„Der übliche Weg ist selten der beste“

Feature | 10. Oktober 2007 von admin 0

Sie haben viele Talente. Was ist denn Ihr Beruf?

Ferriss: Um endlosen Debatten vorzubeugen, würde ich auf einer Cocktailparty sagen, ich bin Schriftsteller. Wenn mich jemand fragt, „was machen Sie?“, wäre meine Antwort, ich überprüfe und experimentiere mit Annahmen. Durch Schreiben will ich vor allem die Ergebnisse dieser Tätigkeit festhalten. In den vergangenen Jahren habe ich mich schwerpunktmäßig damit befasst, meinen eigenen Denkprozess zu erforschen und Annahmen zu überprüfen. Ich habe beispielsweise Forschungen über Unternehmensprozesse, die Produktauswahl, wissenschaftliche Erkenntnisse zum Ausgleichssport oder auch über das Thema “Rendezvous” angestellt. Da der übliche Weg selten der beste ist, überprüfe ich ununterbrochen bestehende Annahmen.

Der Titel ihres jüngst erschienenen Buches legt dem Leser eine Vier-Stunden-Woche nahe. Ganz im Ernst, wie viele Stunden pro Woche arbeiten Sie?

Ferriss: Die minimale Stundenanzahl, die ich benötige, um eine Wirkung zu erzielen. Ich arbeite für meine gewinnbringenden geschäftlichen Unternehmungen weniger als zwei Stunden pro Woche.

Üblicherweise arbeitet man 40 Stunden pro Woche oder sogar mehr. Was ist aus Ihrer Sicht in großen Unternehmen der größte Zeitfresser, und wie schafft man da Abhilfe?

Ferriss: Der größte Zeitfresser ist sicher die E-Mail-Kommunikation. Die umfassende Antwort auf Ihre Frage lautet jedoch: Die größten Zeitfresser sind Dinge, die nicht quantifiziert sind. E-Mails sind deshalb so heimtückisch, weil sie eine zielgerichtete Bewegung simulieren, ohne dass sie einen Fortschritt erzeugen. Es ist äußerst wichtig, das gewünschte Ergebnis vorher festzulegen. Das ist der vielleicht wichtigste und am häufigsten vernachlässigte Schritt auf dem Weg zum Erreichen eines Ziels. Messbare Etappenziele und Metriken für jeden Mitarbeiter eines Unternehmens sind ein absolutes Muss. Sie werden sogar zunehmend zur Voraussetzung, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können.

Sie schlagen unter anderem vor, dass Unternehmen Tätigkeiten ausgliedern, die nicht zu ihren Kernkompetenzen gehören. Wie können weltweit agierende Firmen die Balance zwischen ausgelagerten und unternehmensinternen Aufgaben halten?

Ferriss: Meine Ansicht nach wird die Ausgliederung von Tätigkeiten in Zukunft der Normalfall und nicht mehr nur eine Option sein. Ich meine damit allerdings nicht unbedingt das Outsourcing nach Bangalore oder Estland, sondern grundsätzlich die Ausgliederung „aus dem Unternehmen“. Man sollte Tätigkeiten abtrennen, die nicht zur Kernkompetenz gehören. Dabei geht es nicht nur um das klassische Outsourcing. Je stärker die Ausgliederung zu einer anerkannten Geschäftspraxis wird, desto mehr wird dieses Thema Gegenstand der öffentlichen Debatte. Dadurch wird weltweit mehr Infrastruktur entstehen. Dies um so mehr, weil neue Branchen Dienstleistungen und Produkte entwickeln, die ausschließlich als unterstützende Infrastruktur für eine Ausgliederung gedacht sind. Je mehr Infrastruktur weltweit existiert, desto mehr Möglichkeiten haben auch die Wettbewerber. Und je mehr Möglichkeiten die Wettbewerber haben, desto mehr muss sich das Unternehmen auf seine Kernkompetenzen konzentrieren. Je stärker ein Unternehmen im virtuellen Raum arbeitet, desto mehr muss es sich von seinen Ergebnissen – und weniger von seinen Tätigkeiten – leiten lassen.

Wie verhindert man am besten, von Informationen überflutet zu werden?

Ferriss: Ich habe „The 4-Hour Workweek“ geschrieben, weil ich unter totaler Erschöpfung litt. Man kann sich das Leben recht leicht einfacher machen. Aus einem Schuldgefühl heraus rotieren wir jedoch meistens weiter. Das verschleiert oft, dass uns die Prioritäten fehlen. Am wichtigsten ist es für mich, folgende Frage zu beantworten: Welche ist die eine Tätigkeit, die ich erfolgreich erledigen muss, um am Ende des Tages zufrieden zu sein?

Wenn man seine Arbeit kaum bewältigen kann, hat man seine Prioritäten nicht präzise genug gesetzt. Prioritäten müssen kontinuierlich überdacht werden. Den überdurchschnittlichen Erfolg werden Unternehmen haben, die die Wirkung ihrer Kernkompetenzen verstärken können. Dazu müssen sie Prioritäten setzen und Tätigkeiten ausgliedern, die nicht zu den Kernkompetenzen gehören. So eliminiert man den von diesen Tätigkeiten verursachten Zeitverbrauch. Mit anderen Worten: Je weniger Informationen man aufnimmt, desto stärker kann man sich darauf konzentrieren, seine Vorhaben zu verwirklichen.

Welche Rolle spielt die Technologie in Ihrem täglichen Leben?

Ferriss: Sie ermöglicht es mir vor allem, Messgrößen wie Ertrag pro Mitarbeiter, Kosten pro Auftrag, durchschnittlicher Auftragsumfang oder geschätzter Wert pro Kunde für die Dauer der Kundenbeziehung zu erfassen und zu überwachen. Ich erhalte in meiner virtuellen Infrastruktur stündliche, tägliche, wöchentliche und monatliche Arbeitsberichte aus sämtlichen Abteilungen. Dadurch bekomme ich messbare Größen an die Hand. Diese Metriken wende ich dann auf Dinge an, die ansonsten schwer zu erfassen sind und über die man sonst schwer eine Entscheidung treffen kann.

Wie entsteht Innovation – wird sie eher von der Technologie oder eher von Menschen vorangetrieben?

Ferriss: Innovationen werden immer von Menschen vorangetrieben. Meiner Ansicht nach ist Technologie lediglich ein Instrument zum Lösen praktischer Probleme. Eine effektive Lösung muss nicht immer kleiner, schneller oder mit mehr Funktionen ausgestattet sein. In unserer Welt der zunehmenden Spezialisierung werden die Menschen und Unternehmen profitieren, die Antworten aus verschiedenen Disziplinen zusammenführen können.

Für Innovationen gelten in jeder Branche die gleichen allgemeinen Prinzipien. Ein Softwareingenieur kann beispielsweise viel von einem Designunternehmen lernen. Diese Designer können andererseits genauso von einem Buch wie „Der Pragmatische Programmierer“ profitieren. Beim Innovationsprozess und bei der Entscheidungsfindung können sich verschiedene Industriezweige gut gegenseitig befruchten. Mich wundert, dass das noch so selten geschieht.

Welche Rolle spielt das Risiko bei der Entscheidungsfindung?

Ferriss: Ich gehe nie ein Risiko ein. Viele Menschen denken, dass ich angesichts meiner Hobbys und anderer Dinge, die ich tue, das Risiko liebe. Für mich bedeutet Risiko aber die Möglichkeit eines unumkehrbaren negativen Ergebnisses. Ich denke jedoch sehr analytisch und quantifizierend. Ich treffe eine Entscheidung praktisch immer auf der Grundlage vorliegender Daten. Ich entscheide sehr selten, ohne eine Informationsgrundlage zu haben, und ich entscheide praktisch nie entgegen der vorliegenden Informationen. Aus dem Grund mag ich keine Glücksspiele.

Ihre Ideen sind in der Geschäftswelt ziemlich neu. Wer hat Sie am stärksten inspiriert?

Ferriss: John Buxton, der Ringkampftrainer an meiner Schule. Er ist für mich eine dauerhafte Inspiration, weil er vor allem Prinzipien und weniger Techniken oder Taktiken lehrte. Er war sehr gut darin, komplexe Fragestellungen aufzugliedern. Er konzentrierte sich auf die grundlegenden Prinzipien, die seine Schüler dazu befähigten, in ungewohnten Situationen zu improvisieren, statt große Mengen an Informationen und Techniken anzusammeln. Außer in der Wissenschaft und im Bereich des Rechts kann man sämtliche Regeln sehr weit auslegen oder brechen, ohne dass man sich deshalb gleich unethisch verhält.

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