Die neue Rolle des CIOs

Feature | 21. Februar 2012 von Brian Wasson & Christoph Zeidler 0

Auf der Jahreskonferenz der SAP-Anwendergruppe UK & Irland Ende 2011 hatte SAP.info die Gelegenheit, mit Ray Wang zu sprechen, Chefanalyst und CEO von Constellation Research und einer der Hauptredner auf der Konferenz. (Die vollständige Rede auf YouTube finden Sie hier.)

SAP.info: In Ihrer Rede haben Sie über die Richtung gesprochen, in die sich die Softwarebranche und die Technologielandschaft entwickeln. Auf was sollten IT-Organisationen Ihrer Meinung nach achten – und was könnte ihnen im Wege stehen?

Ray Wang: Das sind mehrere Dinge. Zunächst gibt es da fünf Faktoren, die bei der Konsumentenprägung der IT eine wichtige Rolle spielen: soziale Medien, Mobilität, Cloud Computing, Analysen und UC [Unified Communications]. Diese fünf Faktoren werden uns auch noch die nächsten zehn Jahre begleiten und dabei jeden Aspekt der Unternehmenssoftware durchdringen. Erfolgreich war die SAP bislang beim Thema Mobilität und Analysen – und in gewissem Maße auch beim Cloud Computing. Offen ist aber noch der soziale Aspekt und die Neuerungen in den Bereichen UC und Video.

Die IT-Budgets werden Jahr für Jahr um durchschnittlich fünf Prozent gekürzt. Und infolgedessen schrumpfen auch die IT-Abteilungen. Dies bedeutet aber nicht, dass auch die Technologieausgaben sinken, denn diese steigen allerorts von 18 auf 22 Prozent an – vor allem in den geschäftlich ausgerichteten Bereichen. Dieses zunehmende Gewicht der geschäftlichen Seite führt dazu, dass die IT schrumpft, die Ausgaben für Technologie hingegen steigen. Daraus ergibt sich die neue Rolle des CIO. Denn wenn wir uns anschauen, wie Geld für Technologie ausgegeben wird, ist das nicht nur Sache der IT-Abteilung. Dafür gibt es nun die vier CIOs: den Chief Infrastructure Officer, Chief Integration Officer, Chief Intelligence Officer und Chief Innovation Officer.

Eigentlich könnten alle diese vier Rollen von einem CIO ausgefüllt werden, in einem großen Unternehmen gestaltet sich das jedoch schwierig. Typischerweise spielen der Chief Integration Officer und der Chief Infrastructure Officer eine eher in der traditionellen IT angesiedelte Rolle, während der Chief Intelligence Officer und Chief Innovation Officer den geschäftlichen Part übernehmen.

Die Konsumentenprägung der IT birgt die Gefahr, dass wir uns zu weit voneinander wegbewegen. Wenn ein Unternehmen diese neuen Technologien zwar sehr erfolgreich einführt, aber für keine unternehmensweite Harmonisierung oder Standardisierung dieser Technologien sorgt, wird es früher oder später scheitern. Erfolgt nur eine Standardisierung, wird auch diese in zwei oder drei Jahren scheitern. Wichtig ist das richtige Spannungsverhältnis zwischen Innovation, Standardisierung und Harmonisierung.

SAP.info: Einfach in die Zukunft zu schreiten, ohne nach rechts oder links zu schauen, ist selten der richtige Weg. Wir müssen uns also genau ansehen, was wir bereits haben und was die optimalen nächsten Schritte sind?

Ray Wang: Ja, genau. Um erfolgreich zu sein, ist eine engere Zusammenarbeit zwischen der IT und den Geschäftsbereichen wichtiger denn je. So kann es z. B. einen Bereich geben, der für den Unternehmenserfolg sehr wichtig ist – diesem muss die IT aber zumindest bei Architektur und Planung behilflich sein, einige Richtlinien aufstellen und festlegen, was in drei bis fünf Jahren benötigt wird. Oder in 24 Monaten. Ein gutes Beispiel sind hier mobile Lösungen. So setzt ein Unternehmen vielleicht einzelne Apps ein, um bestimmte Aufgaben zu erledigen, langfristig braucht es aber eine unternehmensweite Mobilitätsstrategie. 100 verschiedene Apps auf unterschiedlichen Plattformen sind selten dauerhaft sinnvoll, langfristig gesehen müssen Sie die Anwendungen standardisieren, die am häufigsten verwendet werden. Das gilt auch für die Analytik. Man kann ja mal mit all diesen SaaS- oder Cloud-basierten Analyseanwendungen anfangen, auf Dauer muss aber ein einheitlicher Rahmen her.

SAP.info: Mit der Cloud verbindet man zumeist SaaS-basierte On-Demand-Lösungen. Wie definieren denn Sie die Cloud, und was steckt wirklich dahinter?

Ray Wang: Für die Definition der Cloud gibt es mehrere Ansätze. In den USA gibt es z. B. die Cloud-Definition des NIST [National Institute of Standards and Technology], die ich aber in mehrere Bestandteile zerlegen würde. Überlegen wir mal, wem die Software gehört. Beim Cloud Computing geht es um die Frage, ob die Software einem selbst gehört oder dem Anbieter. Wenn die Software dem Anbieter gehört, handelt es sich für gewöhnlich um eine Software-as-a-Service-Lösung. Wird die Software gehostet, ist man selbst Eigentümer der Software bzw. lässt die Software beim Anbieter hosten. Die zweite Frage ist: Wie bezahle ich die Software? Bezahle ich die Software auf Abo-Basis? Beim On-Premise-Modell könnte ich die Kosten auch vorneweg entrichten. Bei SaaS erfolgt die Bezahlung allerdings in der Regel im Abonnement.

Die Aktualisierung der Software bzw. die Frage, ob der Kunde selbst oder der Anbieter das Update vornimmt, spielt bei der Feststellung, ob es sich um SaaS handelt oder nicht, keine Rolle. Dies ist nur eine Option. Wichtiger ist die Frage, ob alle mit derselben Version arbeiten. Denn wenn alle mit derselben Version arbeiten bzw. Zugriff auf dieselbe Version haben, bedeutet dies, dass sie wirklich in der Cloud sind, da es sich um ein Eins-zu-Viele-Bereitstellungsmodell handelt.

Und dann gibt es da noch eine letzte Definition von SaaS bzw. der Cloud, die oft vergessen wird – nämlich, wo die Informationen tatsächlich abgelegt sind und wo sich der Code befindet. Wenn der gesamte Code und die Daten am gleichen Ort gespeichert sind, handelt es sich um ein SaaS-Modell im herkömmlichen Sinne. Es ist aber auch möglich, mit Virtualisierung und mehreren Instanzen zu arbeiten, wenn alle dieselbe Software ausführen, sich die Daten aber an einem anderen Ort befinden. Und da die meisten das Mehrmandantenmodell scheuen, greifen sie auf diesen Ansatz zurück. Für jeden dieser Ansätze sprechen jeweils unterschiedliche Gründe. Der eine ist dabei nicht besser als der andere. Fest steht jedoch, dass die Mehrmandantenfähigkeit das kostengünstigste Bereitstellungsmodell ist.

SAP.info: In welche Richtung steuern die „Big Player“, wenn es um Innovationen geht? 

Ray Wang: Viele tolle Sachen sind gerade bei Microsoft in der Mache, wohl so in den nächsten 24 Monaten werden wir da einiges sehen. Windows 8 zum Beispiel hat ja diese neue Benutzungsoberfläche im Metro-Stil. Die Oberfläche besteht aus Kacheln, in die Informationen eingeblendet werden. Dies intensiviert nicht nur das Touchscreen-Erlebnis der Benutzer, sondern unterstützt auch das neue Paradigma in der Datenvisualisierung. Und es hat eine große Bedeutung für die Wahrnehmung der möglichen Schnittpunkte zwischen Unternehmen und Verbraucher.

SAP.info: Was bedeutet das für SAP?

Ray Wang: Für SAP ist das ein durchaus interessantes Szenario. SAP darf sich nicht zu abhängig von Java machen, da Java Oracle gehört, und auch nicht von Microsoft, da .NET eine Microsoft-eigene Plattform ist. Es gilt, neutral zu bleiben. Für SAP ist das langfristig sehr wichtig. SAP kann aber von vielen der Microsoft-Technologien profitieren, denn inzwischen gilt Microsoft nicht mehr als das „böse Imperium“. Wir müssen anerkennen, dass Microsoft heute einfach Standard ist. Da gibt es die Windows 8-Technologie, die Möglichkeiten interaktiver Oberflächen, interessante Neuerungen bei Link and Skype oder die verschiedenen Neuentwicklungen beim Cloud Computing, die künftig eine einheitliche Abrechnung auf Abonnementbasis ermöglichen werden. An der Bildung dieser Märkte sind alle beteiligt – und hier finden meiner Meinung nach auch die Innovationen statt.

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