Kein Abschied von Innovation

Feature | 23. August 2006 von admin 0

Capability Maturity Model Integration

Capability Maturity Model Integration

Die Parallelen zwischen klassischen industriellen Prozessen und denen der Softwareentwicklung sind immer deutlicher erkennbar. Der Begriff Qualitätssicherung etwa wurde direkt aus der klassischen Industriefertigung übertragen, die Capability Maturity Model Integration ist in die Softwarebranche vorgedrungen. Auch die Massenproduktion, ein Phänomen der Industrialisierung, zeigt sich inzwischen bei der Erstellung von Software. Zwar sind hier – anders als bei klassischen Industrieprodukten – die Fertigungskosten des einzelnen Produkts, etwa des Datenträgers, zu vernachlässigen. Übertragbar ist hingegen, dass sich die teilweise enormen Entwicklungskosten durch den Verkauf hoher Stückzahlen reduzieren lassen.

Folgen der Industrialisierung

Folgen der Industrialisierung

Automatisierung war in der Softwareentwicklung von Anfang an ein Ziel. Im Gegensatz zur klassischen Industrie zielt die Rationalisierung – eine Folge der Automatisierung – hier jedoch weniger darauf ab, menschliche Arbeit zu reduzieren, als vielmehr darauf, mehr und komplexere Systeme zu erzeugen. Auch die Tendenz, Produkte zu standardisieren, ist in der Softwareentwicklung vorhanden. Programmiersprachen beispielsweise helfen dabei zu normieren. Der Massenmarkt für PCs und die dazugehörige Software sind erst durch proprietäre Standards, etwa das Windows-Betriebssystem, erschlossen worden. Die Standardisierung schreitet voran. Das verdeutlicht das wachsende Interesse an Plattformstrategien, deren Kunst darin besteht, weit gefächerte individuelle Bedürfnisse mit wenigen Basisvarianten zu befriedigen.
Industrialisierung zieht auch eine Verringerung der Fertigungstiefe nach sich. Unternehmen verzichten darauf, bestimmte Komponenten herzustellen, und kaufen diese stattdessen zu. Damit erzielen sie bessere Preise und eine höhere Qualität. Ein Automobilhersteller hebt sich heute nicht mehr nur durch Kompetenz in der Fertigung ab. Erfolgreich ist, wer das Gesamtsystem beherrscht und die Prozessführerschaft inne hat. Software ist heute kein einzelnes Produkt mehr, sondern Bestandteil in Alltagsdingen wie Autos oder Produktionsanlagen. Informatiker müssen auch die von Rechnern gesteuerten komplizierten Systeme verstehen und beherrschen. Im Automobil-Bereich etwa ist der Elektronik- und Software-Anteil in Fahrzeugen ein wesentlicher Innovationsmotor. Ganzheitliches Denken in Systemzusammenhängen ist erforderlich, um das Gesamtsystem „Fahrzeug” zu beherrschen.

Mehr als nur Commodity

Mit Industrialisierung und Standardisierung geht meist einen Commodity-Effekt einher: In Masse produzierte Dinge werden zu gewöhnlichen Waren, so genannten Commodities, die sich von vielen Herstellern produzieren lassen. Die Rationalisierung senkt die Herstellungskosten rapide, und diese nähern sich den Verkaufspreisen an. Die Preisspirale dreht sich immer weiter nach unten. Für manche liegt daher die Vermutung nahe, dass Software im Zuge dieser Entwicklung selbstverständlicher und stets verfügbar wird, ähnlich wie Elektrizität. Das heißt aber nicht unbedingt, dass sie unbedeutender wird. Commodity-Effekt und Standardisierung schließen Innovation nicht zwangsweise aus. Unternehmen haben in der Folge dieser Kommoditisierung die Wahl: Automatisierung und Rationalisierung zwingen zu einer gewissen Größe, um witschaftlich zu arbeiten. Eine hohe Wertschöpfung ist aber auch durch Innovation und Spezialisierung möglich. In der Softwarebranche gibt es sowohl bei Lösungen, die durch Software erzielt werden, etwa Anwendungen, als auch bei der Softwareerstellung selbst durchaus noch Platz für Neues. Höhere Abstraktionsebenen wie BPEL oder SOA bilden inzwischen die Basis für Innovation. Zwar wird immer mehr Software standardisiert, doch bleibt wahrscheinlich auch in Zukunft ein bedeutender Teil des Angebots mehr als nur gewöhnliche Ware. Gerade durch die Fortschritte der Standardisierung erschließen sich neue Anwendungsgebiete. Komplexere Aufgaben lassen sich zudem lösen, indem vorhandene Komponenten integriert werden – und das zu vertretbaren Kosten und abgestimmt auf Anwenderbedürfnisse.
Eine weitere Konsequenz der Industrialisierung ist, dass immer mehr Produkte zusammen mit Dienstleistungen verkauft werden. Beim Auto etwa heißt das: Es geht hier nicht nur um den Gegenstand, sondern auch um die Leistung Mobilität. Im Fall von Software reicht das Angebot von traditioneller Wartung bis zur kompletten Veränderung des Preis- und Betriebskonzepts hin zu dem so genannten Utility Computing. Ähnlich wie beim Strom- oder Telefonnetz bezieht hierbei der Kunde IT-Leistungen von einem Serviceprovider, der die Services nach Verbrauch abrechnet. Auch das Management ist von der Industrialisierung betroffen. Es muss verstärkt über Kennzahlen steuern und ökonomische Fragen in den Vordergrund rücken. Die Infrastrukturen verändern sich: Um Skaleneffekte und Kostenvorteile zu erzielen, konsolidieren Unternehmen ihre Rechenzentren und bauen Server-Farmen und Kommunikationswege aus. Im Markt hat die Industrialisierung zur Folge, dass sich die wirtschaftliche Macht zunehmend ballt, indem sich Unternehmen zu immer größeren Unternehmen und Konzernen zusammenschließen. Ein anhaltender Konzentrationsprozess beginnt.

Koordination ist alles

Für Softwarelieferanten ändert sich einiges: Der Preisdruck steigt, der Commodity-Effekt zwingt zu Größe oder Nische. Sie müssen Prozesse zerlegen, um die Softwareentwicklung zuverlässig zu steuern, und gezielt versuchen, von den Vorteilen der Industrialisierung zu profitieren – indem sie beispielsweise besondere Werkzeuge verwenden, Spezialisten hinzuziehen oder kompetente (Sub-)Lieferanten einbinden. Projekte räumlich verteilt zu realisieren, sichert Kostenvorteile durch Offshoring. Projekt- und Schnittstellen-Management, Koordination, die Abnahme von Zulieferungen und Qualitätssicherung gewinnen dadurch beispielsweise für deutsche Lieferanten an Bedeutung. Softwarearchitektur, Konzeption und Beratung rücken stärker in den Vordergrund, und das Verständnis für die fachliche Anwendung wird noch wichtiger als ohnehin schon.
Auch der Kunde ist gefordert. Er muss sich noch stärker als bisher entscheiden, ob er eine billige oder eine schnelle Lösung anvisiert, ob er auf Standards oder auf Innovation setzt. Zulieferungen müssen gezielt eingekauft und gesteuert werden, gegebenenfalls über mehrere Stufen hinweg und räumlich verteilt. Der Umgang mit anderen Mentalitäten und Arbeitskulturen wird möglicherweise zu einem wichtigeren Faktor als das Beherrschen der Technik. Unter Umständen erfordert etwa die „Mehrklassengesellschaft“, die durch das starke Lohngefälle von On- und Offshore-Mitarbeitern entsteht, eine psychosoziale Bewältigung. Beim Lieferanten wie beim Kunden nehmen Aufgaben wie Management, Koordination und Konzeption immer mehr Raum ein. Entwickler verstehen sich zunehmend als Industrieingenieur und nicht – wie heute noch oft – als Kunsthandwerker. Professionalisierung und verbesserte Prozessbeherrschung erfordern mehr Disziplin bezüglich des Vorgehens.

Fundament für den Erfolg

Das Thema Industrialisierung betrifft alle Bereiche: Es kommt darauf an, Werkzeuge zu verbessern, Komponenten geschickt zu verwenden, Projekte effizient zu steuern und Kosten zu optimieren. Doch die Kosten sind nicht immer entscheidend, hier geht es auch um Innovation. Von Software-Lieferanten wird erwartet, dass sie innovativ sind, um bessere Software zu produzieren: Dazu gehört, etwa durch die Integration von Komponenten eine größere Komplexität zu beherrschen, wartungsärmere Software zu entwickeln, neue Anwendungsbereiche zu erschließen und gezielt Qualität zu erzeugen. Denn die Phänomene der Massenproduktion werden Individualisierung und Innovation nicht vollkommen verdrängen. Software-Engineering und seine Weiterentwicklung sind die Voraussetzung für eine erfolgreiche Industrialisierung. Daher gibt es trotz aller Veränderung auch Konstanten: Eine exzellente Informatikausbildung in Theorie und Praxis bleibt elementar, ebenso das Programmieren. Sie sind grundlegend für Architekturberatung und -entscheidung, das Design und die Produktauswahl.

Dr. Dirk Taubner

Dr. Dirk Taubner

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