Erfolgsmodell des deutschen Mittelstands

Feature | 4. Oktober 2007 von admin 0

Der Mittelstand als Gewinner der Globalisierung – auf welche Unternehmen beziehen Sie diese These?

Venohr: Mittelstand ist nicht gleich Mittelstand. Man kann den kleinen Einzelhändler an der Ecke ebenso dazuzählen wie ein Unternehmen mit mehreren 100 Millionen Euro Umsatz. Von der Globalisierung profitiert vor allem der „gehobene“ Mittelstand. Das sind international aktive Firmen mit einem Jahresumsatz zwischen 50 Millionen und einer Milliarde Euro. Im industriellen Sektor gibt es in Deutschland rund 3200 von ihnen. Firmen wie Dorma für Türschließtechnik, Rational mit Garsystemen für Küchen oder Krones als Hersteller von Verpackungsmaschinen sind der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt, aber haben in ihren Marktsegmenten Weltmarktanteile von 50 Prozent und mehr.

Ist diese Gruppe von Unternehmen in Deutschland besonders ausgeprägt?

Venohr: Die Breite und Leistungskraft der mittelständischen Unternehmenslandschaft in Deutschland ist einzigartig. Etwas Vergleichbares gibt es noch in der Schweiz und Österreich. Ich habe Anfragen aus zahlreichen europäischen Ländern wie Frankreich, Irland und Belgien erhalten. Dort wollen Unternehmen vom deutschen Mittelstand lernen, wie man sich von einem Hochkostenstandort aus im harten Globalisierungswettbewerb behaupten kann.

Welche Chancen bieten sich dem gehobenen Mittelstand durch die Globalisierung?

Venohr: Zum einen können diese Firmen verstärkt auf Märkten wie China, Indien, oder Russland aktiv werden, die bis vor kurzer Zeit noch abgeschottet waren. Die Angebotspalette vieler deutscher Mittelständler passt hervorragend zum Nachfrageprofil dieser Länder. Dort lassen sich Qualitätsprodukte für den Ausbau der Infrastruktur ebenso gut verkaufen wie Premium-Gebrauchsgüter für die stark wachsende Oberschicht. Begünstigt wird das weltweite Engagement des Mittelstands auch dadurch, dass die Transport- und Informationskosten stark gesunken sind.

An welchen Kriterien lässt sich die Leistungsfähigkeit deutscher Mittelständler auf dem Weltmarkt festmachen?

Venohr: Die 3200 Firmen des gehobenen Mittelstands sorgen für rund 30 Prozent des gesamten deutschen Exportes. Davon gehören etwa 1300 weltweit zu den drei führenden Unternehmen in ihrem Marktsegment. Diese Firmen legen bei Umsatz und Ertrag seit vielen Jahren überdurchschnittlich zu, zweistellige Zuwachsraten sind die Regel.

Gibt es ein Geheimnis dieses globalen Erfolgs?

Venohr: Ich führe den Erfolg auf ein ganz besonderes Managementmodell „Made in Germany“ zurück. Es besteht aus für den deutschen Mittelstand typischen Strategien, Führungsstrukturen und Prozessen.

Wie sieht dieses Modell aus? Welche Strategien verfolgen die Mittelständler?

Venohr: Die Unternehmen dominieren Marktnischen weltweit. Dazu entwickeln sie qualitativ hochwertige Produkte und Dienstleistungen, von der Werkzeugmaschine über Küchengeräte bis hin zu Software. Dahinter steckt Innovationskraft, und die fällt nicht vom Himmel. Deshalb sind die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung von mittelständischen Weltmarktführern weit überdurchschnittlich, sie liegen mehr als zweimal so hoch wie international branchenüblich. Dabei profitieren die Unternehmen auch von der langjährigen Zusammenarbeit und dem Wissenstransfer mit Lieferanten und wissenschaftlichen Einrichtungen am eigenen Standort.

Hinzu kommen große Akribie und ein langer Atem beim Aufbau weltweiter Vertriebs- und Servicenetze. Bevorzugt wird, wann immer möglich, der direkte Kundenkontakt über eigene Niederlassungen. Das sichert Top-Service und ist eine unerlässliche Quelle für Innovationen.

Welche Rolle spielen die Führungsstrukturen?

Venohr: Bei den erfolgreichen deutschen Mittelständlern dominiert eine Struktur, die ich als „intelligenten Familienkapitalismus“ bezeichne. Die Unternehmen befinden sich in Familienbesitz, werden aber ab der zweiten Generation oft durch familienfremde Manager geführt. Diese Konstellation ist in Deutschland im Vergleich zu Ländern wie den USA, England oder Frankreich überdurchschnittlich häufig anzutreffen. Sie vereint die Vorteile des Privatbesitzes wie langfristige Orientierung und Unabhängigkeit von kurzfristigen Kapitalmarkterwartungen mit modernen Führungsmethoden. Damit wird eine Achillesferse des „klassischen“ Familienunternehmens überwunden, nämlich fehlende Managementkompetenz der auf die Gründer folgenden Generationen.

Und welche Prozesse komplettieren das Managementmodell „Made in Germany“?

Venohr: Nicht nur die Produktqualität ist entscheidend, sondern auch Spitzenleistungen in den Kernprozessen des Unternehmens, von F+E über Produktion bis Marketing, Vertrieb und Service. Die erfolgreichen Mittelständler haben die Prinzipien des Total Quality Management zur fortwährenden Verbesserung all dieser Prozesse vorbildlich verinnerlicht.

Welche Bedeutung hat IT für mittelständische Unternehmen in der Globalisierung?

Venohr: Weltweit vereinheitlichte und IT-gestützte Unternehmensprozesse spielen eine sehr wichtige Rolle. Bei kleineren Mittelständlern kann noch „auf Sicht“ geführt werden, der Unternehmer geht durch den Betrieb und sieht die Probleme. Gibt es mehrere internationale Standorte, sind klar definierte und einheitliche Prozesse entscheidend, sonst geht sehr schnell die Kontrolle verloren und Effizienzverluste drohen. Die globale Standardisierung der Prozesse stellt auch eine gleich bleibend hohe Produktqualität und den immer wichtiger werdenden Austausch der „Best Practices“ zwischen den Standorten sicher. Hier hilft die Leistungsfähigkeit der deutschen Software-Industrie. Deutschland, und nicht die USA, wie viele vermuten, ist Weltmarktführer im Export von Software. Neben SAP gibt es eine Vielzahl hoch spezialisierter Softwarehäuser, zum Beispiel im Logistik- oder Fertigungsbereich.

IT spielt auch eine immer bedeutendere Rolle für das Angebot zusätzlicher Dienstleistungen, etwa die Fernwartung von Anlagen über das Internet. Ganz wichtig ist das Internet auch als Vertriebsweg, gerade für kleinere Unternehmen. Ich kenne zum Beispiel ein Hamburger Kleinunternehmen mit zwei Mitarbeitern, die Firma Windpilot. Sie vertreibt ihre Produkte ausschließlich über das Internet und ist Weltmarktführer bei Windfahnen für Segelboote.

Was hat Ihr Interesse am Mittelstand als Forschungsobjekt geweckt?

Venohr: Als Berater habe ich Strategien für Großunternehmen und Mittelständler entwickelt, später habe ich einen Venture Capital Fund geleitet und dabei auch Start-Ups kennen gelernt. Von diesen drei Unternehmenstypen fand ich die Mittelständler besonders spannend, mit ihren speziellen Führungsmodellen und herausragenden Produkten und Dienstleistungen, gepaart mit einem großen Leistungswillen, der alle Unternehmensprozesse durchzieht. Außerdem wurde der Mittelstand in der Forschung bisher eher spärlich beleuchtet, vor allem weil viele dieser Unternehmen noch im Privatbesitz sind und ihre Zahlen sehr zurückhaltend offen legen. Das ist ein lohnendes Feld für wissenschaftliche Pionierarbeit.

Weitere Informationen unter www.deutscheweltmarktfuehrer.de.

Leave a Reply