“Kommerzielles Grid ist keine Vision mehr”

Feature | 19. Januar 2004 von admin 0

Michael Fehse

Michael Fehse

Warum sind Sie so zuversichtlich, dass Grid-Computing allgemein verfügbar wird?

Fehse: Im technisch-wissenschaftlichen Umfeld sind Grid-Systeme gang und gäbe. Sie bestehen aus ungenutzten Rechenressourcen unterschiedlicher Einrichtungen, die als Cluster zusammen geschaltet werden können. Das größte Cluster von PCs bildet Seti@Home, die Initiative zur Erforschung von außerirdischer Intelligenz. In Ungarn wurde zum Beispiel ein Supercomputer aufgebaut, der aus tausend PCs besteht, die tagsüber in der Schulung im universitären Umfeld eingesetzt werden und nachts, wenn sie unbeschäftigt sind, einen Supercomputer bilden. Es gibt im technisch-wissenschaftlichen Bereich heute bereits mehr als 10 000 Grids. Sie funktionieren gut, aber die Anforderungen aus den Unternehmen und der Wirtschaft werden dort nicht erfüllt. Das wollen wir ändern. Wir verfolgen mit ‚Next Generation Grid’ oder ‚Commercial Grid’ das Konzept, wissenschaftliche Grids in ein kommerzielles Umfeld zu transportieren.

Was fehlt denn noch auf dem Weg zum kommerziellen Grid?

Fehse: Herkömmliche Grids sind auf “Number Crunching” getrimmt. Da heißt, sie verarbeiten in Rekordzeit riesige Datenmengen – zum Beispiel, um Vorgänge auf oder in der Sonne zu simulieren, Eiweißmoleküle zu berechnen oder um Versuche im Teilchenbeschleuniger des europäischen Forschungszentrums CERN auszuwerten. Hier geht es mittlerweile um Datenmengen von zwei bis dreistelligen Petabytes. Ein Petabyte, das sind eintausend Terabytes – eine Eins mit 15 Nullen. Aber nachteilig für einen kommerziellen Service ist, dass dies meist durch sehr exotische Netzwerkprotokolle wie Inifiniband oder Myrinet geschieht. Diese Anwendungen basieren auch nicht auf klaren Service Level Agreements; statt dessen wird so genanntes “Cycle Scavaging” betrieben. Darunter ist ein Herumwildern im Netz zu verstehen, um sich CPU-Zyklen von irgendwo her zu ergattern.

Was wollen Sie den Anwendern in den Unternehmen auf der Basis kommerzieller Grids bieten?

Fehse: Desaster Recovery, Redundanz, Ausfallsicherheit – das ist das wichtige Versprechen, das wir einlösen wollen. Das kommerzielle Grid kann die Attribute des Grids verwerten, die bei den Wissenschaftlern gar nicht so sehr ins Gewicht fallen. Das betrifft die flexible Architektur. Grids sind so beschaffen, dass sie den Ausfall einer Komponente als normal ansehen. Sie sind von der Architektur darauf vorbereitet, extrem schnell auf einen Ausfall ohne Verluste zu reagieren. Wenn irgendwo Kapazitäten ausfallen, auch im größeren Umfang etwa durch eine Brandkatastrophe oder im typischen Fall, wenn ein Bagger ein Kabel durchreißt, organisiert das Grid automatisch im Netzverbund den Ersatz. Da alles über IP-Adressen geregelt ist, kann der Ersatzrechner ruhig in New York stehen, ohne dass ein riesiger Aufwand wie heute betrieben werden muss.

Wie stellen Sie sich so ein Geschäftsmodell vor?

Fehse: Das System wird auf Regeln basieren, die von Service Level Agreements abgeleitet werden. Dem Anwender und Kunden werden seine Services gewährleistet. Er bekommt die IT-Ressourcen , meist ohne sie gesondert bestellt zu haben, wann immer er beziehungsweise seine Anwendungen es brauchen. Grundsätzlich wird es drei Partner in diesem Geschäft geben. Da sind die Anwender, die Rechenleistung nutzen möchten. Dann gibt es die Vermittler oder Koordinatoren. Und schließlich die direkten Anbieter von Ressourcen. Derjenige, der seine Ressourcen zur Verfügung stellt, muss nicht automatisch der sein, der auch die Anwendungen und den Service anbietet. Wo genau die Schnittstellen verlaufen, wird gerade in Projekten gemeinsam mit der EU und großen Unternehmen entwickelt.

Wo sehen Sie die Ressourcen für kommerzielles Grid?

Fehse: Große Firmen haben enorme Mengen an nicht genutzten PCs. Die von T-Systems betreuten Kunden verfügen allein schon über eine Computerleistung in der Größenordnung von 1 Mio. PCs. Aber Grids sind ja nicht nur auf PCs beschränkt. Wir sind genau so in der Lage, bei T-Systems unsere etwa 30.000 Server zusammen zu schalten. Und genauso könnten andere Systeme gebündelt werden, auch sehr gemischte. Erste Versuche mit heterogenen Grids sind sehr positiv verlaufen. Das heißt, man muss noch nicht einmal darauf achten, einheitliche Ressourcen zu “clustern” im Sinne von nur Blade-Center oder Nur-Mainframes oder nur PCs.

Wie werden Grids mit transaktionalen Anwendungen fertig?

Fehse: Hier ist noch Forschungs- und Entwicklungsarbeit notwendig. In speziellen Fällen wie Webshops und relationalen Datenbanken ist das heute zwar kein Problem mehr. In komplexen Anwendungen aber, in denen mehrere unterschiedliche Arten von Transaktionen stecken wie zum Beispiel in ERP-Lösungen, sind wir noch lange nicht so weit. Die Hauptproblematik in diesen transaktionalen Systemen ist, dass einige Jobs immer weiter laufen. Im wissenschaftlichen Umfeld dagegen ist alles berechenbar. In einem transaktionalen System ist es nicht möglich, die Ressourcen-Nutzung vorherzusagen. Das ist ein Problem.

Können Sie Sicherheit und Persönlichkeitsschutz garantieren, wenn Daten in offenen Standards wie beispielsweise XML in den Grids verarbeitet werden?

Fehse: Vor einem halben Jahr hätte ich gesagt, das ist ein Showstopper. Jetzt sind wir weiter. Das Hauptproblem besteht darin, dass klassische Screening-Technologien nicht das Dokument, sondern nur Bits- und Byte-Pakete sehen. Klassische signatur-basierte oder verkehrswege-basierte Intrusion Detection Verfahren oder andere Firewall-Funktionalitäten versagen hier völlig. Das heißt, man muss sich das gesamte Dokument anschauen. Das ja eventuell teilverschlüsselt ist. Wie gehe ich dann mit den Verschlüsselungscodes um? Das ist zu klären. Wir haben ein Projekt zusammen mit einigen Firmen und mit einigen größeren Agenturen aufgesetzt, die auf diesem Gebiet spezialisiert sind.

Wie sehen die Geschäftserwartungen aus?

Fehse: Das kommerzielle Grid ist nicht mehr nur eine Vision. Wir haben damit ein völlig neues Operationsmodell entwickelt und können Ressourcen autonom, automatisch und dynamisch bereitstellen. Wir gehen davon aus, dass Grid-Technologien auf breiter Basis die Qualität unserer Dienstleistungen verbessern und meist versteckt in unseren Services erscheinen werden. Wir meinen, diese Technologie ist so bahnbrechend und grundlegend, dass das Nicht-Mitmachen ein ähnlicher Fehler wäre, wie nicht das Internet zu nutzen. Und demzufolge müssen wir gar nicht rechnen, wie viel Mehrumsatz wir damit machen könnten, sondern wir müssen uns nur anschauen, wie groß die Bedrohung ist, wenn wir es nicht tun würden.

Auf welche Zeiträume muss man sich einstellen?

Fehse: Ich rechne Ende 2004 mit ersten marktreifen kommerziellen Grid-Systemen. Eine Welle von Grid-Services-Angeboten ist – denke ich – Mitte 2005 zu erwarten. Generell verfügbar werden die Dienste Ende 2005 sein.

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