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Feature | 6. September 2004 von admin 0

Über 550 LKWs fahren täglich die Filialen des russischen Einzelhändlers Lenta in St. Petersburg an. Sie beliefern die Filialen in der Fünf-Millionenmetropole mit Lebensmitteln und leicht verkäuflichen Produkten aus dem Non-Food-Bereich. Täglich sind es rund 150 Tonnen pro Store. Lenta setzt dabei auf das Discounterprinzip mit günstigen Konsumgütern und Öffnungszeiten an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr. In nur zehn Tagen wird der komplette Warenbestand einmal umgesetzt. Mit seinem Konzept gilt das Unternehmen als Pionier des russischen Einzelhandels. Denn die russische Bevölkerung kauft nach wie vor großteils in kleinen “Tante Emma”-Läden ein. Häufig werden Waren auch über mehrere Stationen weiterverkauft, bis sie zum eigentlichen Endverbraucher gelangen. Doch das wird sich ändern. Bereits heute zieht Lenta mit seinem Konzept, auf großer Fläche ein begrenztes Sortiment an schnell drehenden Markenartikeln zu verkaufen, täglich mehr als 40.000 Kunden an. Tendenz weiter steigend. Die rund 2.500 Mitarbeiter von Lenta werden im Jahr 2004 den Umsatz voraussichtlich auf 480 Millionen US-Dollar verdoppeln.

Lösung mit Weitblick

Zu den anfangs vier Filialen ist im Juni dieses Jahres ein weiterer Markt mit einer Fläche von 20.000 qm hinzugekommen. Und die nächste Filialeröffnung ist bereits für September 2004 geplant. Mit dem schnellen Wachstum haben auch die zu verwaltenden Datenmengen und somit die die Anforderungen an das IT-System der Cash & Carry-Kette enorm zugenommen. Die bislang verwendete dezentral arbeitende Eigenentwicklung war damit überfordert. Lenta stand vor der Notwendigkeit, eine zuverlässige Informationstechnologie einzuführen, die mit der Expansion des Unternehmens Schritt halten kann. Mit SAP for Retail sollte das alte IT-Flickwerk aus Einzellösungen und zahlreichen Schnittstellen der einzelnen Filialen und Abteilungen durch eine integrierte Lösung ersetzt werden. “Gefragt war eine Software, mit der wir im Hinblick auf unsere weiteren Expansionsbestrebungen optimal aufgestellt sind”, begründet General-Manager und Eigentümer Oleg Jerebtsov die Entscheidung für SAP.
Ziel war es, eine zuverlässige ERP-Lösung zu schaffen, die eine höhere Transparenz für eine fundierte Entscheidungsfindung schafft, Kosten senkt und die notwendige Investitionssicherheit gewährleistet. Lenta war bereit, seine gesamten Geschäftsprozesse komplett zu überdenken und gegebenenfalls neu zu gestalten. In punkto Anwenderfreundlichkeit sollte eine einheitliche Oberfläche die Kommunikation vereinfachen. Den Verantwortlichen bei Lenta war klar: Es galt, alle logistischen und finanztechnischen Funktionalitäten neu zu konzipieren und umzusetzen. Lenta entschied sich für die Branchenlösung von SAP – und für die Novasoft AG als Beratungs- und Implementierungspartner. SAP for Retail deckt die gesamten handelsspezifischen Komponenten ab. Zusätzlich führten die Novasoft-Berater die Module Finanzwesen (FI) und Controlling (CO) sowie die Kundenauftragsabwicklung (SD) und Materialwirtschaft (MM) ein.

Effiziente Disposition im 30-Minuten-Takt

Mit der Einführung des Warenwirtschaftssystems wurden alle Prozesse zur Abwicklung von Einkauf und Verkauf, die Stammdatenverwaltung und die individuellen Prozesse der einzelnen Filialen in einem integrierten System zusammengebunden. Für den Einzelhändler Lenta besonders wichtig: Auch die Schnittstelle zu den Kassen ist stabil abgebildet und in das System eingebunden. Bei dem neu gestalteten Wareneingangsprozess lassen sich nun in nur einem Schritt die Preise und die Mengen der angelieferten Produkte prüfen. Das vereinfacht auch den Rechnungsprüfungsprozess. Die Disposition des Wareneingangs für Transporte wurde in der integrierten SAP-Lösung weitestgehend automatisiert. Aufgrund des enormen Volumens war dies bislang eines der Sorgenkinder bei Lenta. “Jetzt haben wir einerseits einen wesentlich besseren Überblick über die aktuellen Abverkaufszahlen. Zum anderen haben wir deutlich optimierte Dispositionsmöglichkeiten und können daher auf die aktuelle Nachfrage zeitnah reagieren – und in einem viel engeren Takt LKWs anfahren lassen”, benennt Jerebtsov die unmittelbaren Ergebnisse der Softwareeinführung. Im halbstündigen Rhythmus disponiert die Lösung nun die Anlieferungen neu, um Doppelbelegungen und Wartezeiten an den Toren der einzelnen Märkte zu vermeiden. Und nicht nur die Öffnungszeiten für den Kunden, auch die Anlieferung neuer Waren ist nun an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr möglich. Besonders im Bereich der Frische-Disposition – also der Bestellung und Lagerung schnell verderblicher Güter – zahlt sich die kurzfristige Reaktionsmöglichkeit aus.
Die Fracht- und Transportprozesse sind komplett in den Logistik- und Wertefluss eingebunden. Die Warenlogistik ist im SAP-Finanzwesen integriert und optimiert so das Controlling. Ein spezifisches SAP-Modul zur Steuerung der Mehrwegtransportverpackung wurde von Novasoft so modifiziert, dass das Unternehmen jederzeit nach verfolgen kann, welchem Zulieferer welche Mehrwegverpackungen zuzuordnen sind und an wen Pfand zu entrichten oder rückzufordern ist. Das vereinfacht die Abwicklung in der Logistik und Rechnungsprüfung wesentlich und führt mittelfristig zu einer Kostenreduktion.

Lagerbestand verringert – Sortimentssteuerung optimiert

Heute werden bei Lenta alle Unternehmensprozesse durchgängig und transparent gesteuert. Das Unternehmen verfügt dadurch über fundierte Daten für die Entscheidungsfindung. Die artikelgenaue Bestandsverwaltung ermöglicht es, das Sortiment exakt zu führen. Damit lässt sich der Deckungsbeitrag optimieren, die Umschlagsgeschwindigkeit erhöhen und der Warenbestand senken.
Die neu geschaffene Datenkonsistenz über die gesamte Lösung hinweg erleichtert zudem die Kommunikation der Abteilungen und Märkte untereinander. Bislang bedienten sich die Filialen jeweils eines separaten Warenwirtschaftssystems. Künftig werden mit der integrierten Lösung fehleranfällige Doppelterfassungen vermieden. Auch der Vergleich der einzelnen Stores untereinander wurde verbessert – und die individuelle Preis- und Sortimentsanpassung ist in jeder Filiale möglich.

mySAP CRM auf der Wunschliste

Als wesentlichen Faktor für den Erfolg des Projekts nennt Oleg Jerebtsov die direkte Kommunikation zwischen den 160 Anwendern bei Lenta und den russischen oder Russisch sprechenden IT-Experten des SAP-Implementierungspartners Novasoft. “Mit Novasoft haben wir uns exzellentes SAP-Know-how ins Haus geholt. Wir profitieren enorm von dem Branchenwissen der Berater”, so Jerebtsov. Derzeit führt Novasoft zur Optimierung des Bestandswesens das SAP Business Information Warehouse (SAP BW) ein. Zudem plant Lenta, künftig die Lohnbuchhaltung auf das SAP-Personalwesen (SAP HR) umzustellen und diverse Komponenten von mySAP Customer Relationship Management (mySAP CRM) zu integrieren. Mit SAP wurde die Basis für eine datengestützte Kundenorientierung gelegt. Schon heute werden bei Lenta rund 60 Prozent der Einkäufe über Kundenkarten abgewickelt. Diese Karten bieten den Kunden attraktive Konditionen – und liefern dem Unternehmen wichtige Anhaltspunkte zu Optimierung der Produkt- und Marketingpolitik.
Jerebtsov ist zuversichtlich, somit die IT-Voraussetzung für das geplante weitere Wachstum geschaffen zu haben. Bis Ende 2005 soll das Filialnetz des Einzelhändlers allein in St. Petersburg auf zwölf Geschäfte ausgeweitet sein – und dann heißt es mehr als das Doppelte an Waren, Daten und Mitarbeitern zu koordinieren.

Wolfgang Lehmann

Wolfgang Lehmann

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