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Was ist intelligente Mobilität?

Feature | 4. September 2017 von Andreas Schmitz 2

Möglichst schnell von A nach B gelangen: Um diesem Wunsch nachzukommen, gibt es inzwischen viele durchdachte Plattformen und intelligente lokale Angebote. Was fehlt ist ein „multimodaler Gesamtansatz“, so Erkenntnisse aus der „Roadmap Intelligente Mobilität“.

Wer von München nach Düsseldorf fahren möchte, kennt die Optionen: Er fährt mit dem eigenen Auto, kauft ein Zugticket bei der Bahn, bucht einen Flug oder sucht sich bei BlaBlaCar eine Mitfahrgelegenheit. So weit, so einfach. Wer nicht mit dem eigenen Auto fährt, steht nun vor der Frage, wie er zum Mitfahr-Treffpunkt, zum Bahnhof oder zum Flughafen kommt – mit dem Bus, der Straßenbahn, (my)Taxi, per Call a Bike, DriveNow oder Car2Go? Am Ankunftsort sind die Herausforderungen dann wieder die gleichen. Immer auch verknüpft mit der Frage, was es wohl kosten wird oder ob etwa der öffentliche Nahverkehr mit dem erworbenen Bahnticket abgedeckt ist. Zu guter Letzt entscheiden sich immer noch viele für die klassische Taxivariante. Wer mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs ist, muss sich mit Staus und Parkplatzsuchen auseinandersetzen.

Das Manko: Leuchtturmprojekte, aber keine Gesamtsicht

Mit der Vision einer intelligenten Mobilität hat diese Art zu Reisen wenig zu tun. Denn so gut die einzelnen Dienste auch sind: Die Plattformen funktionieren nur für sich gesehen, aber nicht zusammen. „Es muss ein gegenseitiges Verständnis für Geschäftsmodelle und Partner her“, fordert Professor Michael Ortgiese von der Fachhochschule Potsdam, der als Experte für Verkehrswesen an der Roadmap „Intelligente Mobilität“ mitgearbeitet hat, die die gleichnamige Fokusgruppe kürzlich herausgab. „Die Autoindustrie, der öffentliche Nahverkehr, die IT-Branche, die öffentliche Hand und die Politik: Alle haben sie ihre Sicht auf die Dinge, erfüllen andere Regularien und verfolgen andere Modelle.“ Die Roadmap Intelligente Mobilität definiert deshalb sieben Handlungsfelder, die Politik, Wissenschaft und Wirtschaft künftig gemeinsam angehen sollten. Darin geht es etwa um eine „verkehrsträgerübergreifende Koordination der Akteure“, eine bessere Interoperabilität der eingesetzten Systeme und einen verbindlichen rechtlich-regulatorischen Rahmen.

Die vier Kennzeichen der digitalen Mobilität

Grundlage für die Überlegungen bietet eine verbindliche Definition von „digitaler Mobilität“. Die Experten der Fokusgruppe haben vier Eigenschaften gefunden, die sie ausmacht:

1. Persönliche Daten wie etwa Geoinformationen von „Mobilitätsteilnehmern“ sollten erfasst und verwendet werden, um auf dieser Basis individuelle Angebote zu ermöglichen.

2. Nutzer, Verkehrsmittel und Infrastrukturen sollten vernetzt sein, so dass ein Austausch von Informationen möglich wird.

3. Verkehrsflüsse und Mobilitätsverhalten sollten in einem Gesamtsystem inter- und multimodal gesteuert werden können.

4. Digitale Technologien sollten zur Information, Planung, Nutzung und Steuerung von Verkehrsmitteln, Verkehrsinfrastrukturen und Verkehrsflüssen eingesetzt werden.

32 Mobilitätsprojekte als Basis

Dass diese Anforderungen technisch umsetzbar sind und komplexe Mobilitätsprojekte realisierbar, zeigen jene 32 Initiativen diverser Unternehmen, die in die Roadmap Intelligente Mobilität eingeflossen sind, darunter auch die folgenden beiden:

– SAP hat in der 8-Millionen-Stadt Nanjing in China Busse und Taxen mit Sensoren ausgestattet und die elektronischen Tickets mit RFID-Chips bestückt. An jedem Drehkreuz zur U-Bahn wird dessen Bewegung automatisch registriert. In Echtzeit werden diese 100 Millionen Informationen pro Tag auf einem zehn Meter hohen und zwölf Meter breiten Bildschirm dargestellt. Das Ziel ist zunächst, aus den vielen Bewegungen Muster zu erkennen und auf dieser Basis zu prognostizieren, wie sich der Verkehr – etwa nach Fußballspielen oder anderen Großveranstaltungen – entwickeln wird. Über die „My Nanjing App“ kann jeder Nutzer seine Wege selbst planen und etwa Sharing-Services für Räder an U-Bahnstationen mit nutzen.

– Mobilität betrifft allerdings nicht nur den Privatreisenden, sondern auch den Bereich Transport und Logistik. So setzt die Hamburg Port Authority inzwischen eine Plattform ein, die es ermöglicht, diverse am Geschäft im Hafen beteiligte Unternehmen wie Speditionen, Reedereien oder Terminalbetreiber miteinander zu vernetzen. Das Ziel besteht darin, die bestehende Infrastruktur intelligenter und effizienter zu nutzen und konkret das Be- und Entladen eines Containerschiffs mit 10.000 Containern so schnell wie möglich zu bewerkstelligen. Was bis dato „nur“ in Hamburg genutzt wird, könnte schon bald eine ganze Reihe von „Smart Ports“ entstehen lassen, die die in Hamburg eingesetzte SAP-HANA-Technologie nutzen.

Personenverkehr und Logistik gemeinsam denken

Personenverkehr wie Logistik müssen nach Ansicht von Verkehrsexperte Ortgiese zusammen gedacht werden: „Der Güterverkehr und die Logistik auf der einen Seite und der Personenverkehr auf der anderen Seite nutzen dieselbe Infrastruktur“, sagt Ortgiese, „gerade deswegen ist die Kooperation der Akteure enorm wichtig.“ Die Kunst wird darin bestehen, aus diesen und auch den 30 anderen analysierten Leuchtturmprojekten zu lernen. Verkehrsexperte Ortgiese geht es um nicht mehr als ein Grundverständnis über „intelligente Mobilität“: „Das ist nötig, um das Thema zum Fliegen zu bringen.“ Denn bisher mangelt es noch daran, „gemeinsame Geschäfts- und Betriebsmodelle zu finden, die sowohl lokal als auch übergreifend funktionieren.“

Ob es das „Portal für alle“ eines Tages wirklich geben wird, ist ungewiss. Die Deutsche Bahn jedenfalls betreibt bereits ein Auskunftsportal, das deutschlandweit im Einsatz ist. „Was spricht eigentlich dagegen, es durch regionale Car- oder Ridesharing-Angebote und andere Mobilitätsdienste anzureichern?“, fragt Ortgiese. Einen Versuch ist es wert, auch für die Reisenden von Berlin nach Düsseldorf.

Weitere Informationen:

In der Roadmap Intelligente Mobilität hat die Fokusgruppe Intelligente Mobilität 7 Handlungsfelder definiert.

Erfahren Sie im folgenden Video mehr über die aktuellen Entwicklungen des Smart Port in Hamburg:

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