Das Ende des Jeffrey Fehr

Feature | 15. Juni 2012 von Jennifer Lankheim 0

Jeffrey Fehr

Jeffrey Fehr; Screenshot: SAP "It Gets Better"-Video

Was verbindet Dan Savage, Autor der weltweit in zahlreichen Zeitungen veröffentlichten Sexualratgeberkolumne „Savage Love“, mit einem traditionellen Softwareanbieter wie SAP? Die Antwort: das Projekt It Gets Better und der gemeinsame Wunsch, jungen Menschen Mut zuzusprechen, die sich bedrängt und unsicher fühlen.

Aktiv gegen Diskrimierung

Im September 2010 rief Dan Savage das Projekt It Gets Better ins Leben, um suizidgefährdeten Jugendlichen der LGBT-Community (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) zu helfen. Nach einer Selbstmordserie unter Jugendlichen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Opfer von Diskriminierung geworden waren, wollte Dan Savage ein Sprachrohr für Menschen schaffen, die Jugendlichen Mut zusprechen und ihnen eine Botschaft vermitteln möchten: so einsam sie sich auch fühlen mögen und so ausweglos die Situation erscheinen mag – es wird besser. Er stellte eine Videobotschaft bei YouTube ein und legte damit den Grundstein für eine Bewegung, die inzwischen die ganze Welt erfasst hat.

Bislang hat das Projekt „It Gets Better“ mehr als 50.000 Menschen zu eigenen Videos inspiriert, die über 50 Millionen mal abgerufen wurden. Das Projekt wird von Menschen auf der ganzen Welt (unter anderem auch US-Präsident Barack Obama) und Unternehmen wie Nokia, Google, Facebook, Bayer, Deloitte und vielen anderen unterstützt. Seit dem 7. Juni setzt sich auch die SAP für die Ziele des Projekts ein.

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Mit einer Länge von fast zwölf Minuten ist der Filmbeitrag von SAP zum „It Gets Better“-Projekt deutlich länger als die meisten Videos. Darin kommen Führungskräfte aus den obersten Ebenen des Unternehmens zu Wort, unter anderem SAP-Vorstandssprecher Jim Hagemann Snabe und Jan Grasshoff, Senior Vice President für Talent, Leadership and Organizational Design und zugleich ranghöchste schwule Führungskraft bei SAP.

Was den Film jedoch wirklich bewegend macht, sind die persönlichen Erfahrungsberichte. Steve Fehr, Vice President im Bereich Aerospace & Defense, erzählt in dem Film von seinem 18-jährigen Sohn Jeffrey, der sich am Neujahrstag 2012 das Leben nahm.

Jeffrey Fehr wurde 18 Jahre alt

In den frühen Morgenstunden des 1. Januar erhängte sich Jeffrey Fehr im Haus seiner Familie in Kalifornien – das tragische Ende eines Lebens, das von Mobbing und Diskriminierung geprägt war. Fast 1.000 Menschen kamen zu Jeffreys Beerdigung, bei der die Redner vor allem an sein lebhaftes und freundliches Wesen, seine Fähigkeit, andere zu begeistern und zu motivieren, und sein sportliches Talent erinnerten – Jeffrey war Kapitän der Cheerleader-Gruppe an seiner High School und Mitglied eines Cheerleader-Teams, das auch an Wettkämpfen teilnahm.

Screenshot: SAP "It Gets Better"-Video

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Fast jeder Homosexuelle fühlt sich diskriminiertSein Coming-out hatte Jeffrey in der zehnten Klasse, als er seiner Familie (Vater Steve, Mutter Pati und zwei älteren Brüdern) erzählte, dass er schwul sei. Er schöpfte Mut aus ihrer bedingungslosen Unterstützung und fand neue Freunde in der Schule, die ihn so annahmen, wie er war. Außerhalb dieses Freundeskreises sah er sich jedoch leider immer wieder Diskriminierungen ausgesetzt. Das Mobbing, unter dem er schon in den Jahren zuvor gelitten hatte, ging weiter. „Jahrelang wurde er immer wieder angegriffen, weil er anders war. Er hat sehr darunter gelitten. Etwas in ihm ist zerbrochen“, erzählt Steve Fehr von seinem Sohn. „Er ließ sich nie wirklich davon überzeugen, dass er ein wunderbarer Mensch ist und dass es so viele Menschen gibt, die ihn lieben.“

Fast jeder Homosexuelle fühlt sich diskriminiert

Das Schicksal von Jeffrey ist leider kein Einzelfall. 90 Prozent der homo- und bisexuellen Jugendlichen berichten, dass sie an ihren Schulen Diskriminierung ausgesetzt sind. Laut Angaben der Beratungs-, Kriseninterventions- und Suizidpräventionsorganisation The Trevor Project, die sich um Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Jugendliche in der Orientierungsphase kümmert, ist die Suizidgefährdung dieser Jugendlichen außerdem vier Mal höher als bei ihren heterosexuellen Altersgenossen.

Bis zu Jeffreys Tod hatte die Familie Fehr noch nie von der Organisation The Trevor Project gehört. Nach dem tragischen Freitod ihres Sohnes fragten sie sich, ob die Organisation Jeffreys Tod hätte verhindern können. Angehörige und Freunde, die der Beerdigung beiwohnten, bat die Familie darum, statt Kränzen und Blumen Geld für das Projekt zu spenden. Die Familie hofft nun, dass Menschen, die das Schicksal von Jeffrey im SAP-Filmbeitrag zum Projekt „It Gets Better“ berührte, es ihnen gleich tun – damit sich weitere Freitode verzweifelter Jugendlicher vermeiden lassen.

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Initiiert wurde das SAP-Filmprojekt „It Gets Better“ von Moya Watson, Technologiebotschafterin und Prototyping-Projektmanagerin bei SAP Research. Seit zehn Jahren arbeitet Moya Watson für SAP im kalifornischen Palo Alto und ist Mitglied von Pride at SAP Palo Alto, einer regionalen Gruppe der weltweiten LGBT-Mitarbeitergruppe HomoSAPiens@SAP.

SAP-Technologiebotschafterin initierte “It Gets Better”-Video

„Wir treffen uns einmal im Monat zum Mittagessen“, erzählt sie. „Anfang des Jahres habe ich der Gruppe einige Beiträge für das ,It Gets Better’-Projekt gezeigt.“ Moya Watson und ihre Kollegen, die sich bei „Pride at SAP Palo Alto“ engagieren, wollten ebenfalls einen kurzen Film drehen, in dem SAP-Mitarbeiter von ihren Erfahrungen berichten. Moya Watson wandte sich an Phyllis Stewart Pires, Leiterin des SAP Global Diversity Office, die das Projekt guthieß und ein kleines Budget zur Verfügung stellte.

„Es gab verschiedene Gründe, warum mir das Projekt gefiel“, berichtet Phyllis Stewart Pires. „Vor allem aber bin ich selbst Mutter von zwei Teenagern und einem jüngeren Kind, und als Mutter weiß man einfach, dass manche Kinder von ihrem Umfeld so gemobbt werden, dass sie jegliche Hoffnung verlieren – so etwas ist einfach tragisch und bricht einem das Herz.“

Somit begannen die Arbeiten für den Filmbeitrag. Moya Watson rief die Mitarbeiter auf, sich an dem Film zu beteiligen. Die Resonanz sowohl innerhalb als auch außerhalb der LGBT-Community bei SAP war überwältigend. Unzählige E-Mails gingen in ihrem Postfach ein, in denen Mitarbeiter ihre Hilfe anboten. Darunter war eine E-Mail, die sie besonders bewegte.

Lesen Sie weiter auf Seite 5: “Mir wurde klar, dass diese Sache wirklich, wirklich wichtig ist!”

„Jemand leitete mir die Todesanzeige von Jeffrey weiter“, erinnert sich Moya Watson. „Er war erst einige Tage zuvor beerdigt worden. Ich kannte Steve Fehr nicht, doch als meine Mitstreiter und ich erkannten, wie sehr dieses Thema nicht nur Mitarbeiter betrifft, die diskriminiert werden, sondern auch Kollegen mit homosexuellen Kindern, war es uns wichtiger denn je, diesen Film zu machen.“

“Mir wurde klar, dass diese Sache wirklich, wirklich wichtig ist!” (Moya Watson)

„Wir zerbrachen uns den Kopf darüber, ob und wie wir so kurze Zeit nach dem Tod ihres Sohnes mit der Familie Fehr Kontakt aufnehmen sollten. Doch dann setzte ich mich einfach mit Steve in Verbindung, und seine Unterstützung war einfach unglaublich. Er sagte, dass er alles dafür tun würde, anderen Familien dieses Leid zu ersparen. Da wurde mir klar, dass diese Sache wirklich, wirklich wichtig ist. Ich bin es Steve und seinem Sohn schuldig, möglichst viele Menschen auf dieses Thema aufmerksam zu machen.

Es war fast so, als ob ich keine andere Wahl hätte, als diese Botschaft Tag und Nacht zu verbreiten. Und alle, die diese Geschichte hörten, reagierten genauso.“

Die Premiere des Films fand am Donnerstag, dem 7. Juni 2012, in den SAP Labs Palo Alto statt. Mitarbeiter, ihre Angehörigen und Freunde sowie Mitglieder der Community standen dicht an dicht, um die Vorführung zu sehen. Noch am selben Tag wurde der Film auf YouTube veröffentlicht und stieß auf großes Medieninteresse und große Begeisterung. Der Filmbeitrag ist jedoch erst der Anfang.

Lesen Sie weiter auf Seite 6: Mitarbeiter können etwas bewegen

„Wir wollten mehr bewirken als nur dieses Video zu veröffentlichen“, erzählt Phyllis Stewart Pires. „Die SAP veranstaltete anlässlich der Filmpremiere ein Gala-Dinner mit einer Podiumsdiskussion zum Thema Mobbing und anderen LGBT-Themen, zu der Schüler, gemeinnützige Organisationen und Interessengruppen eingeladen waren.“

Mitarbeiter können etwas bewegen

Phyllis Stewart Pires ist stolz darauf, dass das Projekt „It Gets Better“ auch das Engagement der SAP für mehr Vielfalt im Unternehmen widerspiegelt. „Wenn man das Thema Vielfalt vom philosophischen Standpunkt aus betrachtet, so spielen meiner Meinung nach Mitarbeitergruppen wie HomoSAPiens@SAP eine sehr wichtige Rolle. Durch Aktionen und Aktivitäten rücken sie Themen in den Blickpunkt, die für die von ihnen vertreten Gruppen von immenser Bedeutung sind, und haben damit Einfluss darauf, wie die SAP als Arbeitgeber wahrgenommen wird – als Unternehmen, dem ein offenes und von Vertrauen geprägtes Arbeitsumfeld für seine Mitarbeiter am Herzen liegt.“

Stolz ist sie auch auf das Engagement der Mitarbeitergruppen. „Man darf nicht vergessen, dass das Ganze aus einer Mitarbeiterinitiative heraus entstanden ist“, betont sie. „Nicht die SAP, sondern die Mitarbeiter der SAP haben dieses Projekt ins Leben gerufen. Die Mitarbeiter haben auf das Thema aufmerksam gemacht, vor allem weil auch sie Menschen sind. Die SAP konnte ihnen zwar Unterstützung zusichern und damit eine Brücke schlagen, doch das Projekt war möglich, weil es Menschen gibt, die sich voll und ganz für eine Sache einsetzen – Menschen wie Moya Watson, die das Projekt initiiert hat. Und es war eine Sache, mit der sich unzählige andere identifizieren konnten.“

Lesen Sie weiter auf Seite 7: Jugendlichen Unterstützung signalisieren

Phyllis Stewart Pires weist darauf hin, dass das „It Gets Better“-Filmprojekt nicht einfach nur dazu diente, einen Aspekt des Themas Vielfalt abzuhaken. Es war ein im wahrsten Sinne des Wortes sehr persönliches Anliegen.

Jugendlichen Unterstützung signalisieren

„Wir wollten mit diesem Film Jugendlichen, die Probleme haben, ganz einfach unsere Unterstützung signalisieren“, erzählt sie. „Ein Nebeneffekt ist, dass wir damit auch eine Diskussion darüber anstoßen, warum Vielfalt für die SAP wichtig ist und was sie für uns bedeutet. Am wichtigsten ist jedoch die Tatsache, dass es da draußen Menschen gibt, die sich anders fühlen und deswegen gemobbt werden. Wir müssen ihnen zeigen, dass sie eine Zukunft haben.“

Die SAP muss sich oft die Kritik anhören, sie sei ein komplexes und undurchdringliches Unternehmen. Die Botschaft zu diesem Thema ist jedoch ganz einfach: Wer ein Problem hat, muss dieses Problem zur Sprache bringen und sich helfen lassen. Wenn man sieht, dass ein anderer Mensch Probleme hat, muss man diesem Menschen helfen, das Problem zur Sprache zu bringen und sich helfen zu lassen.

„Wenn man dazu beitragen möchte, dass diese Jugendlichen neuen Lebensmut schöpfen, wenn man ihnen eine Zukunft aufzeigen und ihnen klar machen möchte, dass das Leben auch für sie spannende Abenteuer bereit hält“, so Phyllis Stewart Pires, „dann ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zu dem Gedanken, dass der Jugendliche, der das Leben wieder positiv annimmt, vielleicht der Mensch hinter dem nächsten großen Trend sein könnte, der das Leben von uns allen beeinflusst.“

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2 comments

  1. Tim Stein

    Wirklich schlimm, dass heute noch Jugendliche aufgrund ihrer Homosexualität zum Selbstmord getrieben werden. Gut zu sehen, dass SAP ein offenes und vielfältiges Unternehmen ist. Wir brauchen mehr solche Vorbilder!

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