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Innovation auf Rädern

2. September 2015 von Iris Nagel-Martin 0

Der Fahrradhersteller Canyon Bicycles bedient eine Nische in der Fahrradbranche. Weil die Geschäfte gut laufen, stellen sich die Koblenzer nun mit SAP-Software und einer modernen Fabrikhalle neu auf.

Sie denken schnell und sie sprechen schnell. „Und eigentlich haben wir gar keine Zeit, hier zu sein“, sind sich Barbara Wittmann und Lars-Eric Ebert schmunzelnd einig, als sie ihren Vortrag auf dem SAP Forum für den Handel in Mannheim im Juli 2015 präsentieren. Wittmann, Geschäftsführerin des SAP-Beratungsunternehmens Die Erste Geige GmbH, und Ebert, IT-Leiter bei der Canyon Bicycles GmbH, arbeiten gerade gemeinsam an der SAP-Implementierung beim Koblenzer Fahrradhersteller. Zum 1. Oktober 2015 will Canyon mit seinem neuen SAP-ERP-System live gehen. Klar, dass die beiden es eilig haben: „Wir stehen mitten im Projekt“, erklärt Ebert, „und eines ist sicher: Was wir machen, machen wir richtig gut.“

Der Fahrradhersteller Canyon Bicycles mit Sitz im rheinischen Koblenz erwirtschaftet seinen Umsatz zu 95 Prozent im Direktvertrieb, der Rest kommt über den Showroom des Firmensitzes. Die Wachstumsrate betrug in den letzten Jahren kontinuierlich 20 bis 40 Prozent. Verschickt wird weltweit. Den europäischen Markt hat Canyon bereits erschlossen, in USA und Asien schreitet das Geschäft stetig voran und bereits Ende des Jahres steht der Markteintritt in Down Under an. Kunden sind vor allem ambitionierte Hobby- oder Profiradfahrer. Die Räder der Rheinländer wurden in den letzten Jahren mit zahlreichen Designpreisen ausgezeichnet.

SAP-ERP-System als Allrounder

Im Herbst 2013 trafen die Radproduzenten die Entscheidung, SAP ERP einzuführen. Davor war noch MS Navision im Einsatz, womit man jedoch nicht mehr alle Themen umsetzen konnte. Datensilos und Redundanzen erschwerten die tägliche Arbeit. „Canyon Bicycles ist ein innovationsstarkes Unternehmen, doch die IT war bis dato noch mit dem Dreirad unterwegs“, beschreibt Wittmann den damaligen Zustand. Weil der Manufacturing-Anteil groß ist, entschied man sich bewusst für ein Standard-SAP-System. Hier lassen sich auch Canyon-spezifische Prozesse der separaten Logistik- und Montagesteuerungs-Systeme, also Nicht-SAP-Systeme, leicht anbinden.

Bislang lassen sich das SAP Portal sowie die HR-Systeme live nutzen. Die Gehaltsabrechnung funktioniert seit Januar 2015 mit SAP. Der Wareneingang läuft bereits, aber noch ohne die Qualitätsmanagementprozesse. Die Abbildung der Montage wurde im April gestartet. SAP BW on HANA wird derzeit angebunden sowie das SAP BI, „damit im technologischen Bereich erste Erfahrungen gemacht werden“, weiß Ebert. Denn: „Die Komplexität ist nicht per se weniger geworden.“ So besteht bislang auch noch der alte Webshop. Denn als kritischer Verkaufskanal, wollen die Koblenzer erst den Golive abwarten und den Webkanal später zuschalten. Kurz vor dem Golive wird der Versand zugeschalten. Das ist der Testlauf für die Migrationsdaten.

Klein, aber fein

Canyon und seine rund 700 Mitarbeiter schlagen damit ein neues Kapitel in der Unternehmensgeschichte auf. Viele müssen sich noch an den Fortschritt im Unternehmen gewöhnen. Für ein kleines Unternehmen mit so hoher Komplexität wie Canyon ist es wichtig, seine Mitarbeiter ernst zu nehmen und mitzunehmen auf die Unternehmens-Reise. „Wir investieren viel Zeit, um den Mitarbeitern die zukünftige Vision zu vermitteln. Denn es geht nicht nur um IT und Gebäude“, unterstreicht Ebert. In Factory-Touren können sich die Mitarbeiter umschauen und ausgiebig informieren. Das hilft, den Schritt der Expansion zu verstehen und nimmt die Angst, im zukünftigen Unternehmen nicht bestehen zu können. Zudem laufen seit Januar 2015 Mitarbeiterschulungen für die neue Software. Keyuser und Teilprojektleiter unterstützen darüber hinaus, sind die Mitarbeiter schließlich doch der Schlüssel zum Erfolg. „Unsere Mitarbeiter sind auch Innovatoren, von der Produktion bis in die IT-Abteilung hinein“, weiß Ebert. Die Mitarbeiter sind oft Kunden und ebenso agieren Canyon-Kunden oft als Innovatoren. „Wir wollen wissen, was der Kunde macht, dann können wir die Produkte auch besser platzieren. Mit der neuen Software lassen sich die Kunden noch näher an die Firma heranrücken“, erklärt der IT-Leiter.

Und Wittmann freut sich: „Das neue IT-System lässt sich an Produktinnovationen anpassen. IT und Business sind auf Augenhöhe.“ Und in der Produktinnovation passiert so einiges: Etwa, wenn es ähnlich den Connected Cars um ein Connected Bike geht. Hier wird das Fahrrad mit einer On-Board-Unit und Sensoren ausgestattet, die dann Daten in die Cloud senden. So müssen sich Kunden in Zukunft etwa nicht mehr kümmern, wenn das Rad in die Wartung muss. Oder ein Mountainbike-Fahrer verunfallt. Durch den plötzlichen Abfall der Geschwindigkeit merkt das Rad, dass ein Unfall passiert ist und kann jemanden rufen. Auch eine Vernetzung mit anderen Radfahrern in der Umgebung ist möglich, so dass sich etwa Routen teilen lassen. Das Fahrrad wird zum vernetzten digitalen Produkt.

Doch nicht alles ist Zukunftsmusik, und davor steht harte Arbeit: Retouren- oder Gutscheinprozesse werden genauso wichtig genommen wie eine funktionierende Produktion. „Ecommerce und unsere digitale Welt machen glauben, dass alles sofort möglich scheint, doch wir haben in der Produktion lange Vorlaufzeiten von bis zu 120 Tagen“, gibt der IT-Leiter zu Bedenken. Konfigurierbares Material und einsteuerbare Kundenaufträge erlauben eine große Vielfalt. Sechs länderspezifische Prototypen liefen schon. Zurzeit sind über 100 Schnittstellen offen, über zehn Dienstleister gilt es zu koordinieren. Der Vortrag ist zu Ende. Rasch packen Ebert und Wittmann ihre Sachen zusammen und machen sich auf den Heimweg. Das Projekt kann nicht warten.

 

Bildquelle: Canyon Bicycles

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