IT-Gipfel im Revier

 

Foto: ThyssenKrupp

Niemand brachte den Strukturwandel im Ruhrgebiet besser auf den Punkt als der Gastgeber des nationalen IT-Gipfels in Essen. An der Gründungsstätte von ThyssenKrupp spannte der Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger den Bogen vom 200 Jahre alten Stahlkonzern bis zu einem Unternehmen, das heute eher ein Mischkonzern ist, nur noch 30 Prozent seines Umsatzes mit Stahl macht und schwer in Richtung Industrie 4.0 denkt. Zum Internet der Dinge also, das Technik denken lässt: “Endlich ist die IT da angekommen, wo sie hingehört. Denn hier werden richtige Werte geschaffen”, bemerkt Hiesinger.

Blue Card verfehlt ihr Ziel

Dennoch sorgt sich die Politik sehr um den Standort. Im aktuellen Vergleich der Industrienationen hat Deutschland im internationalen Vergleich gegenüber dem Vorjahr nur leicht aufgeholt, landet nur knapp vor dem Mittelfeld, aber doch ein Stück weit entfernt von der Spitze. In Hinsicht auf die „globale Leistungsfähigkeit“ der digitalen Wirtschaft rangiert Deutschland auf Platz 6, nur leicht verbessert gegenüber dem Vorjahr.  Dabei gibt es Anstrengungen in vielerlei Hinsicht.

Eine besondere Sorge gilt dem Fachkräftemangel: So hat die Bundesregierung die Blue Card verabschiedet, die IT-Fachkräften aus dem Ausland die Beschäftigung in deutschen Unternehmen ermöglichen sollen. Voraussetzung dafür ist ein Arbeitsvertrag, der ihm ein Jahresverdienst von über 44.000 € garantiert. “Zuwanderung fördern und Wachstumsimpulse setzen”, nennt das Wirtschaftsminister Philipp Rösler. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft setzt mehr auf Programme wie “Kein Abschluss ohne Anschluss”, das dafür sorgt, den Nachwuchs vor Ort für die kommenden Jobs auch in der IT-Branche zu qualifizieren.

Was auch immer von politischer Seite den Mangel beheben soll: Es reicht aktuell nicht aus. Nicht zuletzt deswegen ist in dem Slogan des IT-Gipfels das Wort gründen enthalten. Denn zu wenige haben den Mut, ein eigenes Unternehmen zu wagen und Erfahrungen mit eignen Geschäftsideen zu sammeln. Das vermisst etwa der Chef der Deutschen Telekom René Obermann: “Uns fehlt nicht das Geld, uns fehlen die Ideen”, der mit “Corporate Venture Fund” und der “Innovation Pool GmbH” einige Fördermöglichkeiten durch sein Unternehmen benennt. Auch SAP-Deutschlandchef Harry Thomsen spricht von 100 Startups, die im Bereich Big Data von Förderungen des Walldorfer Softwareunternehmens profitieren. Dennoch sind die Chancen, in Deutschland an Risikokapital zu gelangen, geringer als beispielsweise in den USA. Zehnmal so viel Risikokapital würde in den USA pro Kopf für die Föderung neuer Unternehmen ausgegeben, beziffert etwa der Mitgründer und Partner von Earlybird Venture Capital Christian Nagel, der in den letzten Jahren über 70 Unternehmen gefördert hat.

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Seine USA-Erfahrungen gemacht hat Michael Hummel von der Berliner Firma ParStream, der vom Programm German Silicon Valley Accelerator profitierte. Seine Erfahrung: “Sie bekommen viel schneller Termine bei den grossen Unternehmen, um Ihre Ideen vorzustellen, manchmal sogar innerhalb von zwei, drei Tagen”, sagt Gründer Mike Hummel, “in Deutschland dauert das schon mal bis zu 8 Monate.” Am “Klinken putzen” kommt allerdings niemand vorbei. Ein Unternehmen von hundert Interessenten bekommt letztlich die Förderung. Da hilft nur, es immer wieder zu probieren und sich nicht unterkriegen zu lassen.

Reichen 22.000 Euro für einen Job in der IT?

Wie Verena Delius von der Goodbeans GmbH, einem Spezialisten für familiengerechte Online- und Mobile-Spiele, darunter etwa die „Schlaf-Gut-App“ oder das Ratespiel Guessomania. Ihre Botschaft an den Nachwuchs: “Guckt nicht, was das Jobcenter bietet, guckt über den Tellerrand hinaus”, so Delius. Mit Blick auf die Gründerkultur etwa in Berlin sieht sie aktuell viel zu wenige Programmierer und IT-Spezialisten, um den Bedarf zu stillen, und fragt adressiert an die Bundesregierung: “Wir lassen die Leute nicht rein, die auch für weniger als 44.000 € in Deutschland arbeiten würden. Dafür biliden wir Langzeitarbeitslose zu IT-Fachkräften aus”, echauffiert sich die Unternehmerin, die durchaus die Bereitschaft bei jungen Leuten sieht, sogar für 22.000 € in Unternehmen einzusteigen.

Die Risikobereitschaft lässt sich allerdings nicht per ordre de mufti durchsetzen. Da wirkt die gutgemeinte und eindringliche Forderung des Präsidenten der Bitkom Professor Dieter Kempf (“Deutschland muss wieder seine positive Grundhaltung gegenüber Unternehmern wieder gewinnen”) schon ein wenig hilflos, auch wenn der Applaus auf seiner Seite ist. Und er meint damit jene Grundhaltung, die Unternehmen wie ThyssenKrupp groß gemacht hat.