Die Einstellung zählt

Feature | 5. September 2007 von admin 0

SOA kann auch mittelständischen Unternehmen dabei helfen, ihre Ertragskraft zu steigern und dynamisch und flexibel zu wachsen. Zudem können Unternehmen besser auf Nachfrageschwankungen reagieren, so die Einschätzung von Jacobson. Der IT-Experte geht davon aus, dass vor allem die größeren Mittelständler mit Umsätzen von 250 Millionen bis einer Milliarde Dollar SOA in Kürze einführen werden. Firmen mit weniger als 50 Millionen Dollar Umsatz dürften sich zunächst noch zurückhalten. Im Gespräch mit SAP INFO online erläutert Jacobson, wie die Unternehmen von SOA profitieren können.

Herr Jacobson, wie sollte ein kleines oder mittleres Unternehmen an SOA herangehen?

Jacobson: SOA sollte als Projekt angegangen werden, nicht wie eine neue Anwendung. Denn schließlich handelt es sich bei SOA um ein Architekturkonzept, das eine oder mehrere Anwendungen umfassen kann. Dabei kommt es bei der Einführung vor allem auf die IT-Anbieter an: Sie müssen den Mittelständler von den Vorteilen und den Nutzen einer SOA überzeugen. Die Anbieter müssen zeigen, dass SOA die Chance bietet, neue Geschäftsprozesse zu gestalten, ohne dass dafür größere IT-Investitionen notwendig wären oder die Geschäftsabläufe erheblich gestört würden.

Wie kann ein kleines Unternehmen von SOA profitieren?

Jacobson: Nehmen wir als Beispiel einen Wasserskihersteller. Er erhält seine Rohstoffe von Lieferanten und vertreibt seine Produkte über Einzelhandel und Internet. Ein solches Unternehmen könnte einen neuen Geschäftsprozess entwickeln, der es den Vertriebsmitarbeitern ermöglicht, Rabatte anzubieten. Konkret könnte ein Außendienstmitarbeiter dann mit Hilfe von Web-Services oder einer SOA-Anwendung entsprechende Daten aus verschiedenen Backend-Systemen abrufen und einem Händler sofort aus einem Web-Portal heraus einen Rabatt anbieten. Zudem könnte er den Manager unverzüglich über das Angebot informieren und die Genehmigung anfordern. SOA würde ein solches Unternehmen somit beweglicher machen.

Ist eine SOA-Investition für kleine Unternehmen nicht zu kostspielig?

Jacobson: Jedes Unternehmen muss sich irgendwann darüber Gedanken machen, wie es mit Hilfe von Web-Services Daten aus älteren Anwendungen weiter bereithält oder neue Geschäftsprozesse entwickelt. Kleine Unternehmen sehen sich außerdem zunehmend mit der Situation konfrontiert, dass SOA zu Ihnen durchgereicht wird: beliefert der Mittelständler einen großen Markenartikler oder Originalgerätehersteller (OEM), muss er gegebenenfalls in den Aufbau einer SOA investieren, um in die Wertschöpfungskette eingebunden zu bleiben. Viele große Unternehmen haben eine Menge Geld investiert, um die Nachfrage ihrer Kunden besser vorherzusagen. Von ihren Lieferanten erwarten die Großunternehmen dann, dass sie diese Nachfrage auch befriedigen können – und zwar in kürzester Zeit.

Welche weiteren Anreize gibt es für kleine oder mittlere Unternehmen, in SOA zu investieren?

Jacobson: Hier muss man zwischen verschiedenen Ausgangspositionen unterscheiden. Viele Unternehmen haben enorm viel in ältere Datenquellen investiert. Einen kompletten Ersatz können sie sich nicht leisten, möchten aber dennoch aufrüsten und eine neue Benutzeroberfläche einführen oder ihre Daten transparenter machen. Kurz: Sie wollen neue Geschäftsprozesse, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Andere Unternehmen sind davon überzeugt, bereits eine erstklassige IT-Strategie zu fahren. Folglich sind sie nicht bereit, in neue Anwendungen zu investieren. Dennoch wollen sie neue Geschäftsprozesse konfigurieren und einführen. Und schließlich gibt es noch Unternehmen, die ihre Handelspartner in bestimmte Geschäftsprozesse einbinden möchten.

Welche Prozesse werden kleinere Unternehmen mit SOA abbilden?

Jacobson: Fertigungsunternehmen werden SOA sicherlich für die Kommunikation mit Lieferanten und die Bereitstellung von Daten über Portale nutzen. Dabei kann SOA im ersten Schritt einfache Prozesse wie die Bestandsauffüllung unterstützen. Denkbar ist aber auch der Einsatz bei einer komplexeren Anwendung, wie dem Aufbau eines umfassenden Portals, das den Lieferanten Einblick in die aktuellen Lagerbestände und Workflow-Prozesse gewährt und damit für reibungslose Abläufe innerhalb der Lieferkette sorgt.

Verfolgen kleine Unternehmen mit SOA dieselben Ziele wie große Unternehmen?

Jacobson: Kleinere Unternehmen verfolgen beispielsweise das Ziel, immer die für ihre Branche bestmögliche Funktionalität im Einsatz zu haben. Im Gegensatz zu größeren Unternehmen verfügen sie aber häufig nicht über das IT-Personal oder die organisatorischen Ressourcen, um eine Architektur mit Best-of-Breed-Funktionalität aufzubauen. SOA hilft ihnen in diesem Fall, ihre IT-Landschaft schnell und flexibel an ihr Wachstum anzupassen. Auch die Senkung der Gesamtbetriebskosten ist ein Anreiz. Darüber hinaus können auch kleine Unternehmen kostensparende Prozesse entwickeln oder bestehende Anwendungen verwalten und pflegen. Langfristig rechnet es sich ebenfalls, eine SOA aufzubauen, da mit einer solchen Architektur künftig keine kostspieligen Upgrades mehr anfallen.

Ist es für kleine Unternehmen schwierig, die TCO zu bestimmen?

Jacobson: TCO ist ein schwammiger Begriff, der vor allem von Softwareanbietern oft und gerne bemüht wird. Dabei sind die Methoden zur Ermittlung der TCO häufig fragwürdig. So beschränken sich manche Anbieter auf den Personalbestand als TCO-Kennzahl. Andere betrachten ausschließlich Wartung und Upgrades. Für kleine Unternehmen ist die TCO jedoch nicht unbedingt von Bedeutung. In einem Unternehmen mit 50 bis 100 Mitarbeitern besteht die IT-Abteilung aus zwei oder drei Leuten, daneben gibt es vielleicht noch einen Buchhalter oder eine Büroleiterin. Für diese Leute spielt die langfristige TCO der Anwendungen kaum eine Rolle. Sie möchten vielmehr sicher sein, dass diese zuverlässig funktionieren. Doch bereits bei Firmen mit einem Umsatz von rund 500 Millionen Dollar arbeiten in der IT-Abteilung in der Regel echte Spezialisten, die auch schon an Großprojekten mitgewirkt haben. Diese Leute wissen, wie viel Zeit oder Geld für Fehlerbehebung oder einfache Wartung benötigt wird und beziehen diesen Umstand in die TCO-Kennzahlen ein.

Was ist für kleine Unternehmen die größte Herausforderung, wenn sie SOA einführen wollen?

Jacobson: Die größte Herausforderung ist die richtige Einstellung. Die Unternehmen müssen sich von der Vorstellung verabschieden, mit SOA eine neue „Funktionalität“ zu kaufen. Stattdessen ist die Einführung eine Investition, die mehr Dynamik, Effizienz und nicht zuletzt auch eine bessere Zusammenarbeit mit den Geschäftspartnern ermöglicht. In manchen Fällen bauen die Unternehmen einfach einen Hub oder Bus ein, der anwendungsübergreifend eingesetzt wird und das Zusammenspiel von Transaktionen aus verschiedenen Datenquellen unterstützt. Wer zum Beispiel eine CRM-Anwendung hat, die von den Bestands- und Versandanwendungen sowie von Fakturierung und Routing getrennt ist, kann SOA dazu nutzen, Echtzeitinformationen über Kundenaufträge bereitzustellen. Das Unternehmen steigert hierdurch seine Effizienz, ohne die betroffenen Prozesse tiefgreifend verändern zu müssen. Zudem braucht sich niemand Sorgen wegen der Kosten und der Sicherheit neuer Anwendungen, Systeme oder Prozesse zu machen.

Wie sieht es mit SOA bei Unternehmen mit einer zentralen ERP-Lösung aus?

Jacobson: Nehmen wir an, ein Unternehmen hat eine ERP-Anwendung, die auf einer sehr alten, nicht skalierbaren Infrastruktur läuft. In diesem Fall kann das Unternehmen via SOA auf die Alt-Daten zugreifen. Die IT-Leute entwickeln dann neue Transaktionen für die Pflege dieser Datenquelle oder setzen eine komplexere ERP-Anwendung auf der alten auf, die als Datenbank oder Hub fungiert. Die meisten ERP-Anbieter unterstützen inzwischen SOA, weil ihre Tage ansonsten zweifellos gezählt wären.

Wie sollen kleinere Unternehmen bei der SOA-Einführung vorgehen?

Jacobson: Kleine Unternehmen sollten als erstes die Kosten genau prüfen. Vor allem Berater und Integrationsdienstleister kosten häufig viel Geld. Wie bereits erwähnt, muss die TCO-Analyse wirklich auf das Unternehmen zugeschnitten sein. Was immer im Hinterkopf bleiben sollte: SOA ist keine Big-Bang-Einführung, sondern ein Projekt, das sich kontinuierlich weiterentwickelt – als Grundlage für erfolgreiches Wachstum.

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