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Katzenfutter nach Ladenschluss

Feature | 2. Juni 2017 von Carmen Peter 9

Die SAP tüftelt an einem intelligenten, IoT-gestützten digitalen Warenlager – für Einkäufe rund um die Uhr.

Einzel- und Onlinehändler experimentieren mit Lieferservices für Lebensmittel. Industry Cloud & Custom Development bei SAP geht noch einen Schritt weiter und bastelt an einem IoT-gestützten digitalen Lager, das sogar die Warterei auf den Lieferanten ersparen könnte.

Vorbei die Zeiten, in denen der Ladenschluss grundsätzlich vor dem Feierabend lag und kehrende Supermarktangestellte einen vielerorts samstags vor zwölf aus der Tür schoben. Alles bestens also. Nun ja, fast. Denn jetzt scheinen sich alle Berufstätigen nach Büroschluss gleichzeitig durch den Laden zu wälzen, sodass die letzte Sojamilch und das Katzenfutter schon weg sind und man einen Teil seiner Lebenszeit in langen Kassenschlangen verbringt. Und sonntags bleiben die Läden, zumindest in vielen Teilen Europas, immer noch ganz zu.

Diesen globalen Bedarf nach mehr Flexibilität haben Einzelhändler inzwischen erkannt. Große Ketten und sogar Amazon experimentieren mit dem Onlineverkauf von Lebensmitteln. Doch das ist kompliziert. Schuhe oder Handys verrotten schließlich nicht. Salat dagegen schon. Man braucht ein separates Lager, extra Personal fürs Verwalten und Verpacken und dann noch einen eigenen Lieferdienst (denn DHL will nicht auch noch die Chips vorbeibringen). Abgesehen davon, dass der Hauptzielgruppe der Berufstätigen damit kaum geholfen ist. Denn wer Ware bestellt, muss auch zuhause sein, um sie entgegenzunehmen. Das sind die meisten aber nicht.

Per App zur Sojamilch

Sascha Magold, Design-Thinking-Coach und Project Expert im Retail-Bereich

Dieses Dilemma kennt auch Sascha Magold, Design-Thinking-Coach und Project Expert im Retail-Bereich von Christoph Behrendts Industry Cloud & Custom Development (ICD). Magold werkelt immer wieder an ausgeklügelten Prototypen, die Retail-Kunden dabei helfen sollen, eine Vorstellung davon zu bekommen, welche IoT-Lösungen mit bestehenden SAP-Produkten bereits realisierbar sind. Bei ihm war allerdings nicht die abendliche Kassenschlange der Auslöser: „Wir hatten Freunde zum Grillen eingeladen, und ich wollte am Vorabend noch einkaufen gehen“, erklärt Sascha. Zwar fand er am späten Samstagabend gerade noch einen geöffneten Laden, aber das Grillsortiment war zu dieser vorgerückten Stunde schon geplündert. Das brachte Magold und seine Kollegen auf eine Idee. Mit einem digitalisierten Warenlager könnten Läden ihr Sortiment auch nach Ladenschluss verkaufen. Und so hat er sich an den Bau eines kleinen Holzmodells gemacht, in das er Sensoren und Aktoren (die aktiven Gegenstücke zu Sensoren) verbaut. Mit ihnen kann das Modell erkennen, welche Ware ausgegeben werden soll und wo sie sich im Regal befindet, kann sie auf ein Förderband legen und schließlich an eine Ausgabeklappe schieben. Über einen angeschlossenen Raspberry Pi werden die Transaktionsdaten gleichzeitig sofort an die SAP Cloud Platform weitergegeben und im ERP-Backend verbucht. Es muss also später nichts händisch nachgetragen oder ein separater Bestand geführt werden.

Maschinelles Lernen ermöglicht individuelle Produktvorschläge  

Doch nicht nur den zusätzlichen Kundenverkehr ohne extra Personalaufwand findet Sascha für Einzelhändler lukrativ. „Man kann Ware darin auch entsprechend dem Ablaufdatum ausgeben. Nicht so wie im Laden, wo sich der Kunde immer die Ware mit der höchsten Haltbarkeit herausgreift.  Außerdem ist Ladendiebstahl unmöglich.“ Denn Zugang soll der Kunde nur über eine integrierte Hybris-Webshop-App erhalten, über die er auch bezahlen kann. Die App soll immer aktuell anzeigen, welches Sortiment verfügbar ist, damit man sich nicht umsonst auf den Weg macht. Man legt also seine Sojamilch und das Katzenfutter zuhause per App in den Warenkorb und bezahlt. Damit ist die Ware reserviert. Vor Ort tippt man einen Abholcode ein, eine Klappe öffnet sich, und schon ist man, dank IoT und Hybris-Integration, stolzer Besitzer einer Sojamilch. Ohne Schlange, ohne Ladenschluss.

Über Machine Learning wäre es möglich, dem Kunden gemäß seinem Profil per App sogar noch individualisierte Produktvorschläge zu machen. Denn wer regelmäßig Katzenfutter kauft, braucht auch Streu. Auswertungen könnten außerdem anzeigen, welche Waren, wann, wo am besten laufen, sodass das Sortiment entsprechend angepasst werden kann.

Mit Spaß in die Cloud

Am Anfang war es eine spontane Idee, die er mithilfe des St. Ingberter D-Shops umzusetzen begann, wo auch alle wichtigen Einzelteile in 3D ausgedruckt werden. Doch nach und nach kamen immer mehr Kollegen dazu. Inzwischen haben vor allem Felix Guldner, Michael Biwer und Udo Lanzer den Anschluss an die SAP Cloud Platform und das Backend übernommen.

„Wenn man einem etablierten Kollegen, der sein Leben lang ABAP gemacht hat, sagt, er soll sich mit der Cloud auseinandersetzen, blockt er. Aber wenn man sagt ‚ich habe hier ein Modell, wie könnten wir dieses oder jenes realisieren‘, wird er neugierig und möchte oft sogar mitmachen“, fasst Sascha sein Anliegen zusammen. Denn neben dem Vorführeffekt für große Einzelhändler ist dieses Modell aus seiner Sicht auch ein Türöffner für neue Technologien innerhalb der SAP. Kollegen sehen, dass es Spaß macht, mal neue Sachen auszuprobieren.

Der Prototyp für ein digitales Warenlager im Handel.

Sobald alles fertig ist, werden Sascha und seine Mitstreiter den Prototyp auf wichtigen Retail-Events und Kundenmeetings vorstellen. Und auch, wenn er nur eine Anregung darstellt, kann es durchaus sein, dass Einzelhändler grundsätzlich über eine Digitalisierung ihrer Warenlager nachdenken. Denn auch ohne den zusätzlichen Abverkauf ist eine automatisierte Lagerverwaltung eine zukunftsweisende Idee.

Damit stünden also nicht nur viele Katzenbesitzer abends nicht länger ihrem beleidigten Tier gegenüber, weil das Lieblingsfutter fehlt, oder genervten Partnern, weil man keine Sojamilch mitgebracht hat. Es hilft auch Einzelhändlern bei der digitalen Abbildung einer modernen Konsumwelt.

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