Komplexität in den Griff bekommen

Feature | 23. April 2008 von Dr. Jörg Hattwig 0

Aus diesem Grund haben die Veranstalter der SOA Days 2008 die vorher in Business- und Technology-Days getrennte Veranstaltung zu einem Event “integriert”. Das Credo des „Hausherrn“ der Veranstaltung, Dr. Johannes Helbig von der Deutsche Post AG: „Wir glauben, dass die Trennung in Business und IT zunehmend künstlich ist. Bei SOA überwiegt der Business- und Nutzen-Aspekt.“ 270 Anwender, Berater und Hersteller-Mitarbeiter konnten sich im Bonner Post-Tower davon überzeugen.

Die Unternehmensgrenzen in einer globalisierten Welt verschwimmen mehr und mehr. Geschäftsprozesse laufen über Unternehmensgrenzen hinweg, zunehmend sind Partner und Kunden eingebunden. Ähnliches gilt für die Anwendungen selbst. Es wird zunehmend irrelevant, ob Prozesse in der eigenen Anwendungs-Domäne oder der des Partners laufen. Die Zusammenarbeit von Applikationen zwischen Unternehmen und seinen Partnern wird ein Schlüsselfaktor für den Geschäftserfolg.

Eine gemeinsame Sprache

IT ist hier der Ansatzpunkt, um die eigene Anwendungslandschaft zu entflechten und die der Partner anzukoppeln. SOA-Konzepte eignen sich dafür dank servicebasierter Interaktionen und Protokolle und vor allem auch durch eine gemeinsame Sprache zwischen Business und IT – und das über die eigenen Unternehmensgrenzen hinaus.

Dass dieser Ansatz in der Praxis funktioniert, zeigt das Bestell-Management der Deutschen Post und ihrer Geschäftspartner. Dort arbeiten 1.200 Mitarbeiter und 10.000 externe Anwender erfolgreich zusammen. Das System verarbeitet bis zu 10.000 Transaktionen stündlich und 3,5 Millionen Aufträge jährlich.

Die SOA Days 2008 belegen: Service-orientierte Architekturen sind kein Modethema, sondern werden von den Anwendern selbst nach vorne getrieben wird – meisten mit einer vergleichsweise kleinen SOA-Task-Force. Die Vorträge der SOA Days 2008 – meist von großen Unternehmen – zeigen, dass ein gemeinsamer Grundstock an Erfahrungen und Wissen vorliegt. SOA-Aktivitäten bewegen sich zunehmend in dieselbe Richtung, anders als noch vor wenigen Jahren. Die Unternehmen haben erkannt, dass sie das Management ihrer hochkomplexen IT-Systeme in den Griff bekommen müssen.

Modulstrategie auf die IT übertragen

Dr. Michael Gorriz, CIO der Daimler AG, führt SOA ein, um seinen Anwendern eine möglichst flexible Umgebung zur Verfügung zu stellen – in der sie Geschäftsprozesse rasch erweitern und anpassen können. Seine Grundannahme dabei: „In einem Konzern, der sich schwerpunktmäßig mit der Fahrzeugherstellung befasst, sollte Wiederverwendbarkeit gegeben sein.“ Das „Muster“ hat Gorriz der Produktion abgeschaut. Denn der Fahrzeugbauer selbst arbeitet dort mit einer Modulstrategie. Ein Baukasten mit rund 100 Modulen, soll dort künftig für alle Mercedes-Baureihen verfügbar sein. Daimler-CEO Dieter Zetsche will hierdurch die Komplexität deutlich reduzieren und gleichzeitig die Qualität weiter verbessern, Kosten senken und Entwicklungszeiten verkürzen.

Das SOA-Referenzmodell des Automobilherstellers arbeitet mit einem Enterprise Service Bus, der die vier Anwendungsblöcke SAP, J2EE, Mainframe und .NET verbindet. Mitarbeiter von Gorriz haben bereits Prototypen für SOA-konforme Anwendungen entwickelt, beispielsweise für den Bestellanforderungsprozess. Sie haben hierfür den BANF-Service von SAP eingebunden. Ein 2D/3D-Teilevisualisierungsdienst nach SOA-Prinzipien soll es möglich machen, bereichsübergreifend bereits im frühen Entwicklungsstadium von den unterschiedlichen Systemen und Clients auf Visualisierungsdaten zuzugreifen.

Darüber hinaus werden Gorriz und sein Team auf Basis ihrer SOA-Roadmap weiterarbeiten, deren Umsetzung sie kontinuierlich überprüfen und auch turnusmäßig verifizieren. Gorriz wies darauf hin, dass SOA eine konsequente Bebauungsdokumentation erfordere. Da diese von den Fachbereichen schwer zu bekommen sei, habe die IT diesen Punkt selbst erledigt und dazu die Prozessmodelle der Fachbereiche gesammelt. Heute, so Gorriz, befinden sich 576 Prozesse in der Sammlung, nach denen die Anwendungen kategorisiert werden.

Flexibilisierung der IT

Für Dr. Claus Hagen, Director Integration Architecture bei Credit Suisse, ist SOA ein wichtiger Ansatz, die IT flexibler zu gestalten. Seine Bank arbeitet seit 1998 in vier größeren Projekten mit SOA.

So bietet der 1998 entwickelt Credit Suisse Information Bus (CSIB) heute über 1000 Services. Alle Anwendungen für das Private Banking nutzen diese Dienste oder bieten sie an. Früher, so Hagen, waren die Kernsysteme sehr verwoben, eine Strukturbereinigung dringend notwendig. Heute sind alle Domänen und High-Level-Komponenten über Services verbunden, die sich nur über den CSIB aufrufen lassen. Ein direkter Zugriff ist nicht möglich.

Hagens Erfahrungen zufolge trägt SOA erst dann Früchte, wenn den Anwendern eine kritische Masse an Services zur Verfügung steht. Diese wurde von der Credit Suisse nach etwa vier Jahren erreicht. Heute laufen täglich 15 Millionen Calls über den CSIB, der damit aber auch an seine Grenzen stößt: Das Management wird bei über 1000 Services aufwändiger. Deshalb will die Bank ein Business-Service-Modell entwickeln und langfristig auf Web-Services umsteigen.

Mit Global SOA ist Credit Suisse 2005 gestartet und hat bisher 30 Web-Services entwickelt, die weltweit implementiert wurden. Ziel ist es, Frontend-Anwendungen mit verschiedenen lokalen Backend-Systemen wieder zu verwenden. Für die Governance griff die Bank auf Strukturen aus dem CSIB-Projekt zurück. Ebenfalls 2005 startete Credit Suisse das Projekt „Disentangling the Mainframe“ (DiMa). Die monolithische Mainframe-Applikationslandschaft mit 17 Millionen Zeilen Programmierung soll entflochten und modularisiert werden – damit es wieder leichter wird, sie zu warten.

Das vierte SOA-Projekt ist das Banking Industry Architecture Network (BIAN). Credit Suisse hatte es 2006 zusammen mit SAP und elf Großbanken gestartet – mittlerweile sind 36 Finanzdienstleister beteiligt. BIAN soll Struktur, Systematisierung und Inhalt einer Service-orientierten Architektur für Banken definieren und auch einen gemeinsamen Services-Katalog enthalten. Außerdem soll für Komponenten, die auf einer gemeinsamen SOA-Schicht beruhen, ein Markt geschaffen werden.

Und schließlich plant Hagen noch, die Transaktionsverarbeitung vom Mainframe nach Java zu verlagern – bei einer Anforderung von 500 Transaktionen in der Sekunde. Denn, so Hagen, SOA erlaube das Nebeneinander von Mainframe- und Server-basierten Transaktionssystemen.

Offene Fragen bei der SOA-Umsetzung

Neben diesen Beispielen zeigten viele Vorträge auf den SOA Days aber auch, wie schwierig es sein kann, das SOA-Konzept in operative Prozesse umzusetzen. Wie „schneiden“ die Unternehmen beispielsweise Web-Services vernünftig zu, damit sie nicht zuviel oder zu wenig Funktionalität haben? Wie können sie mit Hilfe einer Modell-getriebenen Architektur Services generieren? Oder grundlegender noch: Was ist beispielsweise ein guter Service? Wie sieht ein gutes Service-Design aus? Woran lässt sich eine gute Architektur erkennen?

Als Hauptargumente für SOA-Konzepte gelten „Flexibilität“ und „Wiederverwendbarkeit“. Aber: Wie misst man die Flexibilität einer Anwendungslandschaft? Soll es belohnt oder bestraft werden, wenn Services wieder verwendet werden oder nicht – und wenn ja, wie? Wie lassen sich Erfolg und richtiger Zuschnitt der Service-Landschaft messen? Und schließlich die Gretchenfrage: Wie lässt sich Qualität zu vertretbaren Kosten garantieren?

Johannes Helbig, der Veranstalter der SOA Days fasst zusammen: „Diese Fragen beschäftigen uns im Alltag. Die meisten sind vielleicht theoretisch gelöst, doch noch lange nicht umgesetzt.“

SOA Innovation Lab

Doch hierbei will das im Herbst 2007 gegründete SOA Innovation Lab helfen. Die erste deutsche Anwendervereinigung für SOA und Enterprise Architecture Management (EAM) umfasst mehr als 20 Unternehmen, die gemeinsam ihr Wissen weiter entwickeln wollen. Auf ihrer Agenda stehen Themen wie eine EAM-Landkarte, SOA-Trainings oder SOA-Technologie-Stacks. Geplant sind auch Arbeitsgruppen zu Governance, Modellierung oder Business Case/Argumentation.

Dass gerade die letztgenannten Punkt alles andere als trivial ist, belegen zwei Antworten auf die Frage, wie der CIO seinem CEO eine SOA verkaufen kann. „Ich argumentiere nicht mit SOA, ich verstecke sie in meinem Budget“, sagt Daimler-CIO Gorriz. Bei einem IT-Etat von rund zwei Milliarden Euro dürfte das vergleichsweise einfach sein. Kurt Lermann, Chief Architect Group Functions bei der Zurich Insurance, ist einen anderen Weg gegangen – und fasst zusammen: „Es ist kein vergnügungssteuerpflichtiger Prozess, drei CEOs und COOs von SOA zu überzeugen, so dass sie dafür Geld investieren.“

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