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Jim McKelvey bekämpft Komplexität

Feature | 23. Dezember 2014 von Susan Galer 0

Der IT-Visionär Jim McKelvey spricht im Interview über die Voraussetzungen für Innovation, die Bedeutung von Einfachheit, das, was er als wirklich bahnbrechend ansieht, und seine größte Herausforderung im vergangenen Jahr.

Jim McKelvey hat Square mitbegründet, um Kreditkartenzahlungen zu revolutionieren. Auch als versierter Glasbläser ist er weltweit bekannt. Jetzt will er Silicon-Valley-DNA in sein neuestes Projekt, LaunchCode, einbringen. LaunchCode bildet Programmierer nicht nur aus, sondern verschafft ihnen auch Arbeit – in weniger als sechs Monaten.

Was ist das Geheimnis eines innovativen Unternehmens?

Eine Mischung aus Bescheidenheit und Überheblichkeit. Große Ideen kommen meistens nicht von oben, also braucht man eine gewisse Arroganz, um aus den vielen Lösungen die richtigen auszuwählen, um eine bestimmte Richtung einzuschlagen. Bei einigen Unternehmen findet man das eine oder das andere, aber selten beides zusammen. Ich war früher bei IBM, und die Firma war sehr gut darin, Innovation auf den untersten Ebenen zu fördern, sodass Hunderte von Wissenschaftlern wie ich Neues erfinden konnten. Aber es fehlte immer der zentrale Fokus, der bestimmte Initiativen zum Abschluss brachte. Das war ein Jammer, denn wir hatten großartige Technologien. Man hat das auch bei vielen anderen renommierten Unternehmen gesehen, zum Beispiel Xerox und AT&T, die aus dem, was sie hatten, nie etwas Richtiges gemacht haben. Man braucht eine Reihe guter Ideen, und auf der entsprechenden Ebene müssen der Wille und der Antrieb vorhanden sein, die richtigen Ideen mit Nachdruck voranzutreiben.

Heute ist so oft von bahnbrechend und wegweisend die Rede, dass diese Begriffe fast nichts mehr bedeuten. Was war die letzte echte Innovation, die Ihr Interesse geweckt hat, und warum?

Medellin in Kolumbien war die gefährlichste Stadt auf dem Planeten, wenn man nach der Mordrate, den offenen Kriegen zwischen Drogenbaronen und der Regierung und den bitterarmen Stadtvierteln ging. Tausende von Menschen lebten in den Comunas, die ohne Genehmigung und Planung an den Berghängen entstanden waren und in denen kein Gesetz galt. Die gefährlichste war die Comuna 13 – nicht einmal die Drogenkartelle trauten sich dort hinein. Dann wurden die Treppen, die sich den Berg hinaufzogen, durch Rolltreppen ersetzt, auf denen jeder den Berg hinauf- und hinunterfahren konnte. Die Einbeziehung der Bewohner und etwas bunte Farbe haben das Umfeld völlig verändert. Jetzt kann man dort gefahrlos herumlaufen, wenn es dunkel ist. Das ist wegweisend. Man hat für ein unglaublich schwieriges Problem eine elegante, schöne Lösung gefunden, die die dort lebenden Menschen respektiert und außerdem kostengünstig und äußerst effektiv ist.

Wie definieren Sie Einfachheit?

Damit ich etwas verstehe, muss es ziemlich einfach sein. Zu komplexe Sachen konnte ich nie richtig begreifen. Einfachheit wird für mich durch diese Transzendenz verkörpert, die sich einstellt, wenn das Produkt seine Funktion erfüllt, ohne viel Aufheben darüber zu machen. In meinem Glasstudio zum Beispiel benutze ich tagtäglich ein Werkzeug, das sich seit tausend Jahren nicht verändert hat. Es macht genau, was es soll, auf mühelose und unauffällige Weise. Das ist die Quintessenz der Einfachheit. Man kann nicht einfach Funktionen weglassen und es dann einfach nennen. Etwas muss in seinem Umfeld funktionieren, ohne zusätzliche Ressourcen zu erfordern. Probleme gibt es, wenn wohlmeinende Designer sich in ihr Produkt verlieben und meinen, dass es mehr Aufmerksamkeit verdient, als eigentlich gut wäre.

Was war für Sie die größte Herausforderung im vergangenen Jahr?

Ich stelle mein Geschäftsmodell von Gewinnorientierung auf Gemeinnützigkeit um. Ich konzentriere mich auf LaunchCode, eine gemeinnützige Einrichtung, die Menschen in Arbeit bringt. Die Welt der gemeinnützigen Arbeit ist erstaunlich ineffizient im Vergleich zu dem, was ich gewohnt bin. Also trete ich auf die Bremse, aber ich versuche auch, etwas von der gewinnorientierten DNA, die ich aus dem Silicon Valley mitgenommen habe, in diese gemeinnützige Unternehmung einzubringen. Wir müssen sehr schnell agieren, um unser Ziel zu erreichen. In unserem Pilotprojekt in St. Louis, Missouri, haben wir von 120 Leuten, die keine Programmierkenntnisse oder einen entsprechenden Hintergrund hatten, 90 Prozent auf bezahlte Stellen vermittelt. Es ist großartig, wie ein von Freiwilligen initiiertes Projekt etwas Sinnvolles leistet und das Leben von Menschen verändert.

Sie haben die unterschiedlichsten Karrieren eingeschlagen. Auf welchen beruflichen Erfolg sind Sie besonders stolz und warum?

Square hat Millionen von Leben berührt, aber meine Antwort ist LaunchCode, weil es das Leben der Menschen, mit denen wir gearbeitet haben, tiefgehend verändert hat. Wir sprechen alle Altersgruppen, Ethnien und Geschlechter an. Die Hälfte dieser Menschen sind arbeitslos, 85 Prozent haben keine formelle Programmierausbildung, 45 Prozent haben einen Collegeabschluss, aber nur 15 Prozent davon in einem technischen Fach. Manche haben körperliche Behinderungen und sind wirtschaftlich benachteiligt, und viele waren unterbeschäftigt. Wenn man es zum Beispiel schafft, dass ein Mensch mit Behinderung, der von staatlicher Unterstützung lebt, zum ersten Mal seit zehn Jahren seinen Lebensunterhalt selbst verdienen kann, was uns letztens gelungen ist, ist das eine tolle Sache.

Bild oben: Shutterstock

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