weltweit befragt haben. Demnach setzen 43 Prozent der Unternehmen VoIP derzeit entweder bereits ein, planen die Einführung innerhalb der nächsten zwei Jahre oder testen die Technik. Gemäß dieser Studie sprechen Kosteneinsparungen, die Aussicht auf bessere Funktionalität und höhere Flexibilität für eine Umstellung auf VoIP-Technologie.
Nach Angaben der Unternehmensberatung Mercer Management Consultants ist allein im Jahr 2003 der Markt für Telefonanlagen, die zur Internet-Telefonie fähig sind, um 55 Prozent gewachsen. Die Unternehmen hätten klar erkannt, dass sie auf diese Weise ihre Telekommunikations-Investitionen zukunftsfähig machen können, heißt es in der Darstellung. Erhebungen von Deloitte haben ergeben, dass mittlerweile bereits rund 14 Prozent der Unternehmen in Deutschland das Internet für Telefonate nutzen. Die US-Marktforscher von Gartner erwarten für 2007 einen weltweiten VoIP-Umsatz von rund 3,6 Milliarden Euro. Einem vor kurzem im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Bericht zufolge investieren seit dem vergangenen Jahr kleine und mittlere Unternehmen besonders stark in die kommerzielle Nutzung der VoIP-Technologie.

Konvergente Netze, hohes Einsparpotenzial

Thorsten Wichmann, Geschäftsführer des Analystenhauses Berlecon Research, ist deshalb sicher, „dass sich Voice over IP langfristig durchsetzen wird.“ Die Integration von Sprache und Daten in einem Netz sei auf Dauer technisch effizienter und kostengünstiger als die unabhängig voneinander betriebenen Daten- und Telefonnetzwerke. „Durch die Nutzung des Internet Protocol sowohl für das Sprach- als auch für das Datennetz lassen sich Kosten sparen, Infrastrukturen vereinheitlichen und neue Arten der Integration von Telefonie und Anwendungen umsetzen. VoIP ist der traditionellen Telefonie damit technisch überlegen“, fasst Thorsten Wichmann zusammen.
So entfallen beispielsweise Installation und Pflege eines separaten Telefonnetzes sowie die Kosten für Telefonstandleitungen. Zudem tauchen bei klassischen Telefonanlagenlösungen oft Probleme mit der Skalierung auf. So müssen bei Expansion, Umzug oder der Eröffnung einer Niederlassung eigens neue Telefondosen installiert und Kabel verlegt werden. Das ist auf Grund der baulichen Gegebenheiten unter Umständen aber gar nicht so einfach. Eine VoIP-Lösung dagegen lässt sich an jedem PC-Arbeitsplatz anschließen. Mercer erwartet allein angesichts der geringeren Kosten für Telefonanlagen, Software und Service Einsparpotenziale von etwa 30 Prozent durch VoIP. Einen weiteren Pluspunkt führt Berlecon-Geschäftsführer Wichmann an: „Im Unterschied zu sehr großen Unternehmen können kleine und mittlere Firmen meist keine oder nur geringe Rabatte mit den herkömmlichen Telekom-Anbietern aushandeln.“

VoIP rechnet sich für den Mittelstand

Vor allem für mittelständische Unternehmen (rund 500 Mitarbeiter) mit mehreren Standorten und einem hohen Gesprächsaufkommen zahlt sich der Umstieg auf VoIP aus. Das Beratungsunternehmen Soreon Research ermittelte, dass Mittelständler dieser Größe über einen Zeitraum von fünf Jahren ihre Kosten mit einer reinen VoIP-Lösung um rund 31 Prozent und mit einer Integrationslösung immerhin noch um rund 29 Prozent senken können.

Im Gegensatz zur Mercer-Untersuchung geht Analystin Melanie Henke allerdings davon aus, dass die geringeren Gesprächskosten Haupttreiber der Einsparungen sind. Das deckt sich mit der AT&T-Studie: Für 47 Prozent der darin befragten Manager sind die prognostizierten Einsparungen durch niedrigere Telefonkosten der wichtigste Grund, um VoIP einzuführen. Daneben überzeugten die mit dieser Technik möglichen zusätzlichen Services in Form von Unified-Messaging-Funktionen (eine Mailbox für alle Sprach-, E-Mail- und Faxnachrichten) sowie die Möglichkeit, neue Anwender schnell und unkompliziert hinzuzufügen und Services umzuorganisieren.

Melanie Henke gibt jedoch zu bedenken, dass sich die Anschaffung einer reinen VoIP-Lösung erst nach einigen Jahren rechnet. Bisher übersteigen die Erstinvestitionen in reine VoIP-Lösungen die Anschaffungskosten für eine herkömmliche PBX-Lösung (Private Branch Exchange) oder eine Integrationslösung.

Hallo, wer spricht denn da?

Damit VoIP auf Dauer zum ernsthaften „Rivalen“ der Festnetztelefonie werden kann, ist eine exzellente Sprachqualität das A und O. Die zu erzielen ist nicht immer einfach, denn die Sprach-Daten-Pakete bewegen sich auf unterschiedlichen Wegen durch das Internet und konkurrieren mit anderen Datenanwendungen. Dabei kann es Probleme bei der Wiederherstellung geben, es kommt zu Qualitätseinbußen in Form von Knacken oder Rauschen oder gar zu Unterbrechungen. Das aber will kaum ein Kunde hinnehmen. Die Mercer-Berater kommen daher zu dem Schluss, dass der Weg zum Erfolg für VoIP nur über eine Verbesserung der Qualität und der Zuverlässigkeit mindestens auf Festnetzniveau führt. Doch genau hier sehen die Analysten noch Defizite.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine zwischen Mai und Juni 2005 durchgeführte empirische Studie des US-Beratungshauses Keynote Systems. Sie verglich die Qualität und Zuverlässigkeit von Festnetztelefonie (PSTN = Public Switched Telefone Network) und VoIP bei insgesamt sechs Telekommunikations-Anbietern in den USA. Schlüsselergebnis der Untersuchung: VoIP erreicht derzeit noch nicht die Qualität, welche die Anwender vom Festnetz gewohnt sind. Dem widerspricht eine umfangreiche Untersuchung von Deloitte (Getting off the ground: Why the move to VoIP is a decision for all CXO): „Sinkende Preise für VoIP-Geräte, bessere Sprachqualität, erweiterte Funktionalität und wachsende Erfahrung der Service-Anbieter haben die Technologie deutlich attraktiver gemacht“, heißt es dort.

Vorteile ausspielen

Einschränkungen in Sachen Qualität gelten allerdings nur für Gespräche über öffentliche Netze. In Unternehmen, die Voice over IP intern in einem WAN (Wide Area Network), LAN (Local Area Network) oder VPN (Virtual Private Network) nutzen, ist die Sprachqualität kein Thema mehr. Nach Analysen von Marktforschern wie Frost & Sullivan, IDC oder Techconsult haben viele Firmen in den letzten Jahren kräftig investiert, um ihre Geschäftsstellen oder Filialen im In- und Ausland über Netzwerke miteinander zu verbinden. VoIP ist deshalb für jede Firma interessant, die ihre Infrastruktur modernisiert hat oder entsprechende Planungen betreibt. Dort kann die Technologie künftig ihre Vorteile in puncto Konvergenz (Integration von Sprache und Daten) sowie Kosten voll ausspielen.

Dr. Andreas Schaffry

Dr. Andreas Schaffry

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