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Industrie 4.0: Logistik-Plattformen werden kommen

Feature | 29. September 2014 von Andreas Schmitz 0

Der Ameisenalgorithmus ist das große Ziel aller Logistiker. Zunächst jedoch entstehen Plattformen, die auf Basis vereinbarter Standards die Spediteure und Transportunternehmen miteinander vernetzen.

Wenn Container autonom durch Netzwerke routen wie Datenpakete, dann noch in richtiger Reihenfolge irgendwann irgendwo ankommen und die dafür nötigen Algorithmen in globalen Netzwerken über Unternehmensgrenzen hinweg funktionieren, dann erst ist das für Michael ten Hompel Industrie 4.0. Der Professor an der Universität Dortmund und Leiter des Fraunhofer Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) ist Logistiker und Erforscher von Logistikketten. Bestenfalls funktionieren diese nach dem Vorbild des Ameisenalgorithmus. Demnach organisiert sich der Transportweg von Ameisen eigenständig durch die Weitergabe von Informationen. Nachdem alle Optionen der Lieferung ausgelotet sind, findet der Ameisenverbund letztlich eigenständig die optimale Wegstrecke. Und sämtliche Ameisen nutzen sie.

"Bestenfalls funktionieren logistische Ketten nach dem Vorbild des Ameisenalgorithmus", meint Michael ten Hompel, Professor an der Universität Dortmund und Leiter des Fraunhofer Instituts für Materialfluss und Logistik (IML).

“Bestenfalls funktionieren logistische Ketten nach dem Vorbild des Ameisenalgorithmus”, meint Michael ten Hompel, Professor an der Universität Dortmund und Leiter des Fraunhofer Instituts für Materialfluss und Logistik (IML).

Vision Ameisenalgorithmus: Noch reden Maschinen nicht miteinander

Mit Containern klappt das heute lokal schon ganz gut: „Nur die globalen Systeme sind noch nicht so weit“, meint der Mitherausgeber des Buches “Industrie 4.0 in Produktion, Automatisierung und Logistik” Michael ten Hompel. Nach einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens KPMG wird sich das bald ändern. Fast drei Viertel der für die Studie „Global Manufacturing Outlook 2014“ befragten Manager aus 460 Unternehmen gehen davon aus, dass Lieferketten in drei bis fünf Jahren über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg autonom funktionieren. Komplexe Algorithmen für die Selbstorganisation der Technik sowie hochentwickelte Systeme zur Analyse von großen Datenmengen sind dafür nötig.

„Maschinen werden auf Basis von Wissen in der Zukunft besser entscheiden“, bestätigt Nils Herzberg: „Bis sich jedoch die Systeme dezentral optimieren und miteinander reden, ist es noch ein weiter Weg“. Noch seien es die Geo-Lokatoren, die an den Containern befestigt sind, mit Hilfe derer der Mensch die „Ameisenpfade“ optimiere, meint Herzberg, der sich als Senior Vice President der SAP damit beschäftigt, wie entsprechende Lösungen positioniert und weiterentwickelt werden sollten, damit Kunden von Industrie 4.0 profitieren.

„Maschinen werden auf Basis von Wissen in der Zukunft besser entscheiden“, sagt Senior Vice President Nils Herzberg: „Bis sich jedoch die Systeme dezentral optimieren und miteinander reden, ist es noch ein weiter Weg“. Foto: SAP

Um die Logistikkette weiter nach vorne zu bringen, sieht Herzberg zunächst einmal eine bessere Verbindung unter denen, die sich schon aus preislichen Gründen keine vernetzte Industrie 4.0-Lösung leisten könnten. Speditionen mit ein paar LKWs etwa beschränken sich bis heute oft auf ihr Navigationssystem. Dabei sind jedoch Plattformen denkbar, die Kunden und Speditionen miteinander verbinden und auf denen etwa die nötigen Ortsinformationen und kalkulierte Ankunftszeiten einsehbar sind. Zudem sind individuelle Zusatzinformationen denkbar: Speditionen, die Spezialtransporter für die Lebensmittelbranche, die Chemischen Industrie oder im High-Tech-Sektor einsetzen, sind in der Lage, über die Temperatur in den Kofferfahrzeugen, dem Druck im Tankfahrzeug oder die Vibrationen während der Transporte von Servern – oder auch hochwertigen Flügeln – zu informieren.

Logistik: Globale und lokale Plattformen sind in der Mache

„Diese übergeordneten Angebote werden kommen“, ist sich Herzberg sicher, und sie werden so einfach sein, dass kaum Technikwissen dafür nötig sein wird. Denn letztlich liegt nicht nur die Technik in der Cloud. Der gesamte Service baut darauf auf. „Der Spediteur registriert sich, bezahlt einen Preis pro LKW und nutzt die verfügbaren Daten und Analysemöglichkeiten“, erläutert Herzberg, der entsprechende Plattformen nicht nur in der Logistik kommen sieht, sondern etwa auch Autoindustrie oder im Gesundheitssektor. Für eine globale Logistikplattform werden sich etwa Reedereien, Fluggesellschaften und Verbände auf entsprechende Standards einigen. Für Speditionen und die Bahn sind andere, regionale Angebote dann die bessere Wahl. Dass so etwas geht, beweist aktuell bereits der Pilot der Hamburg Port Authority und der SAP im Hamburger Hafen, in dem Speditionen, Containerterminalbetreiber, Parkplatzbetreiber und Hafenbetriebe demnächst ihre Transporte auf einer Plattform miteinander abstimmen und koordinieren. Je mehr Unternehmen sich an der Plattform beteiligen und je mehr Daten anfallen, umso wichtiger wird hier die schnelle und effiziente Analyse, die jetzt schon möglich ist.

In Umfragen sind immer wieder die gleichen Bedenken in Hinsicht auf Industrie 4.0 zu hören: In einer Trendumfrage unter deutschen Unternehmen durch den eco Verband der deutschen Internetwirtschaft gaben 94 Prozent der Befragten an, sich von der Technik überfordert zu fühlen und bemängelten übergreifende Standards. Auch die Marktforscher von IDC fanden heraus, dass jeder Dritte die Technik noch nicht für ausgereift hält und die Komplexität für schwer beherrschbar. Branchenspezifische Plattformen sind zwar noch ein Stück weit Zukunftsmusik, versprechen hier aber Abhilfe: Denn die Daten liegen in der Cloud, es fällt daher keine technische Betreuung an, die LKWs navigieren weitgehend eigenständig um Staus und Baustellen herum und durch die Einigung auf Standards gibt es keine Kompatibilitätsprobleme. Wenn auch die komplette Selbstorganisation noch nicht gleich zu Beginn zu machen sein wird: Die Vision eines funktionierenden Ameisenstaats in der Logistik ist zumindest näher gerückt.

Auf dem 2. Fachkongress Industrie 4.0: Praxis, Praxis, Praxis am 2. und 3. Dezember in Amberg gibt es mehr zum Thema – u.a. mit dem SAP-Workshop „Geschäftsmodelle 4.0“ moderiert von Marin Ukalovic, Industry Director Fertigungsindustrie, SAP Deutschland AG und Bernhard Stobitzer, Senior Value Engeneer, SAP AG.

 

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