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Industrie 4.0: „Auf die Praxis konzentrieren“

Feature | 13. April 2015 von Andreas Schmitz 0

Keine Zeit gilt es zu verlieren, sondern direkt mit Industrie 4.0 beginnen: Logistik-Experte Professor Steffen Hütter von der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes rät Unternehmen, nicht länger Visionen zu entwerfen, sondern kleine Projekte auf den Weg zu bringen.

Herr Hütter, auf der Cebit 2015 haben Sie gezeigt, wie Produktion und Sensorik eine digitale Fabrik schaffen, deren Prozesse noch dazu in der Warenwirtschaft abgebildet werden. Ist das schon Industrie 4.0?

Hütter: Die Mission von Industrie 4.0 ist ja, sämtliche Maschinen und Sensoren sowie die zur Produktion relevanten Menschen zusammenzubringen. Zwar sind viele Maschinen mit Sensoren vollgestopft. Trotzdem sind sie oft noch eine Insel – sie kommunizieren also noch nicht. Echtes Industrie 4.0 sieht anders aus. Wenn etwa eine Maschine feststellt, dass der Bohrer verschleißt, bestellt sie selbst einen neuen, informiert per SMS die Instandhaltung und leitet die Bestellanforderung an das ERP-System weiter.

Viele Unternehmen befürchten, dass ihre Maschinen zu alt sind, ihre Systeme zu wenig vernetzt. Sie haben Angst vor Industrie 4.0. Wie kommt das?

Hütter: Unternehmen sind verunsichert, denn sie denken, dass sie alles in den letzten Jahren und Jahrzehnten Aufgebaute über den Haufen schmeißen müssten, gerade jetzt, wo sie die letzte Finanzkrise soeben überstanden haben. Dabei stehen wir gar nicht an der Schwelle zu einer neuen Revolution, die etwa vergleichbar wäre mit der Erfindung der Elektrizität oder Dampfmaschine.

SAP auf der Hannovermesse 2015 vom 13. bis 17. April: Wer digitale und physische Welt durchgängig verknüpft, gewinnt Raum für neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle. Die Themen.

Was macht Sie da so sicher?

Hütter: Die Entwicklungszyklen sind heute derart schnelllebig, dass gar nicht klar ist, ob Industrie 4.0 jemals erwachsen wird. Die simple Logik jedenfalls, dass man nun eine neue Technologie zur Verfügung habe, die man einsetzen könne wie die Elektrizität oder die Dampfmaschine, funktioniert nicht. Eine Dampfmaschine nutzt heute ja auch keiner mehr.

Was raten Sie Unternehmen, um ihre Scheu vor dem scheinbar komplexen Thema abzulegen?

Hütter: Die Aufklärung – das zeigt auch die Cebit – ist schon weitgehend geschehen. Das Thema ist viel diskutiert und soweit umrissen, was darunter zu verstehen ist. Unternehmen sollten klein anfangen und nicht versuchen, den Schalter von heute auf morgen umzulegen. Heute wird zu viel über Strategien und Visionen geredet. Industrie 4.0 muss auf die praktikable, operative Ebene. Was ist mein Ziel? Wie viel kostet es? Wie viel Zeit benötige ich dafür? Das sollten die Fragen sein, bevor ich in kleinem Maßstab die Vernetzung von Maschine, Mensch und IT vorantreibe. Auf jeden Fall sollte man nicht auf „den Standard“ warten. Der wird vielleicht irgendwann kommen und vieles einfacher machen. Nur ist er heute noch nicht da. Besser ist, heute schon zu beginnen und keine Zeit zu verlieren.

Auch wenn Unternehmen klein beginnen: Es werden jede Menge neuer Daten entstehen, die bewältigt werden müssen. Sind sie dafür gerüstet?

Hütter: Jede Art von Vernetzung bringt mehr Daten. Wenn nicht nur zwei, sondern drei Menschen (oder Maschinen) miteinander reden, entstehen überproportional mehr Informationen als vorher. Es entsteht mehr Komplexität. In der Vergangenheit mussten wir uns genau überlegen, welche Daten wir sammeln, ansonsten wäre uns die Hardware um die Ohren geflogen. Diese Überlegung spielt heute keine Rolle mehr. In einem Szenario, das meine Forschungsgruppe Qbing zusammen mit IT-Dienstleister Orbis auf einem SAP HANA-Testsystem gemacht haben, wurde das eindeutig bestätigt. „Data Welcome“ wäre wohl der passende Ausdruck dafür.

Wo könnten Sie sich einen sinnvollen Einsatz von Industrie 4.0 vorstellen?

Hütter: In der Elektrobranche nutzt etwa ein Unternehmen für den Kunststoffspritzguss RFID-Kennzeichnungen an Maschinen und Werkzeugen. Im Hallenlayout lässt sich auf dem Bildschirm in Echtzeit sehen, wo die jeweiligen Werkzeuge sich befinden. Sind künftig beispielsweise 1.000 Steckdosenleisten fertig, könnte automatisch eine Nachricht an den Staplerfahrer gesendet werden, der dann die fertigen Produkte abholt und auch gleich erfährt, wo er sie hinbringen soll. Doch der Einsatz ist nicht auf Fertigung und Produktion begrenzt. Nehmen Sie den Energiebereich – wenn ich als Verbraucher weiß, mit welchen Maschinen ich zu welcher Zeit Energie verbrauche, kann ich vielleicht in Zukunft die Waschmaschine nicht mehr am Tag, sondern am Abend oder in der Nacht laufen lassen und damit auch wirklich Geld sparen. Natürlich ist hier längst noch nicht alles ausreichend miteinander vernetzt. Selbst die digitalen Zähler an Heizungen sind nicht garantiert internetfähig. Natürlich sind auch ganz neue Geschäftsmodelle denkbar: Was spricht etwa dagegen, wenn meine Kfz-Werkstatt drei Tage bevor meine Autobatterie den Geist aufgeben wird, vor meiner Haustür steht und mir eine neue Batterie einbaut, die mein Auto zwei Tage vorher automatisch beim billigsten Online-Händler bestellt hat.

Sie sprachen davon, dass Industrie 4.0 vielleicht niemals erwachsen wird. Wie groß ist Industrie 4.0 schon?

Hütter: Auf jeden Fall steht noch eine ziemliche Entwicklung bevor. Aber wenn Sie mich so fragen: irgendwo zwischen Kindergarten und Grundschule.

Weitere Informationen unter: www.sap.de/hannovermesse

Bildquelle: Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät

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