Katalysator der nachhaltigen Entwicklung

Feature | 4. Januar 2008 von Johannes Gillar, Michael Zipf 0

SAP INFO: Zurzeit wird viel über grüne IT geredet. Ist dieser Trend für die Branche auch wirtschaftlich interessant? Oder handelt es sich eher um ein PR-Thema?

Dennis PAMLIN: Vermutlich beides. Einerseits wird heute alles als grün gepriesen, was im weitesten Sinne mit Energiesparen, Verzicht auf Schadstoffe, Umweltschutz oder gar mit humanitären Anliegen zu tun hat, ohne dass ein Bezug zum Kerngeschäft besteht.

Ich glaube und hoffe jedoch, dass man von dieser Masche wieder abkommen wird, denn sie ist nicht glaubwürdig – zumal wenn die betreffenden Unternehmen die Ökologie nicht in ihr Geschäftsmodell einbinden, sondern nur ein oder zwei grüne Alibiprodukte anbieten.

Andererseits bin ich davon überzeugt, dass die Informationstechnik den Übergang in eine sparsame, CO2-arme Ökonomie entscheidend voranbringen wird. Dabei stehen wir erst am Anfang. Die CO2-Reduktion etwa wird sich zum Motor der Innovation und Gewinnsteigerung entwickeln. Beispiele gibt es zur Genüge.

SAP INFO: Wie soll die IT-Industrie mit den ökologischen Chancen und Risiken umgehen?

Pamlin: Darauf lässt sich kaum eine allgemeingültige Antwort geben, weil die Branche sehr vielfältig ist. Man darf nicht vergessen, dass die Informationstechnik als Katalysator wirkt: Sie kann sowohl fragwürdige Trends beschleunigen, mit den bekannten Folgen wie höherem Energie- und Transportaufwand, als auch den Übergang zu einer ressourceneffizienten Wirtschaft – vor allem, wenn man den Hebel weltweit ansetzt und die Schwellenländer einbezieht.

An Beispielen wie China und Indien wird klar, dass die Informatik etwa für eine intelligente Städteplanung unentbehrlich ist. Statt in Kohlekraftwerke sollten wir in Systeme zur Steuerung der Beleuchtung, Heizung, des Verkehrs und der Telekommunikation investieren; langfristig rechnet sich das.

Doch der Stein kommt nicht von allein ins Rollen, weil die heutige Infrastruktur auf die alten Wirtschaftsmodelle mit ihrem hohen Energieverbrauch ausgelegt ist. Die Branche muss aktiv am Strukturwandel mitarbeiten, damit ihre Technik bei der Planung und Finanzierung entsprechender Projekte berücksichtigt wird.

SAP INFO: Manche behaupten, IT und Internet seien Klimakiller.

Pamlin: Dass der Passagier- und Güterflugverkehr zunimmt, liegt nicht am Internet, sondern an der Steuerfreiheit des Kerosins und der Subventionierung des Flughafenausbaus. Beides hat die Politik zu verantworten. Die IT ermöglicht uns, aus der Ferne zu kommunizieren. Wenn dies unbeabsichtigte Nebenwirkungen zeitigt, kann man das nicht der Branche anlasten.

Ein anderes Beispiel: Wenn immer mehr Menschen ins Grüne ziehen, weil sie von zu Hause aus arbeiten können, und der Staat das steuerlich begünstigt oder die Anschaffung PS-starker Autos subventioniert, dann ist wohl kaum die IT-Industrie dafür verantwortlich, sondern wiederum die Politik. Löst eine an sich vernünftige technische Lösung ein unerwartetes Verhalten aus, ist das kein Manko dieser Technik. Vielmehr ist es der politische Rahmen, der bestimmte Trends befördert.

Natürlich trägt auch die Computerbranche zum CO2-Ausstoß bei. Bezogen auf die Produktlebensdauer, wird ihr Anteil auf insgesamt zwei Prozent geschätzt. ITK-Unternehmen müssen also von der Herstellung bis zur Verschrottung auf die Energiebilanz ihrer Geräte achten.

SAP INFO: Wie gehen IT-Firmen das Thema Umweltschutz an?

Pamlin: Die meisten befinden sich in der ersten oder zweiten von drei Phasen. In Phase I begnügen sie sich mit PR-Maßnahmen. In der zweiten bringt man den eigenen Laden auf Vordermann, um ökologisch glaubwürdig zu sein. Derzeit erleben wir den Übergang zu Phase III: Immer mehr Anbieter befassen sich mit der Entwicklung von Produkten oder Dienstleistungen, die andere bei der Überwachung und Reduktion ihrer CO2-Emissionen unterstützen.

SAP INFO: Nennen Sie uns ein Beispiel?

Pamlin: Wirbt ein PC-Hersteller damit, dass er für jeden bei ihm gekauften Rechner einer Naturschutzorganisation eine Spende überweist, dann befindet er sich in der PR-Phase und will Problembewusstsein demonstrieren. In der zweiten Phase würde er nach Möglichkeit auf Schadstoffe verzichten und den Stromverbrauch seiner Produkte senken.

In Phase III könnte es heißen: “Als Dreingabe zu unserem Laptop erhalten Sie eine Software, mit der Sie von zu Hause aus arbeiten oder Ihre Bankgeschäfte erledigen können. Wir sorgen auch dafür, dass Sie jederzeit mit Ihrem Server verbunden sind, damit Sie weniger zu drucken brauchen und somit Ihren Ressourcenverbrauch verringern. Außerdem verrät Ihnen unsere Software, wie viel Kohlendioxid Sie mit alledem einsparen.”

SAP INFO: IT-Hersteller sollten sich also nicht auf das Thema Treibhausgase fixieren?

Pamlin: Nein. Kohlendioxid ist zwar ein guter Indikator: Ein Unternehmen, das sich um Klimaschutz und Energiesparen bemüht, ist in der Regel auch für andere Umwelt-fragen offen. Dazu gehören der Umgang mit giftigen Stoffen, die Entsorgung von Elektroschrott, die Wahl des Materials und die Logistik. Es wäre kontraproduktiv, sich nur auf einen Aspekt zu beschränken.

Sie können sich natürlich jahrelang damit beschäftigen, den von Ihnen hergestellten Computer ökologisch zu optimieren. Doch wenn sie dabei außer Acht lassen, wie der Kunde das Gerät verwendet, ist das Verhältnis zwischen Ihrer Investition und dem Umweltnutzen suboptimal.

SAP INFO: Welche Rolle können Softwarehäuser wie die SAP in der grünen IT spielen?

Pamlin: Im Wesentlichen geht es darum, wie wir Software konzipieren und programmieren. Das betrifft die Mikroebene der Funktionalität, die eine ökologisch tragbare Interaktion unterstützen soll, ebenso wie die Systemarchitektur, die die Übermittlung der richtigen Information zur rechten Zeit gewährleistet.

Häufig fehlt den Unternehmen der Zugriff auf die Daten, die sie zur umwelt- und sozialverträglichen Geschäftsführung brauchen. Die angesprochene Überwachung der CO2-Emissionen ist ein Kernpunkt, in dem Softwareentwickler die Umweltstrategien der Wirtschaft flankieren können.

Ich hoffe, dass Programmierer und Systemarchitekten die nächste Generation grüner Unternehmer bilden, die intelligente Lösungen und Dienste bereitstellen und ihre Kunden mit den richtigen Informationen versorgen.

SAP INFO: Wissen die Unternehmen, inwieweit Umweltthemen ihr Geschäft beeinflussen?

Pamlin: Teils, teils. Manche stocken einfach ihr PR-Budget auf, doch immer öfter schaut man auch auf den geschäftlichen Nutzen. Das Paradebeispiel sind Flüge und Videokonferenzen. Wenn die Technik ausgereift ist, und das trifft auf die neuen Systeme zu, werden die Unternehmen sie kaufen. Nicht, weil sie die Welt retten wollten, sondern weil es billiger ist als Fliegen.

Dieser Ansatz, grüne Produkte und Services nicht mit ökologischen, sondern mit wirtschaftlichen Argumenten zu vermarkten, wird sich hoffentlich auf breiter Front durchsetzen.

SAP INFO: Neben Umweltbelangen haben Aktiengesellschaften vor allem die Interessen ihrer Eigner zu bedienen. Wie bringt man beides miteinander in Einklang?

Pamlin: Das ist eine entscheidende Frage: Wie findet man das Gleichgewicht zwischen langfristigen Zielen und kurzfristigen Sachzwängen. Zum Geschäftsumfeld gehören nicht nur die Aktionäre, sondern auch der Kunde. Sie können wunderbare Dinge entwickeln, die dem Planeten nützen, aber wenn keiner sie kauft oder der Preis zu hoch ist, erreichen Sie nichts.

Man muss einerseits austesten, wie weit man innerhalb des Systems gehen kann, andererseits mit Kunden, anderen Unternehmen und der Politik im Gespräch darüber bleiben, wie man Rahmenbedingungen setzt, unter denen nachhaltige Lösungen entstehen. Um auf grüne IT umzusteigen, muss man beispielsweise dem Einkauf beibringen, in Services statt in Produkten zu denken. Sie brauchen heute kein Flugticket mehr, um sich mit den Kollegen in Übersee zu treffen.

Meist aber bedarf es eines differenzierteren Ansatzes, um Ergebnisse zu erzielen. So müsste der Staat intelligente Gebäude fördern, die zwar teurer zu errichten, aber günstiger zu unterhalten sind. Noch lassen wir den Bau “dummer” Häuser mit hohem Energieverbrauch zu, der größtenteils durch Kohlekraftwerke gedeckt wird. Stattdessen brauchen wir Gebäude, die Heizung, Licht und sonstige Stromverbraucher bedarfsgerecht steuern. Das wiederum erfordert mehr Rechner, Sensoren und Software.

SAP INFO: Gleichwohl bleiben die Unternehmen ihrem rechtlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeld verhaftet.

Pamlin: Das stimmt. Es gibt zahlreiche rechtliche und wirtschaftliche Hürden. Mancher neue Service rechnet sich einfach nicht, selbst wenn die Nachfrage besteht und die Umwelt davon profitieren würde, weil der Gesetzgeber hinterherhinkt.

Unternehmen, die an die Grenzen des Systems stoßen, müssen von der Politik neue Regularien fordern, etwa im Steuerrecht. Ihren Kunden sollten sie raten, ihre Einkaufspraxis zu ändern, da der ökologische Anspruch sonst ein Lippenbekenntnis bleibt.

SAP INFO: Sind Gesellschaft und Politik dazu bereit?

Pamlin: Mittlerweile ist sicher jedem klar, dass wir dringend den Übergang in eine ressourcenschonende, CO2-sparsame Gesellschaft schaffen müssen. Vom Kopf her wird das verstanden, doch weder unsere Traditionen noch die Wirtschaft sind darauf ausgerichtet, und daher legt jeder die Regeln zu seinen Gunsten aus. Das heißt jedoch nicht, dass wir noch mehr Vorschriften bräuchten. Nötig sind bessere, unkomplizierte, verständliche Gesetze.

An ihrer Entwicklung muss die Wirtschaft mitarbeiten. Schließlich bringt sie die technischen Innovationen auf den Weg, erkennt Trends und Marktpotenzial. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Dialog, an dem sich die Unternehmen beteiligen.

SAP INFO: Warum befassen sich Naturschutzorganisationen wie der WWF mit der grünen IT?

Pamlin: Früher haben die Umweltverbände in erster Linie Aufklärungsarbeit geleistet. Heute sind sich die meisten Menschen der Bedeutung der Ökologie bewusst. Es geht uns nicht darum, Unternehmen an den Pranger zu stellen. Wir bieten ihnen vielmehr an, sich unseres Expertenwissens zu bedienen, um ihre Gewinnchancen in einer CO2-armen Wirtschaft auszuloten. Die grüne IT ist also ein Umweltthema mit Zukunft.

World-Wide Fund for Nature

Gegründet 1961 als World Wildlife Fund, ist der World-Wide Fund for Nature (WWF) heute mit fast fünf Millionen Förderern die größte Naturschutzorganisation der Welt. In hundert Ländern arbeitet er mit Behörden aller Verwaltungsebenen, mit Unternehmen und Stiftungen sowie mehreren tausend Wissenschaftlern und Partnerverbänden zusammen.

Der WWF versteht die Biosphäre als kompliziertes, empfindliches Beziehungssystem aus Flora und Fauna, Menschen, Lebensräumen, politischen und marktwirtschaftlichen Kräften. Sinnvoller Naturschutz erfordert die Berücksichtigung aller dieser Faktoren.

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