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IoT-Standards: “Wir müssen noch viel dafür investieren.”

Feature | 24. Oktober 2016 von Stefan Weinzierl 3

Standards für das Internet der Dinge, die Cloud als Option und Mut zu mehr Kreativität im Unternehmen: Oliver Edinger, verantwortlich für IoT/Industrie 4.0 bei SAP, im Interview.

Horizontal und vertikal vernetzte Systeme gelten als Basis für das Internet of Things (IoT) im Unternehmen, was wiederum als Problem gilt. Haben die Unternehmen tatsächlich derartig verschiedene Systeme im Einsatz?

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Oliver Edinger, Vice President und Head of IoT / Industrie 4.0 Germany bei SAP, sieht den deutschen Maschinenbau beim Internet of Things auf einem guten Weg. – Bild: Weinzierl

Im kaufmännischen Bereich gibt es zwischen vielen Systemen im Unternehmen bereits Verbindungen und die Heterogenität der Systeme ist dank einer weiten Verbreitung von Business Suiten, wie zum Beispiel der von SAP, nicht so hoch.

Aber sobald man dieses Thema unternehmensübergreifend betrachtet oder in die technischen Bereiche reingeht, in die Automatisierungstechnik, ist sehr viel Heterogenität da. Diese resultiert zum Teil auch daraus, dass die einzelnen Produktionen von unterschiedlichen Ausrüstern bestückt worden sind und es global gesehen in diesem Umfeld viele Kommunikationsstandards gibt. Oder sagen wir es mal so, es gibt so viele Standards, dass man eigentlich nicht mehr von einem Standard reden kann.

Wird es in Zukunft einen Standard geben, oder werden Plattformen wie die SAP IoT Plattform die Regel sein?

Also, den einen Standard wird es vermutlich in der Mittelfrist erst mal so nicht geben. Es werden ein paar von den bestehenden Standards eine weitere Verbreitung finden. Wichtig für die Verbreitung eines Standards ist die Verwendbarkeit in bestehenden Anlagen und eine große Verbreitung in Neubauten.

Da Nachrüsten mittelfristig eine hohe Bedeutung haben wird, arbeiten wir als SAP deshalb mit führenden Unternehmen aus dem Bereich der Automatisierungstechnik daran neue Wege zu finden, wie man zumindest die datenseitige Anbindung dieser bestehenden Anlagen im Sinne einer vertikalen Integration verbessern kann. Um die Entstehung von Standards mit zu gestalten, engagiert sich SAP auch in Gremien wie zum Beispiel der OPC Foundation, der Plattform Industrie 4.0 und dem Industrial Internet Consortium (IIC). (Lesen Sie dazu: Industrie 4.0 braucht internationale Standards)

Wenn Sie so eine Prognose wagen würden, welche Standards könnten das sein?

Ich denke, was sicherlich weiter an Bedeutung gewinnen wird ist das OPC UA- und MQTT Thema, aber auch auf der Seite der Bussysteme gibt es Dinge, die sich stärker verbreiten werden. Aber wie gesagt, setzt das voraus, dass Anlagen neu gebaut oder zumindest renoviert werden, so dass diese neuen Standards dort auch Einzug halten können.

Derjenige, der es schafft, mit dem Altbestand intelligent umzugehen und die Kosten, die mit sowohl der technischen als auch der semantischen Konnektivität verbunden sind in den Griff zu kriegen, wird einen großen Wertevorteil für seine Endkunden schaffen können.

Wie können Sie Ihren Kunden helfen, Altbestand sozusagen retrofit zu machen?

Bei SAP glauben wir ganz fest daran, dass hierfür die Domänenexpertise unterschiedlicher Anbieter zusammengeführt werden muss. Die Information Technology (IT) und die Operational Technology (OT) muss aufeinander abgestimmt werden. Ein Beispiel hierfür ist, was wir zusammen mit den Firmen Hilscher und Pepperl + Fuchs machen.

Dort werden Wege gefunden, wie man bestehende Anlagen einfacher an SAP IOT-Systeme wie zum Beispiel dem SAP Asset Intelligence Network, anbinden kann. Unsere Idee ist es zusammen mit starken globalen Partnern eine Art Stecker- und Steckdosen-Prinzip umzusetzen, wenn man es einmal ganz trivial sagt.

Wir wollen Elemente (zum Beispiel Industrie-Gateways) haben, die auf der Ebene der Anlage platziert werden können und die einen fertigen Stecker zu einer Vielzahl von Steckdosen in der SAP-Welt haben.

Wie weit sind Sie auf dem Weg dahin?

Wir haben angefangen. Das ist ja kein ganz einfaches Thema, eben wegen der Vielschichtigkeit, gerade im Automatisierungsbereich. Wir suchen uns Player, die von sich aus schon lange Jahre mit dieser Vielschichtigkeit leben mussten, wie eben beispielsweise die Firma Hilscher, die die Fähigkeit entwickelt hat unterschiedliche Protokolle zueinander zu synchronisieren.

Dies möchte Hilscher als Grundlage nutzen, um über ein intelligentes Gateway einen harmonischen Datenstrom, beispielsweise auf Basis OPC UA, kontrolliert und auf Basis vorinstallierter SAP Konnektoren in die SAP IoT Weltzu kommunizieren. Ähnliches haben wir auch schon mit Firmen wie DELL oder ifm electronic gemacht, um hier mal 2 beispielhaft zu nennen. Wir haben weitere Firmen wie zum Beispiel Pepperl + Fuchs und HPE in der Pipeline, mit denen wir solche Dinge realisieren wollen.

Warum plädieren Sie für standardisierte Software?

Standardisierte Anwendungssoftware ist nicht per se richtig, sondern man muss die Frage zum Einen im Licht der eigenen Unternehmensstrategie betrachten. Produktführer sollten sich hier anders verhalten als Kostenführer.

Und der zweite Angriffspunkt ist das Prozessfeld, in dem ich mich mit meinem IoT Szenario bewegen möchte. Betrachte ich Core-Prozesse, also Prozesse, in denen ich mich gegenüber meinen Wettbewerbern differenzieren will, oder betrachte ich Commodity-Prozesse. Wenn ich Commodity-Prozesse betrachte, dann ist Standard-Anwendungssoftware das A und O, denn ich möchte eigentlich wenig Geld ausgeben und ich möchte einen möglichst großen Spareffekt durch vordefinierte Prozessabläufe erzielen. Da kann ich nicht lange selber programmieren.

Will ich aber beispielsweise Produktführer sein oder gehe in einen Core-Prozessbereich, dann will ich mich bewusst gegenüber den Marktbegleitern differenzieren. Dann möchte ich nicht unbedingt eine Standardanwendung kaufen, die jeder andere sechs Monate später genauso implementiert hat.

Wenn ich in so einem Umfeld tätig bin, kann ich immer noch Standards benutzen, aber nicht mehr Standardanwendungen, sondern standardisierte Plattformen, auf denen ich dann individuelle Anwendungen baue. Im Rahmen seiner IoT Strategie stellt SAP beides bereit – Standard Anwendungen und eine Standard IoT Plattform zur Entwicklung individueller Lösungen.

Geht IoT ohne Cloud?

Auch hier haben wir als SAP dazugelernt. Wir haben eine Cloud-First-Strategie postuliert und haben im IOT-Kontext mit einer IOT-Plattform in der Cloud begonnen und entsprechende Anwendungen auf diese Plattform gebaut. Wir haben aber festgestellt, dass es zum einen Firmen gibt, die keine Daten in die Cloud geben. Das muss man auch respektieren.

Diese Firmen wollen aber trotzdem ihre IoT Strategie mit SAP Technologie und Anwendungen umsetzen. Deshalb stellen wir mittlerweile unsere IoT-Plattform und einige der Standardanwendungen sowohl in der Cloud als auch für den on Premise Einsatz zur Verfügung.

Zum Zweiten haben wir natürlich auch festgestellt, dass es gerade im Bereich der Fertigung und im Umfeld der Lagerlogistik-Szenarien gibt, in denen sich eine Cloud auf Grund der Latenzzeiten nicht eignet. Dies ist zum Beispiel immer dann der Fall, wenn ich Anforderungen hinsichtlich deterministischer Echtzeitkommunikation habe.

Wir denken, dass am Ende des Tages sich bei den Firmen mehr oder weniger hybride Welten heraus etablieren werden. Also bestimmte Dinge die on-Premise ablaufen, wie zum Beispiel das Edge Computing und Szenarien im Bereich der deterministischen Echtzeitkommunikation, und bestimmte Dinge, die dann in der Cloud abgewickelt werden, weil man durch die Cloud einfach Bereitstellungsvorteile hat. Man kommt schneller zum Zug.

Könnte also beispielsweise, die Maschinenebene on premise ablaufen und der kaufmännische Bereich in der Cloud?

Ja, so könnte man sich das zum Beispiel vorstellen. Wir haben Maschinen über intelligente Gateways für Edge Computing angebunden. Auf diesem Gateway wird entschieden, ob ein Datum in einem Prozess gebraucht wird, der nur auf der Ebene der Fertigung abläuft und damit on Premise geht, also zum Beispiel in ein MES-System rein geliefert wird und das gleiche Datum beispielsweise für predictive maintenence, predictive quality oder ein OEE-Szenario in eine Cloud-Anwendung geschickt wird.

Die lokale on Premise Intelligenz an der Edge und die damit einhergehenden intelligenten Gateways werden eine zunehmend wichtige Rolle in der Umsetzung und steigenden Verbreitung von IoT Szenarien erlangen. Aber nur dann, wenn sie gemäß des von SAP verfolgten Stecker – Steckdosen Ansatzes mit möglichst geringem Aufwand in die Prozesswelten der bestehenden IT-Systeme (oftmals SAP) sowie der bestehenden Systeme der Automatisierungswelt eingebunden werden können.

Wenn Sie einen groben Leitfaden erstellen müssten für ein Unternehmen: Du willst das Internet of Things für dich nutzen, welche Voraussetzungen musst du haben – wie sähe der aus?

Also als allererstes muss man mal anfangen im größeren Kontext zu denken. Welchen Beitrag soll eigentlich das Internet der Dinge im Rahmen der digitalen Transformation dieses Unternehmens bringen? Wieder in Abhängigkeit von ‘was ist denn eigentlich meine Unternehmensstrategie, also simpel Produktführer – Kostenführer?’

Denn wenn ich Kostenführer bin, muss ich mich mit anderen Dingen auseinandersetzen, in anderen Bereichen, dann bin ich eher bei Prozesseffizienz, Reduzierung von Ausschuss und ähnliches. Wenn ich aber Produktführer sein will, dann sollte man sich zuerst eher mit Dingen auseinandersetzen, wie datengetriebenen Dienstleistungen und der Vernetzbarkeit der eigenen Produkte.

Das heißt, man sollte sich erst mal im Klaren darüber sein, wo spiele ich eigentlich? Dann kann ich bestimmen, schaue ich mir eher die Prozesseffizienz an, oder beschäftige ich mir eher mit der Umsatzseite im Rahmen von datengetriebenen Services oder vielleicht durch Geschäftsmodellinnovationen. Das ist aus meiner Sicht auch eine Aufgabe, die sich nicht delegieren lässt, das ist eine Management-Aufgabe.

Es ist nicht so, dass man das ganze Unternehmen gleich von rechts auf links krempeln muss, sondern man sollte die Erfahrungspunkte sammeln. Das ist dieser start small-Gedanke, um dann schnell die Dinge, die funktionieren, zu skalieren, die Dinge, die nicht funktioniert haben, nachzubearbeiten, oder auch die notwendige Konsequenz zu ziehen, sie einzustellen. ‘Fail early, fail often’ bevor man zu viel Zeit und Geld in eine Idee eingebracht hat.

Ist dieser „Fail early, fail often“ Gedanke wie er in der Design-Thinking-Methode verankert ist dem deutschen Maschinenbau in sehr vielen Fällen nicht noch sehr fremd?

Ja, das ist so. Aber man merkt, dass die Firmen dazulernen. Wenn man sieht, dass viele große deutsche Firmen dem Thema Design Thinking durchaus sehr positiv zugewandt sind, was vor vier bis fünf Jahren noch exotisch war, als SAP damit angefangen hat. Wir haben Design Thinking nicht erfunden aber wir waren eines der ersten deutschen Unternehmen, das sich sehr früh dieser Methodologie und der damit verbundenen Denkweise genähert hat.

Wenn man sieht, dass heute Firmen, wie Siemens beispielsweise auch sehr zentral auf Design Thinking setzen, sieht man schon, dass auch der Maschinenbau anfängt, seine Gedankenwelt da zu verändern.

Ob das jetzt wirklich schon bis zum letzten Unternehmen durchgedrungen ist, das weiß ich nicht, aber am Ende des Tages bin ich sehr optimistisch, dass die deutschen Maschinenbauer und überhaupt die deutschen Unternehmen, die in den letzten Jahrzehnten ja gezeigt haben, dass sie durch ihre Kreativität durchaus globale Marktführerschaft erreichen, auch die notwendige Dynamik haben, auf die Veränderungen der digitalen Transformation zu reagieren und Methoden wie das Design Thinking für sich zu adaptieren.

Weitere Informationen

Mehr zum Thema Internet der Dinge erfahren Sie auf www.sap.de/iot

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf produktion.de.

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