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Mit Digitalisierung zur intelligenten Lieferkette

Feature | 10. Oktober 2017 von Hans Thalbauer und Michael S. Goldberg 6

Durch die digitale Transformation ihrer Lieferkette können Unternehmen Technologien zur Personalisierung von Produkten implementieren, ihre Waren schneller auf den Markt bringen und steigende Kundenerwartungen erfüllen.

Noch zu Beginn dieses Jahrzehnts waren Führungskräfte in der Fertigungsbranche skeptisch, ob ihr Unternehmen von digitalisierten Prozessen profitieren kann. Studien zufolge glaubten nur 37 Prozent von ihnen, der Wandel zum digitalen Unternehmen könne ihren Umsatz ankurbeln. 25 Prozent waren der Meinung, der digitale Wandel werde in den nächsten fünf Jahren starke Auswirkungen auf ihre Branche haben. Und nur zehn Prozent arbeiteten an der Einführung digitaler Technologien, um ihre Geschäftsprozesse durchgängig zu optimieren.

Das war damals. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt.

Heute treiben Führungsetagen in Fertigungsunternehmen den digitalen Wandel immer schneller voran, wobei das Hauptaugenmerk auf der Lieferkette liegt. Das Jahr 2019 wird Forschern des Marktforschungsunternehmens IDC zufolge einen klaren Wendepunkt markieren: Bis dahin soll die Hälfte aller Unternehmen in der Fertigungsbranche von den Vorteilen einer digitalisierten Lieferkette profitieren.

Beispiele, wie Unternehmen die digitale Transformation ihrer Lieferkette vorantreiben

Richtig implementiert, steigern Technologien zur Digitalisierung der Lieferkette den Umsatz und verbessern die Servicequalität. Zudem helfen sie, die Kosten für Innovation zu senken und die Zeit bis zur Marktreife zu verkürzen. Dafür gibt es bereits heute zahlreiche Beispiele.

2018

90 Prozent aller Lieferketten sind über B2B-Handelsnetzwerke verknüpft. Blockchain-Technologien ermöglichen die dezentrale Zusammenarbeit zwischen Mitgliedern eines Netzwerks und haben damit das Potenzial, Transaktionen im Netzwerk der Lieferkette automatisch zu beschleunigen. Der Website CoinDesk zufolge setzt BHP Billiton, eines der weltweit größten Bergbauunternehmen, die Blockchain-Technologie bereits heute ein, um Daten automatisch mit Vertragspartnern zu teilen. So muss es nicht auf Excel-Tabellen zurückgreifen, sondern erhält Informationen direkt von Geologen und Zulieferern, die Proben aus der Förderung sammeln.

Investitionen in Produktionszentren und Microfactorys mit 3D-Druckern steigen um 500 Prozent. Ford testet aktuell 3D-Drucker für die Herstellung von Bauteilen. Dabei soll es sich zunächst um Kunststoffverkleidungen für den Fahrzeuginnenraum und Spoiler für Rennsportmodelle handeln. Durch die Technologie sollen Bauteile schneller bereitgestellt und Kosten für Montage- und Service-Prozesse gesenkt werden.

Daten: IDC

2019

Die Lieferkettenproduktivität und -effizienz steigt dank IoT-Sensoren um 30 Prozent. Das Internet der Dinge basiert auf einer Vielzahl von Sensoren, die große Datenmengen sammeln. Durch die Analyse und Auswertung dieser vielfältigen Daten lassen sich Produktivitäts- und Effizienzsteigerungen erzielen. Nach einem Modell von General Electric, das ursprünglich für Flugzeugtriebwerke entwickelt wurde, hat das Unternehmen Kaeser Kompressoren seine Druckluftkompressoren mit IoT-Sensoren ausgestattet, die als Zähler fungieren. Nun versorgt das Unternehmen seine Kunden mit Druckluft, anstatt ihnen Kompressoren zu verkaufen. Kaeser Kompressoren erschließt sich damit nicht nur ein neues Geschäftsmodell, sondern verbessert auch die Verfügbarkeit und Qualität der Services für seine Kunden. So ist in diesem Modell nicht der Kunde, sondern der Hersteller für die Wartung zuständig.

50 Prozent aller Lieferketten sind digitalisiert – die andere Hälfte gerät wegen überholter Geschäftsmodelle und Systeme in Verzug. Lokale Fabriken und kleine Lagerhallen sorgen dafür, dass Einzelteile künftig näher an dem Ort hergestellt und gelagert werden, an dem sie gebraucht werden. Insgesamt rücken sowohl der Produktionsprozess als auch das fertige Produkt näher an den Kunden. Adidas baut derzeit eine sogenannte „Speedfactory“ in Atlanta, die 2017 eröffnen soll. Ziel ist es, individualisierte Produkte schneller an amerikanische Kunden zu liefern, als dies bei einer Produktion in Asien möglich ist. In dem Werk in Atlanta, das nach dem Vorbild einer deutschen Fabrik entsteht, sollen Roboter eingesetzt werden, um Produktionsprozesse zu automatisieren. So können beispielsweise Schuhe mit individuellem Design hergestellt werden, die genau auf die Wünsche des Kunden zugeschnitten sind.

Daten: IDC

2020

50 Prozent der etablierten Lieferketten setzen künstliche Intelligenz und komplexe Analysen für Planung und Vorhersagen ein. Intelligente Systeme können schnellere und genauere Vorhersagen treffen als der Mensch. Der Geschäftsbereich Healthcare des Chemie- und Pharmaunternehmens Merck KGaA arbeitet laut The Wall Street Journal daran, Sensoren und intelligente Softwarealgorithmen zu entwickeln, die Einfluss auf seine Lieferkette nehmen können. Ziel dabei ist es, genauere Daten dazu zu erheben, welchen Erfolg Produkte auf dem Markt haben und den Planungsprozess zu beschleunigen.

50 Prozent aller Fertigungsbetriebe liefern direkt an den Kunden. Die Lieferkette von McDonalds reichte einst nur bis zur Restauranttür. Doch nachdem das Unternehmen in der Vergangenheit bereits Lieferservices in Asien und im Nahen Osten anbot, hat es nun ein Pilotprojekt gestartet, um diesen Geschäftszweig weiter auszubauen. In Florida tut es sich dafür sogar mit Digital Natives zusammen, die über den Dienst Uber Mitfahrgelegenheiten anbieten.

Daten: IDC

Digitale Energiequelle

Die digitale Transformation der Lieferkette birgt echte Chancen, doch auf dem Weg dorthin lauern viele Herausforderungen. Eine von SAP in Auftrag gegebene Studie des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Longitude zeigt, dass viele Firmen zwar augenscheinlich digitalisiert sind, ihre grundlegenden Betriebsprozesse wie die Lieferkette, Beschaffung und Logistik jedoch nach wie vor analog abwickeln. Diese Unternehmen geraten durch die Marktdynamik zunehmend unter Druck und riskieren, von digitalen Start-ups verdrängt zu werden.

Um die Transformation anzustoßen, müssen sie beginnen, analoge Prozesse in digitale Liefernetzwerke umzuwandeln – und zwar sofort. Natürlich benötigt jeder Betrieb eine eigene Digitalisierungsstrategie, doch es gibt einige Grundvoraussetzungen, die alle Unternehmen erfüllen müssen:

  • Stellen Sie die richtigen Fragen. Um zu vermeiden, dass Sie von einem Lean Start-up überholt werden, müssen Sie Ihre Betriebsprozesse ständig mit denen ihrer Wettbewerber vergleichen. Einem Artikel von Peter Weill und Stephanie Woerner in der Wirtschaftszeitschrift MIT Sloan Management Review zufolge sollten Sie sich folgende Fragen stellen: Haben Sie für Ihre Produkte einen digitalen Bestell- und Lieferprozess implementiert? Können Sie Daten einsetzen, um den Wert Ihrer Waren zu erhöhen? Gibt es andere Firmen, die Ihre Kunden bedienen und die Ihre Wettbewerber werden könnten? Gibt es ein digitales Angebot, das Ihre Produkte heute oder in Zukunft ersetzen kann?
  • Implementieren Sie die richtigen Datensysteme. Um Ihren Produktionsprozess zu optimieren, müssen an jeder Anlage in Ihrer Produktionsumgebung Daten sammeln – Sensoren, Maschinen, Betriebs- und Lagerausstattung, LKWs und sogar Produkte – und zwar in analysierbarer Form.
  • Setzen Sie auf Automatisierung. Durch Technologien, in denen maschinelles Lernen zum Einsatz kommt, werden Ihre Systeme intelligenter. So können Sie sich neue Chancen erschließen und die gewünschten Ergebnisse erzielen. Wird beispielsweise die Blockchain-Technologie auf Supply-Chain-Systeme angewandt, lassen sich Bestellprozesse so konfigurieren, dass sie unmittelbar abgewickelt werden können.
  • Berücksichtigen Sie alle Prozesse. Die Digitalisierung sollte alle Fertigungsprozesse vom Produktdesign und der Konfiguration bis hin zum Supply Chain Planning, der Produktion, dem Versand und dem Kundendienst umfassen.

Diese Prinzipien können als Ausgangspunkt für die Planung dienen – letztlich muss jedoch jede Geschäftsleitung selbst entscheiden, wie sie diese Elemente kombiniert, um eine erfolgreiche Digitalisierung zu gewährleisten. Viele Unternehmen setzen ihre Digitalstrategie bereits heute konsequent in die Tat um. Alle anderen sollten schon bald damit beginnen.

Der Artikel erschien ursprünglich im Digitalist Magazine.

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