Aufbruchstimmung

Feature | 21. Januar 2009 von Uta Spinger und Georg Middendorf 0

Herr Cardenuto, Sie verantworten seit Juli 2008 das Lateinamerikageschäft der SAP. Wo setzen Sie Ihre Prioritäten?

Derzeit dreht sich alles darum, unseren Kunden die Werkzeuge an die Hand zu geben, die sie in diesen unsicheren Zeiten benötigen. Lateinamerika hat im Laufe seiner Geschichte viele Krisen erlebt und ist besser gewappnet denn je. Um unseren regionalen Kunden während der Flaute unter die Arme zu greifen, bieten wir ihnen in den meisten Ländern über die Initiative „Best Run Now“ Software-, Service- und Finanzierungspakete an, die sich schnell implementieren lassen und sich durch attraktive Lizenz- und Wartungsgebühren auszeichnen.

Lateinamerika ist ein großer, heterogener Markt. Wie erschließen Sie ihn?

Wir haben eine talentierte, erfahrene, multikulturelle Belegschaft. Die kulturellen Besonderheiten eines jeden Landes zeigen sich auch im Geschäftsleben. Die über 1.700 Mitarbeiter bei SAP Latin America decken alle Nationalitäten des Kontinents ab und kennen die einzelnen Märkte sehr genau.

Rodolpho Cardenuto, CEO bei SAP Latin America

Wo wächst der IT-Markt am schnellsten?

Brasilien ist ein Wachstumsland. Rund 40 Prozent unseres Lateinamerikageschäfts entfallen auf diesen Markt. Mit über 180 Millionen Einwohnern ist es das bei weitem bevölkerungsreichste Land der Region. Noch vor sechs Jahren galten 54 Prozent der Brasilianer als arm; heute sind es nur noch 26. Das heißt, rund 50 Millionen Menschen sind in die Mittelklasse aufgestiegen. Sie alle konsumieren mehr Nahrung, Getränke, Kleidung und Kosmetika, kurbeln die Wirtschaft an – und damit auch unser Geschäft.

Mexiko wächst ebenfalls rasant; wir arbeiten gerade an einem Expansionsplan für das Land. Unter anderem in Argentinien, Costa Rica und Panama richten wir Servicezentren ein.

Auch Kolumbien legt kräftig zu. Dort haben wir eine Zentrale zur telefonischen Vertriebsunterstützung in den spanischsprachigen Ländern angesiedelt. Da es in der Region viele hervorragende Hochschulen gibt, stehen gut ausgebildete Fachkräfte in großer Zahl zur Verfügung. Aber selbst auf kleinen Märkten wie Trinidad und Tobago sehen wir enormes Potenzial.

Welche Branchen treiben das Wachstum an?

Die petrochemische Industrie Lateinamerikas expandiert in die ganze Welt. Ein starkes Wachstum verzeichnet auch der öffentliche Dienst, der je nach Land auf einen Marktanteil zwischen 25 und 60 Prozent kommt. Die Telekommunikation floriert ebenfalls; viele europäische Konzerne haben hier investiert. In der Industrie, etwa der Konsumgüterbranche, erweitern viele Unternehmen ihre Produktpaletten und stoßen auf neue Märkte vor. Ferner gehören Banken, sonstige Finanzdienstleister und der Bergbau zu den Schlüsselbranchen des Kontinents.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Unternehmen Lateinamerikas?

Jetzt geht es vor allem darum, die weltweite Krise zu meistern. Darüber hinaus versuchen viele regionale Unternehmen, nach Übersee zu expandieren. Wenn man dazu eine Fusion oder Übernahme plant, muss man die Rechtslage im Zielland beachten. Neulich unterhielt ich mich mit Vertretern eines Branchenriesen aus dem Bergbau, der in den nächsten 12 Monaten fünf Unternehmen aus allen Teilen der Welt kaufen will.

Man hat sich vorgenommen, die Neuzugänge in 60 bis 90 Tagen auf die neuen Prozesse umzustellen – einschließlich Hauptbuchhaltung und Finanzberichterstattung. Wir können hier bei der Entwicklung eines Referenzsystems behilflich sein, das sich konzernweit einsetzen lässt und die Integration beschleunigt.

Welche Trends bestimmen den lateinamerikanischen IT-Markt?

Business Intelligence (BI) ist klar im Kommen. Die meisten Firmen arbeiten bereits mit ERP-Systemen und schauen sich jetzt nach BI-Lösungen um – und zwar nach einem Gesamtpaket, das mehr als den Komplex Governance, Risk & Compliance abdeckt. Außerdem rückt der Business User als Nutzer in den Fokus; in dieser Hinsicht ergänzt Business Objects das SAP-Portfolio. Des Weiteren brauchen alle Branchen von den Banken bis zur Petrochemie CRM-Systeme, um Kunden- und Lieferantendaten zu sammeln.

Was nehmen Sie sich für die nächsten Jahre vor?

Wir wollen unseren Kunden weiterhin die Werkzeuge zur optimalen Betriebsführung liefern, damit sie flexibel bleiben und sich auch in Krisenzeiten im globalen Wettbewerb behaupten können.

Überdies liegt es im Interesse Lateinamerikas wie unseres Geschäfts, dass wir unser Schulungsangebot ausbauen. Wir sind momentan mit rund 25.000 Beratern präsent; der Markt braucht aber mittelfristig weitere 25.000. Deshalb forcieren wir die Personalentwicklung, indem wir beispielsweise mit den wichtigsten Hochschulen der Region kooperieren. So fördern wir den Nachwuchs, bilden die Akteure im SAP-Ökosystem weiter und schaffen Arbeitsplätze.

Rodolpho Cardenuto verantwortet seit Juli 2008 das Lateinamerikageschäft der SAP. Zuvor arbeitete er 17 Jahre lang bei Hewlett-Packard, zuletzt als Leiter des Firmenkundenvertriebs in Lateinamerika und der Karibik. Zudem war Cardenuto in Führungspositionen in der brasilianischen IT- und Telekomindustrie tätig.

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