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„Ich bin ein besorgter Optimist“

Feature | 6. November 2017 von Andrea Diederichs 8

Jim Hagemann Snabe, früherer SAP-Vorstandssprecher und heute Mitglied des SAP-Alumni-Netzwerks, spricht über seine Vision des digitalen Wandels in Wirtschaft und Gesellschaft und die Zukunft der Arbeitswelt.

Aus Ihrer Funktion beim Weltwirtschaftsforum betrachtet – welche wichtigen wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen zeichnen sich zurzeit ab?

In den letzten drei Jahren hatte ich die einmalige Gelegenheit, mit einigen sehr inspirierenden Menschen zusammenzuarbeiten und den technologischen Wandel in allen Branchen sowie die politischen Herausforderungen sehr viel genauer zu verstehen. Auf dieser Grundlage bin ich zu dem Schluss gekommen, dass wir uns an einem sehr signifikanten Wendepunkt befinden. Ich glaube, dass die meisten unserer bisherigen Annahmen in Frage gestellt werden und dass sich in der Folge die Wirtschaft und die Gesellschaft radikal verändern werden.

Zunächst einmal stellt der digitale Wandel die Annahme in Frage, dass das Produkt das Wichtigste ist. Stattdessen rücken Plattformen in den Mittelpunkt. Einige Anbieter, etwa Uber und Airbnb, haben bewiesen: Wenn ein Unternehmen über die richtige Plattform verfügt, kann es sehr wertvoll sein, ohne überhaupt ein Produkt zu haben.

Die Energiewirtschaft ist ein weiteres Beispiel. Unsere Annahme bestand darin, dass wir fossile Brennstoffe verbrennen müssen, um genügend Energie zu erzeugen. Meiner Meinung nach wird es eine Verschiebung hin zu erneuerbarer Energie geben, das heißt, Energie wird im Grunde mehr oder weniger kostenlos für jeden verfügbar sein, und sie wird nachhaltig sein. Auch hier verschiebt sich der Fokus von der Energieerzeugung hin zum Ausgleich des Energienetzes.

In der Fertigung wurde bisher davon ausgegangen, dass Unternehmen auf Massenproduktion an Billigstandorten setzen. Ich glaube, die Produktion verlagert sich heute wieder näher zum Kunden. Statt Massenprodukten werden Unternehmen individuelle Produkte herstellen und somit genauer auf die speziellen Bedürfnisse einzelner Kunden eingehen können. Ich glaube, wir haben heute die Gelegenheit, die Wertschöpfungskette neu zu denken und uns auf Konzepte einer Kreislaufwirtschaft zu konzentrieren, bei denen wir keine Ressourcen verbrauchen, sondern sie nutzen und wieder zurückgeben ‒ für eine viel nachhaltigere Zukunft.

Unternehmen, die die physische und die digitale Welt gleichzeitig meistern, werden aus dieser Umbruchphase als Gewinner hervorgehen.

Ich bin überzeugt, dass wir im Moment wahrscheinlich die größte Chance haben, eine Gesellschaft zu schaffen, die deutlich besser ist als die, in der wir heute leben. Wir können ganze Wertschöpfungsketten für etwas Besseres, Individuelleres und Nachhaltigeres aufbauen oder neu erfinden. Die Herausforderung wird die Transformation selbst sein. Wie kommen wir dahin? Wir sprechen von einer sehr großen Veränderung, die alles beeinflusst, was wir tun. Bestehende Jobs werden wegfallen, und neue Jobs werden entstehen. Daher ist eine umfassende Neuqualifizierung von Arbeitskräften notwendig.

Ich glaube, die Unternehmen, die die physische und die digitale Welt gleichzeitig meistern, werden aus dieser Umbruchphase als Gewinner hervorgehen. Und ein Großteil meiner Arbeit in den Aufsichtsräten besteht darin, Unternehmen mit physischen Geschäftsabläufen die digitale Dimension nahezubringen.

Welche Rolle kann die SAP dabei spielen?

Nehmen wir einmal folgendes Beispiel: Siemens stellt Windkraftanlagen her. Diese sind mit Sensoren ausgestattet, die Rückmeldungen zum Wartungszustand und zur Produktivität der Turbinen, zu den Wetterbedingungen geben. Wenn Siemens nicht einfach nur Windkraftanlagen physisch herstellt, sondern die von den Sensoren täglich generierten Daten nutzt, kann das Unternehmen eine wesentlich höhere Produktivität der Maschinen sicherstellen und sogar das Geschäftsmodell vom Verkauf von Windkraftanlagen auf den Betrieb von Windkraftanlagen und die Energieerzeugung umstellen.

Ich sehe die SAP als einen Wegbereiter dieses Wandels. Die SAP muss die Möglichkeiten erkennen, die sich ihr bieten, wenn sie Unternehmen wie Siemens, A. P. Moller Maersk und Allianz hilft, die physische und die digitale Welt zu meistern. Ich glaube, da bietet sich eine sehr große Chance – noch weit größer als ERP in den 1990ern.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach der Arbeitsmarkt entwickeln?

Ich bin sozusagen ein „besorgter Optimist“. Ein Optimist, weil ich glaube, dass diese Zukunft nicht nur in den Aspekten besser sein wird, die ich schon beschrieben habe, sondern dass sie tatsächlich die Gelegenheit für viele neue Ideen und interessantere Arbeitsplätze schaffen wird.

Manche Menschen befürchten, dass Roboter uns am Ende die Jobs wegnehmen. Meiner Ansicht nach müssen wir Roboter einsetzen, um unseren Ressourcenverbrauch zu reduzieren und die Fähigkeiten des Menschen für die Bereiche freizusetzen, in denen sie gebraucht werden. Beispielsweise meine ich, dass es ein Fehler ist, Roboter in der Altenpflege einzusetzen, wie das in Japan geplant ist. Das ist ein Bereich, in dem es auf menschliche Fähigkeiten ankommt. Setzen wir doch Roboter ein, um menschliches Potenzial freizusetzen, und sehen wir sie nicht als Bedrohung. Dann können wir uns von repetitiven Aufgaben befreien und haben mehr Zeit, unsere menschliche und kreative Seite auszuleben.

Wir müssen unsere Bildungs- und Ausbildungskonzepte grundsätzlich überdenken.

„Besorgt“ deshalb, weil wir es hier mit einem sehr großen Umbruch zu tun haben, der sich in relativ kurzer Zeit vollzieht. Wir müssen unsere Bildungs- und Ausbildungskonzepte grundsätzlich überdenken und uns von der Annahme lösen, dass wir die ersten 25 Jahre unseres Lebens mit Lernen und die nächsten 40 Jahre mit Arbeiten verbringen. Wir brauchen kontinuierliche Weiterbildung und Neuqualifizierung. Unternehmen müssen hier eine große Verantwortung übernehmen. Sie müssen ihre Mitarbeiter umschulen, anstatt sie zu entlassen und zu ersetzen, wenn ihre Fähigkeiten nicht mehr gebraucht werden. Aber wenn wir diesen Wandel erfolgreich gestalten, haben wir meiner Meinung nach eine unglaubliche Chance, eine bessere Zukunft zu gestalten.

Sie haben ein Buch über Leadership geschrieben. Was brauchen Unternehmen, die in der digitalen Welt führend sein wollen?

Der Ausgangspunkt für das Buch war meine Erfahrung bei der SAP, die eine wirklich großartige Reise war. Ich habe mich gefragt: „Warum ist die SAP seit so vielen Jahren so erfolgreich?“ Ich bin zu folgendem Schluss gekommen: Die SAP ist an der Spitze der Softwareindustrie und eines der wenigen weltweit führenden Unternehmen mit Hauptsitz in Europa, weil sie die Fähigkeit hat, sich aus einer Position der Stärke heraus neu zu erfinden.

Die meisten Unternehmen warten, bis die Katastrophe über sie hereinbricht. Es wird immer gesagt, dass man eine große Krise, eine „Burning Platform“ braucht, um eine grundlegende Veränderung zu bewirken. Ich glaube, dass man in der digitalen Welt vielmehr die Fähigkeit braucht, „a burning desire“, also einen brennenden Wunsch zu wecken, um sich als Unternehmen neu zu erfinden. Ein brennender Wunsch lenkt die Aufmerksamkeit auf die Chance, nicht auf die Krise.


Dreams and Details 

Jim Hagemann Snabes Buch, Dreams and Details, beschreibt, wie sich Unternehmen neu erfinden und in der digitalen Zukunft erfolgreich sein können. Die Veröffentlichung in englischer Sprache ist für Anfang 2018 geplant.


Deshalb hat mein Buch den Titel „Dreams and Details“. „Dreams“, weil es darum geht, Menschen so zu inspirieren, dass sie einen größeren gemeinsamen Traum, ein übergeordnetes Ziel verfolgen. Dieses Ziel muss etwas mit dem Kerngeschäft, mit der Geschichte des Unternehmens zu tun haben. Man muss seinem Kern treu bleiben, aber mit Blick auf die Zukunft, nicht auf die Vergangenheit.

Bei den „Details“ geht es darum, ein paar wenige Dinge zu beherzigen, die man grundlegend anders machen muss, um den Traum zu verwirklichen. Bei SAP, insbesondere zwischen 2010 und 2014, war das Wichtigste unsere Fähigkeit, schneller Innovationen auf den Markt zu bringen.

Wenn man ein Unternehmen schnell neu erfinden will, sollte man weniger auf KPIs, Pläne und Strukturen setzen. Ich gehe davon aus, dass wir die Zukunft nicht planen können, weil so viele Veränderungen passieren, dass der Plan immer falsch sein wird. Wir brauchen einen großen Traum, an dem alle begeistert mitwirken. Dann müssen wir die Details umsetzen und die Fähigkeiten anwenden, auf die es wirklich ankommt. Und schließlich müssen wir das volle Potenzial der Menschen für ein gemeinsames Ziel freisetzen.


Jim Hagemann Snabe

Jim Hagemann Snabe ist ehemaliger Vorstandssprecher der SAP. Derzeit ist er Aufsichtsrats­vorsitzender bei A. P. Moller Maersk, nominiert für die Position des Aufsichtsratsvorsitzenden bei Siemens sowie stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Allianz. Außerdem ist er Mitglied des Stiftungsrates des Weltwirtschaftsforums.

Mit 25 Jahren Erfahrung in der IT-Industrie richtet Hagemann Snabe sein Hauptaugenmerk auf Unternehmensführung im Spannungsfeld zwischen Innovation, Digitalisierung und gesellschaftlichem Fortschritt. Er und sein Mitstreiter an der damaligen Doppelspitze, SAP-Vorstandssprecher Bill McDermott, haben die strategische Entwicklung der SAP entscheidend vorangetrieben. Gemeinsam haben sie dazu beigetragen, dass das Unternehmen seinen Wert verdoppeln konnte und eine verantwortungsvolle Rolle in der Gesellschaft spielt.

Hagemann Snabe ist akademischer Mitarbeiter und Mitglied der Board Leadership Society in Dänemark. Parallel dazu arbeitet er an der Entwicklung eines neuen Executive-Leadership-Programms an der Copenhagen Business School mit. Aufgrund seiner Arbeiten auf dem Gebiet des digitalen Wandels und dessen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft wurde er 2016 zum Lehrbeauftragten an der Copenhagen Business School berufen.


Weitere Informationen:

Nächste Veranstaltung des SAP-Alumni-Netzwerks mit Jim Hageman Snabe

Nach dem großen Erfolg früherer Events plant SAP die nächste globale Veranstaltung des SAP-Alumni-Netzwerks am 15. Juni 2018 in Walldorf. Neben dem Keynote-Speaker Jim Hagemann Snabe werden weitere ehemalige und aktuelle SAP-Führungskräfte persönlich teilnehmen. Um weitere Einzelheiten zu erfahren, besuchen Sie das SAP Alumni Network.

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